Müde

Müde. Unfassbar müde. So müde, dass das Wort müde schon zu lang ist, um es im Wachzustand überhaupt noch aussprechen zu können, ohne dabei einzuschlafen. Dieses gemütliche M, dieses lange, wabernde Ü, da dämmert es doch schon im Hirn, bevor überhaupt das D kommt, gegen das man dann fällt, wie gegen eine dieser großen blauen Matten in Turnhallen, wissen Sie, diese großen Matten, die ganz weichen, auf denen man so bequem liegt. Das E dann natürlich völlig unerreichbar. So müde. Die Söhne schlafen schlecht, die Söhne träumen wild. Die Söhne geistern nachts herum, die Söhne wecken sich gegenseitig und dann die Herzdame und mich. Schon seit Wochen. Es ist alles nur eine Phase, es ist alles nur eine Phase. Das Eltern-Mantra, morgens um halb drei im Bad gemurmelt, während man mit nackten Füßen auf den kalten Fliesen steht und mit einem spektakulär schlecht gelaunten Dreijährigen diskutiert, wer spülen darf und wann.

Müde ins Bett gehen, müde aufwachen, müde aufstehen, um spätestens 12 Uhr mittags so unfassbar müde sein, dass man meint, vom Bürostuhl zu rutschen. Ernsthaft darüber nachdenken, wie schön es wäre, da hinunterzurutschen, auf diesen ungeheuer einladenden Teppich, der so flauschig aussieht wie nie. Es muss wahnsinnig entspannt sein, unter dem Schreibtisch zu liegen. Man könnte die herabhängenden Kabel zählen, zum endgültigen Einschlafen, als Schäfchenersatz. Man könnte den Mehrfachstecker dort als Kopfkissen nehmen, man ist ja nicht anspruchsvoll. Diese Art von Müdigkeit. Das Denken wird immer langsamer, der Egalfaktor von allem steigt bis weit in den roten Bereich, alle Gedanken verspäten sich heute bis auf weiteres, wegen einer Störung im Betriebsablauf. Wir bitten um Verständnis.

Zwischendurch einmal auf das Handy sehen, um festzustellen, wie spät es ist. Das Handy zeigt mir die Uhrzeit, aber das Handy zeigt mir auch, dass ich in Hannover bin. Hannover. Steht da. Ich kann nicht in Hannover sein, ich bin ja in Hamburg, wo ich hingehöre. Ich sehe aus dem Fenster, da stehen charakterlose Bürohäuser, die könnten tatsächlich überall stehen, warum nicht auch in Hannover. Ich sehe meine Kollegen an, die kommen mir alle bekannt vor. Die Karte auf dem Handy meint hartnäckig, ich sei in Hannover, seit Stunden meint sie das schon. Was mache ich in Hannover? An einer Straßenecke gegenüber vom Historischen Museum, wie das Handy ganz genau angibt? Ich sitze in meinem Hamburger Büro und überlege, was mir zu Hannover einfällt. Ich komme auf nichts und denke mir schließlich, dass das wohl auch reicht, ich meine, es ist eben Hannover.

Ich arbeite nicht weit vom Hamburger Hauptbahnhof. Ich könnte mal eben in einen Zug steigen und nach Hannover fahren, das ist gar nicht weit, glaube ich. Ich war noch nie in Hannover, wenn ich mich recht erinnere. Ich könnte mich zum Historischen Museum durchfragen und nachsehen, ob ich nicht doch an dieser Straßenecke stehe. Mein Handy lügt doch sonst nicht mit Orten, warum soll es jetzt lügen. Aber was mache ich, wenn ich da wirklich stehe, in Hannover? Aber nein, wahrscheinlich stehe ich da nicht. Denn selbst wenn ich da heute gestanden habe, dann hat mein Handy dort doch wahrscheinlich angezeigt, dass ich in Hamburg bin, und da ich ja überall gleich bin, also innerlich, meine ich, wäre ich wahrscheinlich in Hannover zum Bahnhof gegangen und wäre nach Hamburg gefahren, um nachzusehen, was ich denn dort mache. Ich hätte mich dann aus dem Zugfenster heraus in dem Fenster des Zuges in der anderen Richtung sehen können und die Dinge wären sicher furchtbar kompliziert geworden, glaube ich. Es ist aber auch egal. Es ist überhaupt alles egal. Ich bin einfach nur müde. Ich bin sehr, sehr müde und im Grunde bin ich mir nicht sicher, ob ich schlafe oder nicht. Wenn Sie mich sehen, sprechen Sie langsam, ich habe Kinder.

Wenn Sie mich in Hannover sehen, sagen Sie lieber nichts.

Welche Tageszeit ist es? Schlafen die Kinder? Ach, egal.


Kurz und klein