Kleine Anmerkung zum Weihnachtsmann

Ich habe ziemlich viel Kontakt zu Kindern, und nicht nur zu den eigenen. Die Altersspanne reicht dabei im Moment etwa von Baby bis achtjährig, das Thema Weihnachtsmann ist da also auf die oder andere Art spannend.

Spannend für die ganz Kleinen, die noch gar nichts recht verstehen, die die Geschichte erst erahnen, die wohl aber diese wunderliche Figur im roten Mantel sehen und staunen und lachen – sie lachen, weil ja alle lachen und sich zu freuen scheinen. Die Figur wird schon gut sein, das kann man sehr leicht daraus ableiten. Sonst würde ja keiner lachen.

Spannend auch für die Dreijährigen, die noch ganz fest glauben, dass der Weihnachtsmann der Weihnachtsmann ist. Der Weihnachtsmann im Sinne von DER WEIHNACHTSMANN.

Und richtig spannend für die Fünfjährigen, die zweifeln, grübeln und denken. Die glauben wollen, aber schon nicht mehr recht können. Die Kontakte zu Grundschülern haben, zu interessanten Quellen, zu Informanten.

Spannend immer noch für die Achtjährigen, die längst gar nicht mehr glauben können und doch noch diese kleine Sehnsucht bewahren. Weil es doch so schön gewesen wäre wenn. Das ist diese Sehnsucht, die man mit den alljährlichen Fantasy-Weihnachtsfilmen so einfach bedienen kann. Da kommen dann lauter wiederbekehrte Kinder aus dem Kino. Der Effekt hält natürlich nur zwei Stunden an, nett ist es dennoch.

Spannend schließlich auch für die Erwachsenen, die die Kinder beobachten, die über sie lächeln, die sich amüsieren, die am Zauber mitarbeiten oder auch an seiner Demontage.

Tatsächlich  denke ich, dass es da nichts gibt, worüber wir uns amüsieren sollten. Denn die Kinder sind kleine Denker, sie denken wie wir, mit den gleichen Mechanismen, ganz ähnlichen Schlussfolgerungen und verdammt ähnlichen Trugschlüssen. Sie sind keinesfalls dümmer als wir. Sie denken nur auf einer viel kleineren Informationsmenge herum.

Sohn I ist ein poetischer Geist mit viel Phantasie, er gehört zu denen, die sehr gerne glauben möchten. Er kommt, wie alle in seinem Alter,  allmählich dahinter, dass mit dem Weihnachtsmann etwas nicht stimmt, aber weil es schön ist, daran zu glauben, bleibt er erst einmal noch ein wenig dabei. Er steht zwar vor knallharten Fakten, wie etwa vor einem denkbar schlecht kostümierten Weihnachtsmann, aber er will das nicht sehen. Da, wo er es doch sieht, kommt er darauf, dass es ja irgendwo anders, in ungeklärten Dimensionen,  noch einen echten Weihnachtsmann geben könnte.  Nur das Abbild vor ihm, das ist leider gerade falsch. Die Story an sich, die wird aber schon stimmen.

Genau so glauben viele Erwachsene auch. Nicht mehr an den Weihnachtsmann, aber an ihren Gott, an die Homöopathie, an die Vollbeschäftigung, an die Zukunft der gedruckten Zeitung,  an den Wahlerfolg der SPD, an die reine Seele Obamas, an die Schuld der Migranten an allen Übeln, an was weiß ich.  Es geht mir nicht darum, Beleidigungen auszusprechen, es geht einfach um den Glauben fern der Wissenschaft und fern der beinharten Erfahrung. Um den Glauben, der Bestand hat, auch wenn jeder Beweis fehlt oder gar fehlschlägt, auch wenn der Glauben immer wieder und wieder durch das Bodenpersonal enttäuscht wird. Haben wir alle. Wenn Sie nicht sofort auf Ihren Glaubensbereich kommen – einfach etwas länger nachdenken. Sie habe Ihren privaten Weihnachtsmann garantiert irgendwo im Schrank.

