Es wird haarig

Sie werden es bemerkt haben, Männer tragen jetzt wieder Bart. Dem endlosen Wandel der Mode folgend ist es plötzlich wieder schick, Haare im Gesicht zu haben, und zwar ziemlich viele davon. Das habe ich natürlich schon öfter im Leben gehabt, dass um mich herum alles eine Saison lang seltsam zottelig aussah, aber dieses Mal ist es anders. Denn diesmal mache ich mit.

Nach mehreren bartlosen Jahrzehnten ist es an der Zeit, endlich herauszufinden, wie ich gesichtsbehaart eigentlich aussehe. Da bietet der Badezimmerspiegel plötzlich ganz neue Bilder, das ist wieder eine spannende Phase. Wem werde ich mit der neuen Zier ähnlich sehen? Karl Marx oder Kaiser Wilhelm? Abraham Lincoln, Clark Gable, Rasputin? Werde ich als neuer Mensch durch die Tage gehen, steht der neue Look gleichzeitig für ein neues Lebensgefühl? Lässt man sich als Mann mit dem Bart nicht einfach ein Update wachsen?

Der Mann im Spiegel guckt mich lange an und sagt, worauf ich auch selbst hätte kommen können: ich sehe mit Bart einfach meinem Vater ähnlich. Und zwar verblüffend. Das Update ist gar kein Update, sondern viel eher ein Beitrag zur Traditionsbildung. Das ist auch in Ordnung, je älter man wird, desto mehr besinnt man sich auf seine Wurzeln, das hört man öfter, warum also nicht auch auf die Wurzeln der Haare im Gesicht.

Ich sehe mich also freundlich väterlich im Spiegel an und erinnere mich plötzlich an das Kratzen des Bartes meines Vaters bei Gutenachtküssen in der Kindheit. Dann küsse ich meine Söhne und dupliziere damit mal eben diese Barterinnerung. In zwanzig oder dreißig Jahren lassen die sich dann auch einen Bart wachsen, stehen vor dem Spiegel und denken dann an mich.

Die Bärte haben nämlich mit Mode eigentlich gar nichts zu tun. Bärte sind in Wahrheit nur so ein Familiending. Wie alte Kuchenrezepte von Oma. Na, so in etwa.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung. Und da über meiner Sonntagskolumne dort ein Foto von mir gedruckt wird, auf dem ich bartlos zu sehen bin, baten die Redaktionen um einen ergänzenden Schlußsatz: „Wenn es nach der Herzdame geht, kann das bartlose Bild da oben ruhig bleiben. Sie sorgt in Kürze wieder für die Richtigkeit der Abbildung.“)