Gelesen: Netzgemüse von Tanja & Johnny Haeusler

Netzgemüse

 

Ich schließe mich den zahlreichen Lobeshymnen an, die man bereits in zahlreichen Blogs lesen kann: dieses Buch der Haeuslers ist großartig. Es ist durch und durch sinnvoll, vernünftig, angemessen und empfehlenswert. Wer Kinder hat und, haha, Internet, der sollte es kennen. Man sollte es zahlreich verschenken, auch wenn Weihnachten gerade vorbei ist, verleihen und meinetwegen auch in Fußgängerzonen daraus predigen.

Denn es macht Lust auf das Internet als Bestandteil des Heranwachsens, als Teil der Kindheit und Jugend und als Teil der Erziehung. Es ist weder unkritisch noch allzu euphorisch, es schildert realistisch typische Probleme, wenn Kinder online spielen und es beschreibt auch die teils heiklen Aufgaben, vor die Erwachsene dabei gestellt werden. Und es bringt einen selbst dann auf Ideen und weiterführende Gedanken, wenn man sich online ein wenig auskennt. Es nennt klare Chancen und ganz neue Entwicklungsmöglichkeiten, es zeigt auf, was mit dem Internet besser werden kann. Unsere Jungs sind noch ziemlich klein, aber ich denke, die Entwicklungen zeichnen sich so ab, wie im Buch beschrieben.

Mir ist beim Lesen noch einmal klargeworden, dass auch auf mich noch Themen zukommen, mit denen ich vor den Kindern gar nicht gerechnet habe und zu denen ich überhaupt keine Lust habe. Etwa der ganze Game-Bereich, für mich ein Reich endloser Langeweile. Spiele haben mich am Computer nie interessiert, ich würde mir eher ein Fußballspiel ansehen als ein Spiel am Rechner, und das will wirklich etwas heißen. Aber es wird sich nicht vermeiden lassen und ich muss mir da noch die passende Einstellung suchen, schlichte Ignoranz reicht da bald nicht mehr aus. Bei den Kleinkind- oder Vorschul-Apps auf dem iPad komme ich noch leicht mit, weil sie so einen geringen Umfang haben, sobald es um so etwas wie Minecraft gehen wird, sieht das aber sicher ganz anders aus. Das wird spannend, auch für mich.

Ich merke aber schon jetzt, welche Folgen es hat, dass die Kinder in einem sehr online-affinen Haushalt aufwachsen. Teils wirklich überraschende Folgen. Ich kann zum Beispiel, wenn ich keine Lust habe, Sohn I ein bestimmtes Spielzeugauto zu kaufen, das er sehr dringend haben möchte, nicht mehr einfach sagen „Das ist bei Karstadt ausverkauft“, wie es noch meine Eltern sagen konnten. Denn er antwortet ohne lange nachzudenken: „Dann kauf es doch online“. Er weiß, dass es online prinzipiell alles jederzeit gibt. Wenn er im Wohnzimmer Handstand übt, lässt er sich die Übung von mir erklären, er fragt aber auch, ob es dazu nicht einen Film bei Youtube gibt – und den gibt es natürlich. Er guckt sich das an, was Kunstturner vormachen und klickt weiter zu anderen Übungen, er sieht sich Radschlagen und Stufenbarren an und lernt und lernt. Geht aufs Sofa und übt.

Wenn ich anfange, mich für Klassik zu interessieren, dann sitzt er auf meinem Schoß und guckt mit mir gemeinsam Anna Netrebko zu oder er bemerkt nur im Vorbeigehen, nach einem Blick auf mein Notebook: „Oh, Elina Garanca, immer schön“. Nicht weil er ein besonders begabtes Kind wäre, sondern weil ich meinen Interessen jetzt mit Text, Bild, Film und Sound nachgehe und dadurch vieles nicht mehr vor Kindern verschlossen ist. Sie können zusehen, zuhören und sich auch begeistern oder eben nicht. Ich kann natürlich den Inhalt einer Oper mal eben nachlesen und sie nicht – aber Sohn I kann sich besser als ich den Weg zu einem bestimmten Clip mit einer Arie merken, wenn sie ihn denn interessiert hat. Das ist wie beim Memory, sein Gedächtnis ist fitter als meins.

Es ist absehbar, dass Sohn I bald lesen und schreiben kann und er wird sehr schnell merken, dass das ganze Faktenwissen der Welt für ihn verfügbar ist. Ich finde das ungeheuer spannend, wie diese Generation die Welt entdecken wird und das Buch macht Lust darauf, sich das ganz genau anzusehen und als Elternteil zu unterstützen. Mit einer positiven Grundhaltung.

Darüber wird dann wohl auch hier noch einiges zu schreiben sein.

Das Buch bei Amazon


2 Kommentare

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