Sohn II ist ein pragmatischer Geist, ganz anders als Sohn I. Er lässt sich nicht leicht verblenden und vertrösten. Er hat neulich auf einem Hamburger Weihnachtsmarkt den Weihnachtsmann gesehen, der fliegt dort nämlich in seinem Schlitten auf einem hoch gespannten Drahtseil motorgetrieben einmal quer über den Platz. Sohn II kann Fakten nun einfach nicht ignorieren. Er hat gesehen, da ist ein Seil, und der Schlitten fährt auf dem Seil. Der kann da also nicht weg, der ist fest. Der kann gar nicht zu allen Kindern fliegen, das ist alles Unsinn. Kein frei fliegender Schlitten, keine Geschenke vom Weihnachtsmann. Sohn II hat erkannt: Die Story an sich, die ist Unfug. Er ist dennoch vergnügt und freut sich auf Weihnachten, die Erkenntnis stört seine Vorfreude überhaupt nicht. Weil er im Moment der Erkenntnis beschlossen hat, mal eben umzudisponieren. Die Geschenke bringt am Heiligen Abend nämlich jetzt der Nikolaus. Der sieht bekanntlich genauso aus wie der Weihnachtsmann, weswegen anscheinend der Rest der Welt da etwas verwechselt, aber er, also Sohn II, er ist ja nun nicht so blöd, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen, wenn er doch weiß, dass sie falsch ist. Sollen doch alle auf den Weihnachtsmann hereinfallen – die Geschenke kommen in Wahrheit vom Nikolaus, der eben noch einen Zweitjob hat. Am 6. Dezember.  Und Sohn II ist jetzt besonders froh, dass er seine Schuhe so gut geputzt hat, am Nikolaustag, weil er damit auch gleich Weihnachten gefixt hat. Total praktisch. Wäre der Nikolaus nicht für die Geschenke zuständig – die ganze Pracht könnte womöglich ausfallen. Aber Sohn II ist eben nicht dumm, er weiß genau, dass Geschenke kommen. Hat er ja schon erlebt. Und mit ein wenig Nachdenken ist er auf alles gekommen.

Auch das machen wir alle so. Schalten bei zerplatzten Seifenblasen sofort auf den nächsten Hoffnungsträger um. Wechseln von einer esoterischen Lehre zur anderen, von einer Religion zur anderen, von einer Partei zur nächsten.  Postulieren Bezüge, wo es keine gibt, verbinden Themen aufgrund einer vagen Ahnung, glauben an sonderbare private Welterklärungsmodelle. Ziehen den linken Schuh vor dem rechten an, weil sonst der Tag nicht gelingt. Wir tragen bei Prüfungen das Glückshemd und huldigen seltsamen Privatheiligen.

Die achtjährige Tochter der Nachbarin glaubt natürlich überhaupt nicht mehr an den Weihnachtsmann. Aber sie spielt, dass sie glaubt, wenn sie Sohn I oder Sohn II betreut. Und sie spielt es so gut, dass man meinen könnte, sie würde es glauben und wahrscheinlich gibt es in ihr auch noch diese kleine glimmende Bereitschaft, den ganzen Zauber doch noch zu glauben. Weil es doch einfach zu und zu schön wäre. So ein kleines Sehnen, das Ihre Erkenntnislage allerdings überhaupt nicht ändert. Sie würde den Kleinen aber niemals die Freude am Weihnachtsmann verderben.

Und das machen wir auch alle so. Wenn wir zum Beispiel zu einer Taufe in die Kirche gehen, wo wir jahrelang nicht waren, dann stehen wir beim Vaterunser mit auf und singen danach das richtige Lied mit, ob wir den Zirkus nun glauben oder nicht, ob wir Bezug zur Tradition haben oder nicht. Wir erzählen den Gläubigen um uns herum selbstverständlich nicht, dass alles Quatsch ist, wir sind tolerant und nett und benehmen uns und lassen sie und machen ein wenig mit. Und vielleicht beneiden wir sie auch ein wenig, die mit dem verklärten Blick. Wir gehen in den Weihnachtsgottesdienst und sind ergriffen und gerührt, vielleicht sogar jedes Jahr wieder. Und nicht wenige von uns glauben dann selbst ein Viertelstündchen lang. Den ganzen Zauber. Zünden eine Kerze an und wünschen heftig irgendwas.  Trägt die Kerze etwas zur Problemlösung bei? Aber nein. Aber weil es doch zu und zu schön wäre, nicht wahr, zünden wir eine an. Und machen kurz mal mit.  Und wünschen uns was.  Von wem auch immer. Hauptsache Geschenke.  Das bleibt.

Und einige glauben einfach ihr Leben lang. Das ist vermutlich schön.


