Schade

Leider lassen sich nicht alle Blogprojekte verwirklichen, auch wenn die Idee noch so gut ist, auch wenn es noch so witzig wäre, so unterhaltsam oder erfolgsversprechend. Wirklich schade. Ich träume zum Beispiel schon lange von einer Bildergalerie, die es so sicher niemals geben wird. Und zwar von einer ganzen Galerie postweihnachtlicher Spielzeugaufbauleistungen, am besten mit weltweit gesammelten Beispielen. Also zum Beispiel Fotos von Erwachsenen, die angestrengt versuchen Playmobil-Ritterburgen, -Polizeiwachen oder –Piratenschiffe zu montieren, oder die sich mit Lego-Palästen, -Raumgleitern oder -Flugzeugen abmühen.

Großaufnahmen von Zungen, die zwischen Zähne geklemmt werden. Steile Falten auf Stirnen, rote Flecken auf Wangen, zusammengekniffene Augen. All die interessanten Details! Verbiesterte Blicke, sich ballende Fäuste, hochgeschobene Brillen. In der hohlen Hand herumkollernde Kleinteile, die ratlos betrachtet werden. Zerlesene Anleitungen, die zum dreißigsten Mal aufgefaltet und wieder weggelegt werden, von verschwitzten Fingern schon fast durchgerieben. Daumennägel, die tastend wieder und wieder Nupsis auf Bausteinen zählen. Schmerzende Knie mit seltsamen Abdrücken, in die sich längere Zeit ein grinsendes Plastikmännchen mit Waffen gebohrt hat. Finger, die nervös in Haaren wühlen, bebende Hände, die übergriffige Kleinkinder wegschieben, die voreilig etwas bespielen wollen, was doch noch gar nicht vollendet ist. Ausgefahrene Ellenbogen, die lästige Ehepartner davon abhalten, in der Endphase der Konstruktion noch korrigierend einzugreifen. Maurer-Dekolletees, in die Kinder scherzhaft Kleinteile versenken.

Umgestürzte Bierflaschen, die dummerweise der Takelage des Schiffes im Weg standen oder halbleere Proseccogläser, in denen eine winzige Plastikturbine seltsam sinnlos herumdümpelt. Eine Großaufnahme des alles entscheidenden Bauteils, während es nach längerer Rollstrecke über die Tischkante kippt und Sekunden später im Dschungel des Flokatis für immer verschwindet. Die unschuldigen Augen eines milde lächelnden Dreijährigen, dem man nicht ansieht, dass er einen der fünf seit Stunden gesuchten Brückenpfeiler die ganze Zeit im Mund hat. Die verhängnisvolle Lücke in der Murmelbahn, die verhindert, dass die Gesamtkonstruktion jemals irgendeinen Sinn haben wird. Der Schraubenzieher der falschen Größe, mit dem man niemals dieses Batteriefach aus dem Zwergenreich wird öffnen können. Ach, es fällt einem noch so vieles ein. Der vollkommen entgeisterte Blick eines Großvaters, dessen Enkel das über Stunden zusammenmodellierte Legokonstrukt nach zehn Sekunden Spielzeit aufs Parkett fallen lässt, wobei es sich wieder in 875 Einzelteile zerlegt.

Wirklich schade, dass es das so nicht geben wird. Es wäre eine Galerie, vielen Eltern gut gefallen würde, glaube ich. Es ist doch immer tröstlich, nicht allein zu sein.

Und falls es übrigens eine Selbsthilfegruppe für erwachsene Männer gibt, die am Aufbau von Haba-Kugelbahnen für Kleinkinder scheitern – lassen Sie es mich wissen.


Woanders – die letzte Ausgabe in 2012 mit den Animals, den Doors, vorgelesenen Geschichten, Fiete dem Seemann und anderem

In der taz eine Geschichte des Songs „House of the rising sun“, die bis weit vor die Animals zurückgeht. Wieder was gelernt.

