Kunst, Dings, Deko

Ich: „Wir biegen da ab, da gleich hinter dem großen Dings da.“
Sohn I: „Oh Mann, Papa, das ist doch kein Dings! Das ist Kunst am Bau.“

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, woher das Kind die Formulierung Kunst am Bau eigentlich kennt. Immerhin war sie richtig angewandt, das Dings war tatsächlich Kunst am Bau und darüber kann man übrigens etwas länger nachdenken, wie kleine Kinder mit Kunst umgehen, das ist sehr interessant. Es ist zwar wieder ein Teil der galoppierenden Vergrönerung dieses Blogs, aber was soll ich machen, das Leben wirft mir die Themen so zu und ich fang ja nur. Während Frau Gröner, die bekanntlich neuerdings im Zweitstudium Musik und Kunstgeschichte lernt, aber sozusagen von ganz oben in die Themen einsteigt, aus der akademischen Perspektive, beginne ich im wahrsten Sinne des Wortes ganz unten, weil ich mich vielen Themen aus der Kindersicht nähere.

Bei der Kunst gehe ich mit Kindern durch die Stadt und sehe ihre Reaktionen. Reaktionen auf Bilder, Statuen, Denkmäler, Nippes in Schaufenstern, Filme, Fotos, Münzen, Briefmarken, Graffiti und so weiter und so weiter. Es ist faszinierend, wie hohl es in einem klingelt, wenn man einem fragenden Fünfjährigen spontan erklären soll, was eigentlich Kunst ist. Da rekapituliert man schnell, was man aus der Schule, aus dem Studium oder aus einem wie auch immer ausgeprägten Interesse noch von der Kunstgeschichte weiß, holt tief Luft und führt dann eloquent aus: „Äh… uff.“ Und verweist dann auf vorbeiturnende Eichhörnchen, um etwas Zeit zu gewinnen.

 

Denn man muss nachdenken, wenn man das halbwegs vernünftig beantworten möchte, und man muss sich spätestens mit dieser Frage des Kindes auch selber fragen, welche Meinung man eigentlich hat. Und ob man überhaupt eine hat und warum denn bloß. Von der Kunst oder wovon auch immer. Von der Musik, von der Liebe, von der Natur. Warum ist das schön? Ist das gut? Wieso finden das manche gut? Was soll das? Muss man das so machen? Darf man das? Kann das jeder? Wenn man das thematisch mitmacht, was die Kinder einen da fragen, dann kann man noch einmal ganz neu über Themen nachdenken, zu denen man vielleicht längst gar keine Meinung mehr hat. Über Themen, bei denen man das Verschwinden oder Vergilben der eigenen Meinung nicht einmal bemerkt hat. Im Grunde ist das ein Geschenk, noch einmal so nachdenken zu müssen, ich finde das großartig.

Sohn I findet Kunst spannend. Mit fünf Jahren weiß man schon genug darüber, um Kategorien von Kunst im Alltag zu erkennen. Ich habe mit ihm und seinen Freunden über Kunst gesprochen, das war sehr erhellend. Es gibt, nach diesem Expertengremium jedenfalls, drei Kategorien von Kunst, die verblüffend klar definiert sind: Kunst, Dings und Deko.

Kunst ist alles, was „hohe“ Kunst ist und als solche erkannt werden kann. Dazu muss sie zwingend etwas darstellen, sonst fällt sie sofort aus der Kategorie. Ein Ölgemälde im Museum, die Zeichnung einer Blume, die Statue eines Engels. Bei Kunst wird die handwerkliche Leistung gewürdigt, die Kinder sehen den Schwierigkeitsgrad und sind oft ehrlich beeindruckt („voll schön“). Beeindruckt, dass jemand so etwas kann. Normale Menschen, also etwa ich, können das nämlich nicht. So lebensnah, so bunt, so groß, so fein, wie auch immer. Ob Pflastermaler oder Rembrandt, das ist dann egal. Ein Bild von einem Sonnenuntergang mit tollen Farben von Caspar David Friedrich – ganz große Kunst. Dasselbe Bild in der schwachen Kopie in bunter Kreide auf dem Fußweg der Einkaufsstraße – auch ganz große Kunst, warum denn nicht.