35 Kommentare

  1. MS.

    Danke an dieser Stelle für die unzähligen tollen Texte, in denen Sie konsequent Dinge und Begebenheiten beschreiben und durchdenken und damit immer wieder ein Stückchen dazu beitragen, den Gedankenwust in meinem Kopf zu ordnen!

  2. Petra

    Wenn man tatsächlich das Bloggen als das neue Medium statt der Zeitung nimmt, dann sind dies hier die besonderen “Sonderseiten”, zwischen dem hysterischem Leistungsschutzrecht und den kleinen Nagellack-Mädchen.
    Dankeschön – Jetzt kann Weihnachten kommen ;o))

  3. Jan

    Glauben ist halt bequemer als Denken.
    Glauben ist aber auch schöner als Denken, weil es näher an der Hoffnung dran ist. Und die brauchen wir ja alle, jeden Tag.

    Vielen Dank für ihre schönen Blogbeiträge. Unzählige laute Lacher und stille Lächler, die häufig den Tag etwas schöner machen, gehen auf ihr Konto. Sie bekommen demnächst ein Päckchen.

    Jan

  4. Ping: Über das Christkind | DENKDING
  5. Andi

    Ich bin ja doch immer wieder erstaunt, wie es die Herzdamengeschichten jedes Mal schaffen einen zu “kriegen”. Vielen Dank dafür!

  6. Tim

    Wir hatten uns letztes Jahr in einer Elternrunde darüber unterhalten, wie absurd es eigentlich ist, dass man in fast allen Punkten versucht, ehrlich gegenüber den eigenen Kindern zu sein. Nur beim Weihnachtsmann lügt man, dass sich die Balken biegen und tut alles die Illusion möglichst lange aufrecht zu erhalten.
    Dabei hatte ich nicht beemrkt, dass mein Sohn die ganze Zeit unter dem Tisch gelegen hatte und alles mitanhöhren musste.
    Als er entdeckt wurde, lachte er jedoch nur kurz und lief aus dem Zimmer. Wir haben nie wieder über den Vorfall gesprochen. Er scheint immer noch an den Weihnachtsmann zu glauben. Das Gehörte wurde wohl einfach als unverständliches Erwachsenengequatsche ausgefiltert.

  7. Nicole

    Wunderwunderschön!
    Solche Beobachtungen lassen meine Zweifel am Kinderwunsch wieder schmelzen, welche durch unzählige Negativartikel (Unvereinbarkeit mit Beruf, etc) geschürt werden.

  8. ks

    Bei uns gab es die Geschenke immer von denen, die sie wirklich schenken, zwar unter einem Baum und auch mit schönem Drumherum, aber eben ohne Weihnachtsmann oder gar Christkind. Unsere Tochter (4) weiss das zwar, hofft aber dennoch, dass es das Christkind -als Rausche-Engel mit goldenen Flügeln- gibt, denn A ist das sooooo schön und B gäbe es dann ja vielleicht doch noch mal Geschenke.

  9. Mama arbeitet

    Ich mag den Schlusssatz: “Das ist vermutlich schön”. Wenn man den Glauben einmal abgelegt hat, wie eine Brille mit der man nicht mehr sehen kann, dann – so meine Sicht der Dinge – ist er für immer Vergangenheit. Ich beneide die Gläubigen, egal welcher Couleur, manchmal. Aber selbst wenn ich es sehr wollte, glauben kann ich nicht mehr.

  10. Zahnwart

    Ich sah einmal den Weihnachtsmann auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt, den, der stündlich über den Markt schwebt. Auf jeden Fall stand er hinter dem Glühweinstand, rauchte und begrabbelte seinen Begleitengel, der sich das gerne gefallen ließ.

    Ach so, schöner Text, wollte ich auch gesagt haben, auch wenn diese Meinung nicht wirklich originell ist.

  11. creezy

    Also, ich glaube an den Weihnachtsmann. An den echten. Aber den bekommt nie jemand zusehen, denn der hat logischerweise zu viel zu tun in der einen Nacht. Weswegen übrigens in vielen anderen Ländern er an ganz anderen Tagen kommt, sonst würde das gar nicht gehen! Weil man ihn nie zusehen bekommt, gibt es dann eben diese vielen anderen Weihnachtsmänner in den schlecht sitzenden Kostümen, damit wir Menschen überhaupt so eine Ahnung haben, wie der Weihnachtsmann aussieht. Das ist legitim. Es gibt ja auch nur einen René Obermann, der kann aber nicht alle Telefonanschlüsse täglich überall legen – deswegen hat er sehr viel Telekom-Techniker, die alle ein bisschen Ähnlichkeit haben aber nicht wirklich.

