Ich habe vor 25 Jahren Abitur gemacht und danach nie wieder mit dem Thema Schule zu tun gehabt. Und das fand ich auch gut so, denn ich hielt die Schule ganz bestimmt nicht für eine segensreiche Einrichtung. Jetzt wird sich der Umgang mit dem Thema aber nicht mehr lange vermeiden lassen, denn noch in diesem Jahr kommt Sohn I in die Vorschule, im nächsten Jahr also in die Grundschule. Er hat Freundinnen und Freunde, die bereits eingeschult sind, wir kennen viele Eltern, die schon Kinder an Schulen haben, das Thema macht sich in unserem Leben allmählich breit und breiter. Wir waren kürzlich auf einem Tag der offenen Tür in einer Grundschule, wir waren auch schon auf einem Elterninformationsabend. Wir haben zu diversen Schulen im Internet nachgelesen, was andere darüber geschrieben haben. In Hamburg kommen bei der Einschulung sowieso immer mehrere Schulen in Betracht, durch die zentrale Lage des Stadtteils scheinen es bei uns noch ein paar mehr zu sein. Es gibt Eltern, und es sind gar nicht wenige, die schon an der Wahl der Schule zu verzweifeln scheinen, das ist also offensichtlich alles gar nicht so einfach.

Oder doch. Vielleicht ist es sehr, sehr einfach. Denn eine richtig schlechte Schule scheint nicht dabei zu sein und im Rahmen der Möglichkeiten, die sich durch die Größe der Gebäude, die Lage im Stadtteil, die konfessionelle Bindung etc. natürlich schon unterscheiden, sind sich alle Grundschulen recht ähnlich. Sie wirken alle ausnehmend freundlich, die Philosophie der Unterrichtsgestaltung wirkt auf mich ausgesprochen nett und bemüht, die Lehrer, die ich bis jetzt kennengelernt habe, erscheinen mir alle zurechnungsfähig und kompetent. Die Schulen bieten alle Gott weiß welche AGs, Sportarten und sonst was an, Wahlkurse, Neigungsfächer, Fremdsprachen, Musikinstrumente. Theatergruppen, Kunstexkursionen, Klassenreisen. Mittagessen, Spielplätze, Hortbetreuung, man kommt aus dem Aufzählen gar nicht heraus, man denkt sich immer noch etwas für die Kinder aus. Und es ist nicht so, dass die Gymnasien oder anderen weiterführenden Schulen dramatisch liebloser als die Grundschulen ausfallen, nach allem, was ich bisher weiß, Turbo-Abi hin oder her. Ich finde das wirklich faszinierend. Sie finden das vielleicht nicht, weil Sie das alles schon kennen, aber ich kann erklären, warum ich das so faszinierend finde und warum moderne Schulen bei mir tatsächlich Vorschusslorbeeren haben.

Ich wurde Anfang der Siebziger Jahre eingeschult. In meiner Klasse waren 46 Kinder, die Schule war vierzügig. Das waren die geburtenstarken Jahrgänge, die Fülle kann sich heute keiner mehr vorstellen. In den Klassenräumen gab es Tische und Stühle, eine Tafel, einen Kartenständer und sonst nichts. Nicht, weil es kein Geld gab, sondern weil man einfach nichts brauchte, nach herrschender Meinung. Frontalunterricht vom ersten Tag an, Zeugnisse und Noten vom ersten Jahr an („Maximilian ist sehr unruhig und stört oft“). Sportunterricht wie im Bootcamp. Ich weiß, ich habe das schon einmal erzählt, aber weil es hier so schön passt doch noch einmal: wir mussten jeden Morgen in Reih und Glied vor den offenen Fenstern des Klassenraums stehen, mit den Armen kreisend wedeln und „Im Frühtau zu Berge wir ziehen fallera“ singen. Jeden verdammten Morgen. Wenn die Lehrerin schräg drauf war, wurde das Lied getauscht gegen die seltsame Volksweise: „Kraut und Rüben haben mich vertriehieben, hätt mein Mutter Fleisch gekocht, wär ich daheim gebliiiiiiieben“, es schaudert mich heute noch. Danach wurde geschlossen Platz genommen und es ging los. Ich möchte nicht behaupten, dass dies eine besonders schlimme Erfahrung war, aber es illustriert doch ganz gut, was man damals für normalen und zweckmäßigen Unterricht hielt und wie nah diese Form des Unterrichts noch an sehr alten Vorstellungen war, bzw. an dem, was die Lehrer selbst als Kinder oder Jugendliche im Dritten Reich erlebt hatten.