Dings ist alles, was Kunst ist, aber nicht als solche erkannt werden kann. Also der berühmte Haufen Stahl vor einem öffentlichen Gebäude, der irgendwas bedeuten soll, das ist ein klarer Fall von Dings. Vor Dingsen steht man ratlos, das nimmt man so hin, irgendwer muss das ja gut finden, sonst wäre das Dings ja nicht da. Eine interessante Unterform ist das Dings mit Zweck, etwa mit Unterhaltungswert. Hängt also jemand zum Beispiel eine Riesenschaukel für Erwachsene irgendwo in den öffentlichen Raum, um etwas Verwirrung auszulösen, dann ist das Dings eine Schaukel und keine noch so ausgefeilte Argumentation könnte einem Fünfjährigen erklären, dass das Kunst ist. Man sieht ja, dass es eine Schaukel ist. Eine Schaukel ist eine Schaukel ist eine Schaukel. Hat das Dings einen Zweck, dann ist es der Zweck. Kann man auf dem Dings hüpfen, dann ist es ein Hüpfdings, kann man daran klettern, ist es ein Kletterdings. Wobei anzumerken ist, dass die meisten Dingse Kletterdingse sind. Kann man auf einem Dings nicht einmal klettern, dann ist es egal, dann interessiert es nicht. Und zwar überhaupt nicht. Ist das sinnlose Dings in der Nähe eines großen Gebäudes, dann ist es zwar immer noch ein Dings, heißt aber aus unklaren Gründen Kunst am Bau. Mit solchen Drehungen können Kinder ganz gut leben.

Deko umfasst in der Regel kleineres Zeug, das sich durch eine gewisse Hübschigkeit auszeichnet und nicht zum Spielen geeignet ist – „Fass das nicht an!“ Mit Deko könnte man aber sehr wohl spielen, wenn man nur dürfte. Man darf aber sicher nicht. Deko sind Weihnachtsengel aus Porzellan, Christbaumanhänger, Setzkastenfigürchen, schillernde Vasen, Modellschiffe hinter Glas, bemalte Teller an der Wand. Deko ist interessant, aber nur für kurze Zeit. Wenn man damit nicht spielen kann, dann ignoriert man es eben besser. Sonderform der Definition: Wenn man mit Deko spielen darf, dann ist sie wohl nicht hübsch („Spiel ruhig damit, wenn es kaputt geht, dann macht das nichts.“)

Es gibt natürlich auch Grenzfälle zwischen den Kategorien. Es gibt Dingse, die halb Kunst sind. Sie stellen vielleicht etwas dar, vielleicht aber auch nicht. Kinder sehen das Glas Wasser dabei eher als halb leer, wenn also etwas nicht richtig dargestellt ist, dann ist es wohl auch nichts. Es sei denn, es geht in Richtung Komik oder Unterhaltungswert, dann ist es zwar gut oder lustig, aber meist keine Kunst. Eher ein Spaßdings. Kleinere Kunstgegenstände sind von Deko oft nicht zu unterscheiden, dürfen aber auch nicht bespielt werden, und dann sind sie eh egal. Richtige Kunst gibt es wiederum auch als Deko, da wird es dann doch verwirrend. Der Kunstdruck an der Wand ist ein Ölgemälde, aber gleichzeitig auch nicht. Und er ist nichts oder zumindest nicht viel wert, das echte Bild aber schon. Also nicht dieses, aber das, das irgendwo im Museum hängt. Was? Wie? Warum das denn? Es ist doch genauso?

