Der doppelte Carver

Wenn Sie Raymond Carver kennen und die Geschichte der Neuveröffentlichung seiner Geschichten verfolgt haben – gehen Sie bitte weiter, es gibt nichts zu sehen. Wenn Sie ihn entweder nicht kennen oder nicht wissen, was da neu veröffentlicht wurde, dann erzähle ich Ihnen das kurz, das ist nämlich eine faszinierende Geschichte.

Raymond Carver (1938 bis 1988) ist der amerikanische Großmeister der Story, ein Geschichtengott, ein literarisches Monument. Er hat ganze Heerscharen von Autoren beeinflusst, der Stil seiner kurzen Erzählungen wurde wieder und wieder aufgegriffen, er zog eine enorm breite Spur durch die Literaturgeschichte. Als ich anfing zu schreiben, fragte mich ein älterer Universitätsprofessor der Hamburger Universität: „Hast Du denn auch Carver gelesen?“ Und er fragte es in einem Tonfall, als wäre jegliches Schreiben ohne Kenntnis des Carvers vollkommen sinnlos, und er meinte es ernst, versteht sich. Er gehörte zu der Generation, die ein Schreiben, das nicht in der Nachfolge Carvers geschah, nicht nachvollziehen konnte – man sollte meinen, viel höher kann ein Autor gar nicht steigen.

 

Die Geschichten von Carver waren minimalistisch. Dürre Sätze, schmale Handlung, enorme Wirkung. Eine Sprache, die von allem Singsang, aller Lieblichkeit, aller Verschnörkelung befreit war, die Härte pur. Als Bild wären diese Geschichten die Federskizze eines kahlen, tiefschwarzen Baumes vor schnell hingetuschter grauer Winterlandschaft gewesen, ein paar ungeheuer kunstvolle Striche, im Grunde fast ein Nichts, und doch eine abgrundtiefe Aussage von bestechender Klarheit. Äste, die wie mahnende Finger in den Winterhimmel zeigen. Sätze, die sich ins Gehirn bohren.

So weit, so großartig. Nur waren das gar nicht Carvers Geschichten. Also es waren schon Carvers Geschichten, aber sein Lektor im Verlag hatte sie in einem unvorstellbaren Ausmaß gekürzt, bearbeitet und umgeschrieben. Die Enden geändert, Dialoge gekappt, Beschreibungen rausgeworfen, Handlungen umgeleitet, im Grunde die Vorlage tatsächlich geschändet. Nur eben mit einem unfassbaren Erfolg. Das war Gordon Lish, ein Name, der eher nicht so bekannt ist. Und Raymond Carver lebte nach den ersten Veröffentlichungen der Geschichten, mit deren überarbeiteter Form er nicht einmal einverstanden war, in einem Ruhm, der in einem erheblichen Ausmaß auf Lish zurückzuführen war. Er wurde gepriesen für seine Kürze, für seine ultraschmale Lakonie, für seine reduzierten Plots – und im Grunde pries man zu einem erheblichen Teil einen anderen. Was das für ein Gefühl für den Autor gewesen sein muss – unvorstellbar. Weltruhm für eine Leistung, die in Wahrheit eine seltsame Zweierleistung ist, Lob für Stilmerkmale, die er so nicht geprägt hat, das kann man sich nicht ausmalen.

Die Geschichten von Carver liegen jetzt auch in einer Version (deutsche Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, deutsche Übersetzung der lektorierten Version von Helmut Frielinghaus) vor, die der Originalversion entspricht, also ohne die Übergriffe des Lektors, die man, je nach Standpunkt, auch rettende Eingriffe nennen kann. Die Meinungsfindung ist da durchaus nicht ganz simpel.

Es ist lange her, dass ich Carver in der lektorierten Version gelesen habe, so lange, dass ich nicht mehr direkt vergleichen kann. Ich lese also jetzt die neue Version und habe noch schwach parat, wie die alte war, so wie man eben weiß, dass man ein Buch vor zehn, zwanzig Jahren gelesen hat. Ich habe die alte Ausgabe nicht neben das neue Buch gelegt, ich bin kein Literaturwissenschaftler.

Aber ich mach das, was wahrscheinlich jeder macht, der diese Geschichten kennt und die Neuausgabe in die Hand nimmt: Ich lese ganz anders als sonst. Weil man sich beim Lesen natürlich dauernd fragt, ob man auch gekürzt hätte, umgebaut, eingegriffen. Man fragt sich, ob man von diesen Geschichten nun wahnsinnig beeindruckt gewesen wäre, hätte man vom Hintergrund nichts gewusst, man fragt sich dauernd, wie man sie findet, man stellt sich lauter Fragen, die man sich sonst beim Lesen so nicht stellt. Oder höchstens nach dem Buch, aber sicher nicht bei jedem Satz. Man liest ganz anders als sonst, wenn man weiß, diese Texte waren einmal für jemanden Bausteine, aus denen er dann etwas anderes zusammengesetzt hat.

Natürlich bin ich kein Lektor, ich habe wenige Erfahrungen mit dem Bearbeiten fremder Texte. Und tatsächlich fällt mir auch nichts ein, was ich am Handlungsablauf auszusetzen hätte. Mich stört kein Ende, mich stört keine Figur, ich würde niemanden komplett aus dem Buch werfen. Die Geschichten sind auch in dieser Originalversion beeindruckend, sehr hart und gewaltig. Mich stören nur, und da verstehe ich Herrn Lish, die Dialoge. Wenn man sehr einfache Menschen handeln lässt, dann reden die nicht wie Philosophieprofessoren, das stört tatsächlich, da liegt viel zu viel Bildung, Eloquenz und Reflexion in den Sätzen, die gesprochen werden, das passt nicht in ein Buch, das sonst sehr um Annäherung an eine beinharte Realität bemüht ist. Aber nicht einmal das muss einen wirklich stören, das kann man auch so hinnehmen.

Wenn man selbst Geschichten schreibt, dann muss man mit Raymond Carver sehr vorsichtig umgehen, er färbt ungeheuer ab. Wenn man vercarvert schreibt, dann werden die eigenen Hauptfiguren nach spätestens drei weiteren Absätzen umgebracht, bringen sich selbst um, werden wenigstens Alkoholiker oder vergewaltigen jemanden. Die Beziehung der beiden Hauptfiguren löst sich auf, die Szenerie wird unheimlich, der Himmel bedeckt sich, die Neonröhren am Hotel gegenüber flackern, da kommt man nicht gegen an.

Und ich glaube, man kann den Unterschied zwischen den beiden Versionen des Buches ganz zusammenfassen. Wenn man nach der Lektüre der Originalversion des Autors selbst eine Geschichte schreibt, ist die Hauptfigur nach drei Absätzen unwiderruflich geliefert. Wenn man nach der lektorierten Version weiterschreibt, dann geht sie allerdings schon nach einem Absatz drauf.

Beide Bücher sehr lesenswert, versteht sich.

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