Wie ich einmal im Museum für Völkerkunde war, wo der Affe Kleingeld brauchte, aber nur einen leeren Topf hatte

Das Museum für Völkerkunde nennt Sohn I hartnäckig Museum der Völkerstunde. Das macht auch nichts, das klingt ja auch gut und wenn man erst fünf Jahre alt ist, dann sagen einem sowieso beide Begriffe überhaupt nichts. Irgendwas mit Völkern eben, was auch immer das sein mag. Völker, das sind die anderen, reimt er sich zusammen, die sind nicht von hier. Wir sind auch ein Volk, sage ich, aber wir leben ja noch, sagt der Sohn, deswegen kommen wir nicht ins Museum. Oder nur als Gast. Es ist kompliziert. Ich konnte im Vorwege damit punkten, dass da ein mongolisches Zelt aufgebaut sei, denn daran konnte ich mich noch ganz dunkel vom letzten Besuch erinnern und deswegen kam Sohn I dann überhaupt mit. Ein mongolisches Zelt, vielleicht sogar das von Dschinghis Khan, das sieht man immerhin nicht jeden Tag. Das Zelt haben wir allerdings gar nicht gefunden, vielleicht gibt es das auch gar nicht mehr, aber das Kind war dann eh zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um noch dauernd an Steppenfürsten zu denken.

Wenn man das Museum betritt, könnte man theoretisch nach oben, nach rechts oder links gehen. Wenn man ein Kind dabei hat, muss man allerdings zwingend nach rechts gehen, denn schon während man noch die Jacken abgibt, entschwindet der Nachwuchs in dieser Richtung, als wäre dort ein riesiger Kinder-Absorber installiert. “Indianerland” steht an dem Raum und da man schon von weitem einen Tipi sieht, gibt es natürlich kein Halten. Echte Indiandersachen, echte Indianerwaffen, echte Indianerkleidung und bei jedem einzelnen Stück fragte der Sohn wieder, ob das denn auch echt sei, wirklich ganz, ganz echt? Um den dargestellten Gegenstand dann sofort mit Verachtung zu strafen, wenn ich mir nicht ganz sicher war, ob das Ding nun nachgemacht war oder nicht. Man kann einem Fünfjährigen Pfeil und Bogen aus einem gefundenen Stöckchen, einem Bindfaden und zwei Zweigen basteln, er wird den ganzen Tag mit heiligem Ernst damit spielen, und die Waffe wird in seinem Spiel so echt sein, wie sie nur sein kann – aber wenn man bei dem riesigen Adlerfederschmuck im Museum nicht auswendig hersagen kann, welcher Häuptling das einmal getragen hat – pfft. Weitergehen, egal, ist wohl nicht echt. Braucht kein Mensch. Kinder bleiben seltsam, auch wenn man schon ein paar Jahre mit ihnen verbracht hat.

Ein ausgestopfter Bison, das ist natürlch etwas. Ja, der war mal echt, davor bleibt er lange, lange stehen und guckt. Der ist sogar immer noch echt, nur tot, erklärt er mir. Ausgestopft. Und fragt schließlich, ob die Puppe in der großen Vitrine, der man indianische Kleidung angezogen hat, denn auch ein ausgestopfter Mensch sei? Ach, echt nicht?

Nach mehreren Museumsbesuchen habe ich mich daran gewöhnt, wie das Kind von Schaukasten zu Schaukasten rennt und habe es aufgegeben, irgendeinem logischen Weg durch das Gebäude zu folgen. Ich verzichte auf alle Pädagogik, lasse entdecken und trotte hinterher. Ich antworte, wenn er etwas fragt und halte es aus, dass er an den besten Dingen vorbeirennt, denn die besten Dinge sind es ja nur für mich, nicht für ihn. Der Sohn galoppiert durch den Raum, ich erzähle ihm nebenbei, dass heute Märchentag im Museum sein, da tragen Märchenerzähler dauernd etwas vor. Er guckt mich an, als hätte ich ihn “mein kleines Babylein” genannt. Er stand gerade vor einer Friedenspfeife und sprach womöglich in Gedanken zu seinem Volk, es war sicher ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

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