Vintage-Notes

Ich habe gerade gelesen (hier), dass die Firma Polaroid in den USA Läden eröffnet, in denen man seine Handy-Fotos ausdrucken lassen kann. Man kann die Bilder dort drahtlos auf die Computer dort übertragen, noch einmal irgendwelche Vintage-Filter drüber laufen lassen und erhält dann ein Produkt mit dem guten alten Analog-Gefühl. Also genau das, was man früher eben einfach Foto nannte. Was man so aus den alten Alben kennt, inklusive Farbstich. Das ist doch charmant, erst alles in Grund und Boden digitalisieren, dann wieder rückwärtsgewandt das ausgerottete Ursprungsprodukt anbieten, die heiteren Pirouetten des Zeitgeistes. Und das hängt dann da bei den Kunden zuhause an der Wand. Und aus der normalsten Sache der Welt, einem entwickelten Foto, ist plötzlich ein trendiges, hippes Geschenk geworden. Immer wieder faszinierend, so etwas. „Mein Mann hat mir zum Geburtstag ein Polaroidbild geschenkt, das muss irre teuer gewesen sein!“ Aber warum sollte so etwas nur für Bilder interessant sein.

Könnte man nicht einen Shop eröffnen, in dem man seine Whats-App- oder Facebook-Nachrichten als Vintage-Paper gestalten lassen kann? Man setzt da ein paar Studenten vor alte mechanische Olympia-Schreibmaschinen, sucht sich auf Dachböden und in Archiven vorgegilbtes Papier und fertig aus flüchtigen Daten handfeste Erinnerungen. Täuschend echt aussehende Notizzettel und Briefchen, wie damals in den Achtzigern. Die Älteren erinnern sich, wie wir so etwas früher in der Schule weitergereicht haben, um ein Date mit dem Mädchen in der dritten Reihe auszumachen oder wie wir später der Angebeteten so etwas auf den Frühstückstisch gelegt haben. Die fertigen Zettelchen dann in einen netten Rahmen, fertig ist das persönliche, urbane, retroschicke Geschenk. Ähnlich wie bei den Fotos könnte man ja für Textnachrichten auch verschiedene Vintage-Filter-Szenarien, also Macharten anbieten, so etwa „Bleistift auf Print-Zeitungsrand“ oder „Kugelschreiber auf Bierdeckel“ oder „Office 1987“, also Edding auf Post-It. Man sollte wohl bereits jetzt stapelweise Zeitungen und andere Druckerzeugnisse und Schreibgeräte für diesen Zweck horten, bevor es endgültig keine mehr gibt. Man könnte natürlich im Shop auch Rentner beschäftigen, die noch wissen, wie man an der alten Brother das Typenrad wechselt, um die korrekte Briefoptik der frühen Neunziger zu imitieren, das ist ja mittlerweile alles Geheimwissen.

Und dann stehen da Kunden im Laden, befühlen Zettelchen und sagen froh: „Guck. Wie echt.“ Und das wird dann seinen Preis schon wert sein. Toll. Endlich eine Geschäftsidee!

Ich sehe es schon vor mir, wie Kunden meiner Generation die Anmutung der beiden Sonderanfertigungen „Geha auf Löschpapier“ und „Pelikan auf Rechenkästchen“ diskutieren werden.

11 Kommentare

  1. glumm

    Bist du geha oder pelikan? sweet oder slade? tote hosen oder ärzte? wrangler oder levis? realschule oder gymnasium, tag oder nacht? es hört nie auf, und es kommt alles wieder, im neuen bonny oder kleid.

  2. mao

    Großartige Geschäftsidee. Den Matrizendrucker nicht vergessen. Und Kohlepapier-Durchschläge. Wann wird der Lohas-Laden wieder frei?

  3. maveric

    Nicht zu vergessen, die neun und 24 Nadeldrucker. Nur echt mit Endlospapier und diesem typischen Kratz-/Quitschgeräusch.

  4. walküre

    Made my day !!!

    Ich beherrsche übrigens nach wie vor die Kunst des Farbbandwechsels bei diversen Schreibmaschinen, die noch nicht einmal elektrisch sein müssen. :-)

  5. DrNI

    In der Musik haben wir das ja schon lange, genau wie bei diesen Polaroids: Gitarrenverstärker werden digital simuliert. Und so würde es auch bei den Zettelchen sein, niemand würde Studenten oder Rentner für die Produktion einstellen. Statt dessen würde eine Maschine diese Originale täuschend echt nachmachen.

    Die Alternative dazu ist der Vintage Hype, in der Musik ebenfalls zu sehen: Gitarren aus den 60ern und Verstärker aus der Zeit haben bei vielen Leuten Konjunktur, oder hätten es wenigstens gerne, denn sie sind sehr teuer. Und in speziellen Online-Fotogeschäften gibt es aberwitzige Objektive, die aus der Digitalkamera endlich wieder eine schlechte Russenkamera ohne Einstellmöglichkeit machen.

    Aber kommt es am Ende nicht eher auf die Liebe an, die man in das reintut, das man verschenkt?

  6. AP

    Pressung von MP3s als Single, LP oder Aufnahme auf Kassette mit vorher einstellbarem Knistergrad könnte auch hinhauen. Und ein Service, der mir morgens von mir ausgewählte Blog- und Webseiteneinträge wahlweise im Modell “Tageszeitung” oder “Magazin” vor die Tür legt.

  7. Katharina

    Ach herrjeh, seufz.
    Bin ich die Einzige hier, die ihre Blogentwürfe echt von Hand im Moleskine notiert und erst später in die Maschine reinhackt?

  8. Ping: Wochenrückblick 01/2013 | Kristine Honig

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