    Und ja, Glaube ist schön. Glauben zwingt einen immer zur Auseinandersetzung mit einem selbst, das sollte man nie vergessen.

  12. Ping: Geheimnisse | Percanta
  13. Sven

    danke dir, Maximilian, für den schönen Text. Derzeit arbeiten wir bei unseren 4,5 Jahre alten Jungs noch nicht an der Demontage. Es ist alles so schön, wenn sie noch träumen dürfen. Zwillingssohnemann 1 zu 2 gestern beim Anblick des Schnees: jetzt kann der Weihnachtsmann mit dem Schlitten kommen. Der braucht dann kein Auto. So einfach kann es manchmal sein.

  14. Mama Schlaflos

    Ich kann nicht anders und muss mich meinen Vorrednern anschließen: wunderschöner Text über Weihnachten und den Glauben.

    Aber am besten gefallen hat mir eigentlich eine andere Idee in diesem Text: “Sie sind keinesfalls dümmer als wir. Sie denken nur auf einer viel kleineren Informationsmenge herum.”

    Danke für diese Formulierung bzw. diesen Denkanstoß!

  15. Ping: Lesetipp: Kleine Anmerkung zum Weihnachtsmann (Herzdamengeschichten) | Sicherer Babyschlaf
  16. Ping: Der Glaube an den Weihnachtsmann (und so…)
  17. Silbertaler

    Ein wunderschöner Text! Danke dafür! Und der letzte Satz… Ja, es ist schön!

    Bei uns kommt übrigens das Christkind… ;)

  18. Charles

    In der Tat, wenn das Christkind sich die Arbeit mit dem Weihnachtsmann teilt, ist das Problem mit den vielen Weihnachtsmännern aus der Vorweihnachtszeit schon mal behoben.
    Letztlich hilft uns der Glaube -an was auch immer -schließlich aus dunklen Zeiten wieder heraus und das ist auch Sinn und Zweck des Ganzen. Wenn keiner mehr glaubt, wäre unser Leben ziemlich hoffnungslos und depressiv. Umso schöner, wenn wir unseren Kindern den Glauben lassen und ihn nicht künstlich demontieren.

  19. Charlottchen

    Mein mittlerweile Achtjähriger will mir den Glauben nicht nehmen. Ich habe so beharrlich vom Weihnachtsmann erzählt in den vergangenen Jahren… er möchte mich nicht enttäuschen. Aber er bereitet mich langsam auf die bittere Wahrheit vor – vor wenigen Tagen hat er mir erzählt, der Weihnachtsmann hieße Amazon mit Nachnamen…

    Wunderschöner Text übrigens, ich wäre manchmal sehr froh, wenn ich glauben könnte und beneide viele darum.

  20. himmelblau

    Wunderbarer Text, schön zu lesen. Passt zu dieser verschneiten Stimmung draußen.
    Aber warum kommt jetzt überall der Weihnachtsmann? Wenn überhaupt- dann glaube ich ans Christkind! ;)

  21. SilkeSolingen

    Genauso sind die Kinder und das ist im Grunde wunderschön, diese Cleverness gepaart mit Naivität. Meine Patentochter war mit 8 Jahren auch schon völlig abgeklärt. Den Weihnachtsmann gibt es nicht, daran glauben nur Kleinkinder, basta! Den Großeltern, die zu Weihnachten einen Weihnachtsmann engagiert hatten, hatte sie jedoch versprochen, den kleineren Cousinen und Cousins nichts davon zu sagen. Als der Weihnachtsmann die Bescherung hinter sich gebracht hatte und vom Hof fuhr, erwischte er dummerweise einen im Schnee verborgenen Blumenkübel und verbeulte seinen alten R4 noch ein bisschen mehr. Der Vater meiner Kleinen kam herein und erzählte davon. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und zitternder Stimme fragte sie: “Ist den Rentieren was passiert?” Wir waren im ersten Moment total verblüfft, mussten aber dann doch lachen. Nee, is klar… Weihnachtsmann gibt es nicht, aber die Rentiere sind Realität, die hatte sie nämlich schon im Zoo gesehen! Wunderbare Kinderlogik…

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