Und während Frau Gröner drüben über romanische oder gotische Architekturmerkmale sinniert, die feinsten der Feinheiten zu unterscheiden lernt und sich detailliert von Professoren erklären lässt, was sie da eigentlich sieht, gehe ich demnächst mit Sohn I auf seinen eigenen Wunsch in die Hamburger Kunsthalle, strolche mit ihm planlos von Bild zu Bild und lasse mir von ihm erklären, was er da eigentlich sieht.

Und ich glaube, es ist beides gleich spannend.

9 Kommentare

  1. @Aus_der_UBahn

    Tolle Gedanken, und Vorsicht mit den Kindern! Ich stand mal mit dem Siebenjährigen in Weimar vor dem Bauhaus, da guckte er skeptisch und meinte: “Hundertwasser sagt, die gerade Linie ist des Teufels.” Ich habe mich bis heute nicht erholt.

  2. dorothy_jane

    Toll. Also, beides. Sowohl Frau Gröner als auch Sie und Ihr Sohn.

    Ich studiere selbst Kunstwissenschaften (nur im Nebenfach, ich bin ja nicht verrückt und trage auch keine Jutebeutel als Handtasche durch die Gegend) und ich habe bei den Hauptfächlern selten so eine Begeisterung wie bei Frau Gröner erlebt noch eine solch klar umrissene Definition wie bei Ihrem Sohn (ich schätze, erwachsen-werden verkompliziert nicht nur das Denken, sondern auch die daraus entstehenden Definitionen).

    Könnten Sie nicht mit Frau Gröner und Sohn I zusammen ein Buch schreiben? Über die Kunst – über Gesangskunst, über Malkunst und über Kunst an sich? Ich finde die Ergänzung der beiden Blogs durch die Ihnen zugeworfenen Themen äußerst passend.

    Wünsche Ihnen und den Ihren fröhliche Weihnachten.

  3. walküre

    Meine Tochter hatte sich im zarten Alter von acht Jahren auf einen Disput mit ihrem damaligen Volksschullehrer eingelassen, der beim Zeichenunterricht darauf bestand, ein Himmel müsse genau in diesen und jenen Farben gemalt werden. Meine Tochter hatte nämlich andere Vorstellungen – und setzte selbige auch um. Beim nächsten Elternsprechtag sah ich mich gezwungen, dem anklagenden Lamento des Lehrers (verknöchert & überfällig pensionsreif) Einhalt zu gebieten, mich nicht einschüchtern zu lassen und ihn auf die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks hinzuweisen. Ich bin ob dieser Begebenheit heute noch stolz auf meine Tochter und mich, und Sie, Herr Buddenbohm, können es auf Ihre Jungs ebenfalls sein (die Herzdame natürlich auch !), denn es gibt viel zu wenige Eltern, die sich der intellektuellen Herausforderung durch Kinder stellen. Ich nenne solches den “zweiten Bildungsweg”. :-)

  4. Wolfram

    Ich meine, es gibt: Kunst, Kitsch und Krempel. Was sich mit den Definitionen von Sohn I in etwa deckt, wenn auch nicht in dieser Reihenfolge. ;)

  5. slowtiger

    Ich möchte bitte den Kunsthallenbesuch von einem kompetenten (aber unsichtbaren) Kamerateam begleitet wissen, spätere Generationen möchten ja auch profitieren. Und wozu sonst sollte der NDR meine Gebühren besser verwenden können!

  6. Figunetik

    Der Artikel passt mir genau in den Kram :) Bei Kunst wird nicht nur “handwerkliche Leistung” gewürdigt, sondern was zählt ist vor allem auch das Ideen-Potenzial. Kreativität ist gerade auch bei Kindern förderungswürdig, gerade auch in der heutigen von PC, Handy & Co. gesteuerten Zeit. Wenn ein künstlerisches Werk dazu animiert, viell. weil es im öffentlichen Raum steht, was kann es da besseres geben.

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