Wir hatten drei Lehrertypen zur Auswahl, mehr gab es nicht. Drei Lehrertypen, die reichten für die Grundschulzeit und auch noch für das Gymnasium. Es gab zum einen Altnazis, wobei es sich nur um eine Typenbeschreibung handelte, ob sie wirklich Nazis waren, das wusste natürlich keiner. Altnazis waren meist ältere Herren, sie waren stramm und streng, brüllten gerne Kinder an und es kam auch noch zu meiner Schulzeit vor, dass ihnen dabei die Hand ausrutschte. Sie waren nicht selten Alkoholiker und trugen schlecht sitzende Anzüge. Immer. Vor Altnazis musste man Angst haben, Altnazis konnten einem das Leben zur Hölle machen. Altnazis stellten enorme Anforderungen in ihrem Fach und waren uns, was ihre Bildung betraf, stets haushoch überlegen.

Und es gab 68er, über deren Haltung in der 68er Revolution man auch nichts wusste, auch das war natürlich nur eine Typenbeschreibung. 68er waren lieb und nett, ungewöhnlich zugänglich und oft seltsam ahnungslos, was ihr Fach betraf. 68er trugen Wollpullover und Jeans. Leider entpuppten sie sich in aller Regel schnell als linke Vögel, die hinter der basisdemokratischen Fassade durchregierten wie das Politbüro im Osten und einen ohne jede Ansage ins Verderben stürzten. Bei 68ern konnte man mit Kalkül und Taktieren zum Erfolg kommen, bei Altnazis nur mit Leistung und sturem Auswendiglernen. Beides war ziemlich anstrengend.

Der dritte Typ war ein Exot, das war der normalnette Mensch, der Lehrer mit Seele und Berufsethos, der war wahnsinnig selten, ungeheuer beliebt und seltsam oft in den Randfächern zu finden. Kunst, Musik, Religion. Das war der Typ, bei dem man manchmal kurz die Illusion hatte, ein in irgendwas begabter Mensch zu sein. Diese drei Typen gab es in männlich und weiblich, der Altnazi war mehrheitlich männlich, der 68er auffällig oft weiblich, der normale Mensch war gleichverteilt. Zwischen den Lehrertypen gab es ein paar Mischformen, aber die Rubriken waren meist doch klar erkennbar.

Ich war auf einer ziemlich bekannten Schule, die ist in Deutschland berühmt, weil dort die Schulszene der Buddenbrooks spielt. Also die Szene, in der Thomas Mann so überaus nachvollziehbar die Ängste der Schüler vor den olympischen Lehrern schildert. Thomas Mann schrieb das aus der Erinnerung, er war auch selbst auf dieser Schule. Seine Leistungen im Deutschen waren dort phasenweise ungenügend, im Abgangszeugnis immerhin bei 4, aber das nur am Rande. Seitenlang wird in den Buddenbrooks beschrieben, wie die Schulstunden in nackter Panik verbracht wurden, weil man an die Reihe kommen konnte und keine Ahnung hatte, worum es ging. Nichts als Angst hatte man damals, wenn der Lehrer einen minutenlang der Dummheit und des Kretinismus zieh, wenn er die Zukunft vor der Klasse in Trümmer schlug.

Als Jugendlicher war ich natürlich sehr fasziniert von dieser Schulszene im Roman, da ich jede Ecke des Gemäuers kannte, in der das spielte. Ich hatte sogar den gleichen Schulweg wie der kleine Hanno Buddenbrook, ich habe das also –zigmal gelesen. Als ich später selbst versuchte, über meine Schulzeit zu schreiben, da ist mir das nie gelungen, weil die Szenen immer denen von Thomas Mann ähnelten. Es schien mir auch immer so, als hätte ich tatsächlich Lehrertypen gehabt, die denen bei Thomas Mann seltsam ähnelten. Vor einiger Zeit habe ich mich darüber mit Mitschülern von damals unterhalten, um einmal zu prüfen, ob meine Erinnerung vielleicht vollkommen abwegig ist, aber die anderen waren damals alle im gleichen Film wie ich. Ich habe diese Schulbeschreibungen dann jedenfalls gelassen, das wäre mit meinem Nachnamen doch sehr seltsam gewesen, nur die Abiturfeier kommt in meinem letzten Buch ganz kurz vor.

Zwischen meiner Schulzeit und der von Thomas Mann lagen rund 80 Jahre, zwischen meiner Schulzeit und der von Sohn I liegen nur 26 Jahre. Dennoch glaube ich, dass meine Schulerfahrungen vom Unterrichtsstil her vielleicht näher an denen von Thomas Mann sind, als an denen, die Sohn I bald machen wird. Ich weiß natürlich, was man heute alles der Schule und dem Schulsystem vorwirft, ich lese mich schon einmal warm zu dem Thema, ich bin nicht verklärt. Aber ich habe doch oft den Eindruck, dass viele Eltern die Fortschritte der letzten Jahrzehnte überhaupt nicht zu würdigen wissen. Und ich finde, es gibt ungeheure Fortschritte, in doch ziemlich kurzer Zeit. Vielleicht täusche ich mich auch. Aber ich hoffe nicht.

Bevor ich mich also bald in die Abgründe des Schulwesens stürze, an Elternabenden verzweifle und Hasstiraden auf Lehrer, Methoden und Fächer verfasse – ich fange wirklich äußerst wohlwollend an.


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