 

Hier gibt es ein neues, staatlich gefördertes Portal mit kostenlosen Audio-Versionen bekannter Texte für Kinder, wahlweise ab 5 oder ab 8 Jahren: Ohrka (sorry, Link gerade kaputt).  Die Texte werden von prominenten Künstlern gelesen. Sieht aus wie eine feine Sache und was ich mir bisher probeweise angehört habe, hat mir auch gut gefallen. Sohn I sagt dazu: „Jo.“ (Er ist immerhin ein halber Nordostwestfale, was soll man machen)

 

In der Zeit ein Artikel über das Kochenkönnen und unser etwas absurdes Verhältnis zum Kochen. Mit Beobachtungen, die auch auf meine Freunde zutreffen. Können die seltsamsten Gerichte aus exaltierten Foodblogs fehlerfrei nachkochen, scheitern aber an der ordinären Kohlroulade, an der Resteverwertung und vor allem am täglichen Kochen.

 

Wenn Sie kleine Kinder und ein iPad haben – beide Söhne sind hier gerade ganz angetan von Fiete, dem Seemann. Die App kommt ganz ohne Spielanweisung aus, es gibt keine In-App-Käufe oder sonstige Schweinereien. Sehr leicht, für Fünfjährige mit iPad-Erfahrung eher zu leicht, für Dreijährige oder Unerfahrene aber genau richtig. Die App kostet 1,79 Euro.

 

Noch ein Text aus der Zeit – ein interessanter Artikel über die Armut in Deutschland, der der gängigen Meinung von der galoppierenden Verelendung widerspricht. Weder Sie noch ich werden spontan beurteilen können, was hier Wahrheit ist oder nicht, allerdings ist es immer richtig, sich die Messmethoden einmal kritisch anzusehen und zu überlegen, worüber da eigentlich diskutiert wird. Und sich immer wieder klarzumachen, dass die eigene Hochrechnung, basierend auf der extrem kleinen Stichprobe des Bekanntenkreises, wahrscheinlich nicht repräsentativ für Deutschland ist, wahrscheinlich sogar nicht einmal für die eigene Gemeinde oder die eigene Stadt. Es ist nicht einfach, mit der Wahrheit. Weswegen man auch sicher nicht glauben muss, sie nach der Lektüre des Artikels zu kennen. Lesenswert ist er aber allemal.

 

Dr. Mutti sehr richtig und wichtig über Kinder in der Krippe, anlässlich eines seltsamen Artikels im Tagesspiegel.

 

Auf Spreeblick ein Text über einen naheliegenden Vorsatz für 2013, nämlich den, das eigene Blog wieder mehr zu nutzen und Facebook, Twitter etc. tendenziell weniger.  Darüber gab es schon ein paar Texte in anderen Blogs und Kolumnen, zu der Erkenntnis kam schon so mancher. Ich habe im letzten Quartal wesentlich mehr gebloggt als je zuvor und siehe da, es macht dann sogar noch mehr Spaß.  Ich finde es immer noch weiterhin spannend, welche Plattform für was am besten geeignet ist, jeder muss eben seine eigene Mischung finden. Aber ich schließe mich dem Trend doch ganz klar an – es geht eher mehr als weniger ins Blog. Und ich werde eher noch weitere neue Formen im Blog ausprobieren, wie etwa die gerade gestartete Rubrik „Kurz und klein“, als noch weitere andere Seiten zu betanken.

 

Bei Blogroyal ein Text über das Internet und die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, es Offlinern zu erklären. Sehr gut geschrieben und mit nicht von der Hand zu weisender Kritik an der deutschen 2.0-Wirklichkeit. Ein wenig drüber nachdenken – dann „Dennoch!“ drunterstempeln. Was sonst.

 

Und der gute Rat des Tages: wenn die Musik aus ist, einfach  mal das Licht ausmachen. Klingt banal, was? Ja. Klingt aber auch großartig. The Doors live in Kopenhagen, 1968, When the music is over. Wie kann man Casting-Shows gucken, wenn es einmal so etwas gab?

 

Und zum Schluss wie immer das beste Essen der letzten sieben Tage, das war hier, wie es Sohn II nennt, „Schädeldickes Gulasch“. In Erwachsenenkreisen ist es vermutlich eher als Szegediner Gulasch bekannt. Das Rezept geht etwa so, wobei man sich je nach Quelle und Kochbuch darüber streiten kann, ob der Kümmel dazugehört oder nicht (selbstverständlich gehört der dazu). Auch so ein Gericht, das in den letzten Jahren leider seltsam unpopulär geworden ist. Keine Ahnung warum, es schmeckt immer wieder super. Auch wenn es auf dem Rezeptbild drüben absolut nicht so aussieht.