Der doppelte Wolf des Dezembers

„Und dann vergaß ich es nie, wie du nach tagelangem Marsch in dem zerschossenen Haus die kleine verschrumpelte Kartoffel aus der Asche nahmst, wie man eine kostbare Frucht, einen Pfirsich nimmt und voll Andacht ihren Geruch atmetest. – Erde und Sonne – sagtest du, und draußen waren es 48 Grad Kälte.“ (Wolfgang Borchert, Requiem für einen Freund)

„Geruchlich das Aufregendste jetzt: der Duft des modernden Laubs überall. Unmöglich, ihn zu beschreiben. Es ist was Grottenhaft-Schimmliges drin, das an schneckenschleimglänzende Gruftwände gemahnt; doch auch was Eisig-Gepfeffertes, das man schmecken kann, als hätte man in einen nebelgedünsteten Steinpilz gebissen. Bitter, herb, würzig, streng – all das trifft es und trifft es doch nicht. Ich habe die halbe Nacht nach der richtigen Bezeichnung gesucht; doch erst vorhin, an den Wildschweinsuhlen am See, fiel sie mir ein. Irdisch. Irdisch muß dieser Duft heißen.“ (Wolfdietrich Schnurre, Vorwinterliches Diarium)

Ich habe im Dezember nicht viel Zeit gehabt und bin kaum zum Lesen gekommen, nur abends noch schnell ein paar Zeilen vorm Einschlafen, mehr war nicht drin. Und wenn man immer nur ein paar Zeilen liest, dann geht es mit der Handlung in den Büchern eh nicht voran, weswegen es mich auch nicht weiter störte, dass ich in zwei Büchern las, mal aus dem einen, mal aus dem anderen, wie sie gerade auf dem Nachtisch lagen, ganz gleich. Beide Autoren nur ein Geburtsjahr auseinander, beide an der Ostfront gewesen, beide Nazigegner. Der eine, Wolfgang Borchert, dessen Werkausgabe da lag, überlebt Krieg und Terror nur zwei Jahre und schreibt in diesen zwei Jahren fieberhaft (im wahrsten Sinne des Wortes) sein schmales, furchterregend ernsthaftes Gesamtwerk, der andere, Wolfdietrich Schnurre, dessen angeblich heiterster Band „Es ist wie mit dem Glück“ da gleichfalls lag, überlebt bis 1989 und wird als humorvoller und feinsinniger Erzähler bekannt. Der eine zählt bei der Wikipedia zur Trümmerliteratur, der andere zur Nachkriegsliteratur. Wenn man beide durcheinander liest, dann merkt man die gemeinsamen Wurzeln ihres Stils, dann klingt bei beiden Literatur aus den Zwanzigern herauf, dann fällt einem auch auf, dass beide zwischendurch die Natur mit einer Innigkeit schildern, wie es heute wohl keiner mehr tut.

Und wenn man beide durcheinander liest, dann sieht man die beiden beschriebenen Städte seltsam plastisch vor sich, Berlin und Hamburg, sieht sie in den Dreißigern und Vierzigern, grau, zerschossen, arm und ruiniert. Sieht heruntergekommene Hinterhöfe in Berlin, feuchte Wohnlöcher und kaputte Scheiben und man sieht das neblige Elbufer bei Sankt Pauli und weiter oben die Straßenlaternen in der Nähe der Reeperbahn. Man hört Straßenverkäufer in Berlin Waren anpreisen, man hört die nächtlichen Sirenen der Dampfer an den Landungsbrücken, die Wolfgang Borchert „die Saurierschreie der Schiffe im Strom“ nennt. Das ist so eine Formulierung, da kann man das Buch gut weglegen und das ein wenig im Hirn nachklingeln lassen, während man einschläft. Die Saurierschreie der Schiffe im Strom, und während man das im Halbschlaf murmelt, tutet es tatsächlich von der Elbe, da läuft es dann eiskalt den Rücken runter. Man liest und man sieht die Menschen in den grauen Mänteln in den Straßen, Hungergesichter, marschierende SA, zerbombte Häuser, Gefallene, später Besatzungsmächte. Man liest bei beiden die Erinnerungen an den unfassbaren Horror in Russland, bei Borchert noch alles beherrschend, wild und dämonisch, bei Schnurre nur noch in Anklängen, in Erinnerungsfetzen, als Hintergrund. Schnurre konnte später dann als Humorist bezeichnet werden, und man kann seine Geschichten auch daraufhin lesen, auf die Pointen, auf die kauzigen Figuren, auf das eher pittoreske Elend hin, doch, das geht. Wenn man aber Borchert parallel liest, nimmt man die Moll-Töne bei Schnurre plötzlich viel stärker war, wird das Bild der Stadt Berlin plötzlich nennenswert grauer, tiefer und schmerzhafter. Als würde man mit einer dieser Foto-Apps den letzten Rest Farbe aus dem Bild herausdrehen, die Körnung erhöhen, den Kontrast pushen und etwas Helligkeit nehmen. Man liest bei Schnurre die Stimmung von 33, bei Borchert die von 45 und dann merkt man, wie das passt.

Wenn man zu Borchert Schnurre parallel liest – nein, dann kann man sich dennoch nicht vorstellen, was aus ihm geworden wäre, wenn er länger Zeit gehabt hätte. Wie er wohl zum Frieden gefunden hätte. Nur bei den Naturschilderungen merkt man vielleicht ganz kurz, nur ein, zwei Zeilen lang, was ihm im Frieden noch möglich gewesen wäre, bei den Liebesgeschichten ahnt man es vielleicht auch, wie sie später geendet hätten, wenn sie nicht im und durch den Krieg geendet hätten. Borchert hat das Theaterstück „Draußen vor der Tür“ in nur acht Tagen geschrieben, das ist eine brennende Intensität, die man auch den Geschichten anmerkt, er hatte einfach keine Zeit, er hat geschrieben und geschrieben, mit der Hand, immer weiter, in Heften und auf Zeitungsrändern, wenn kein anderes Papier da war, in fliegender, fiebernder Eile. Er hat nach dem Krieg erst gemerkt, wie gut er Prosa schreiben konnte, er dachte zuerst, er sei Lyriker, beruflich hielt er sich lange Zeit für einen Schauspieler. Als die Geschichtentexte dann endlich kamen, da war das Aufschreiben schon kaum noch zu schaffen.

Gar nicht weit von hier ist das Borchert-Denkmal an der Alster, mit dem berühmten Satz „Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe, unsere Tiefe ist Abgrund“. Und wenn man sein Werk liest und dann den Schnurre liest, dann hart man den ganz leisen Gedanken, was für ein unfassbares Wunder es ist, dass nach 45 überhaupt noch etwas weiterging. Dass unsere Großeltern und Eltern überhaupt weitergemacht haben, dass das alles bis zu uns und unseren Kindern geführt hat und wohl noch darüber hinaus führen wird. Dass der Mensch einfach immer weitermacht. Die Männer auf den Familienfeiern meiner Kindheit, die waren alle in Russland oder an anderen Fronten. Sie oder zumindest ihre Väter, ihre Brüder. Das ist doch eigentlich gar nicht recht vorstellbar, nicht wahr. Und gerade deswegen muss man es sich doch ab und zu wieder vorstellen.

Zwei große Autoren, das Wiederlesen lohnt unbedingt.

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