Nachträge zu Gontscharows Oblomow (1)

Ich habe das Buch bereit hier gepriesen, dem sind aber noch einige Sätze hinzuzufügen. Das Buch ist nämlich nicht nur eine einzigartige Abhandlung über das allseits bekannte Hauptmotiv des nicht handelnden Menschen, also über die sprichwörtlich gewordene Hauptfigur, die sich hinlegt und lieber erst einmal ein wenig schläft, statt tätig zu werden. Und danach dann ein Nickerchen macht und später gähnend feststellt, dass sich das Aufstehen heute irgendwie nicht mehr lohnt. Das weiß soweit ja jeder, auch wenn er das Buch gar nicht gelesen hat.

Man müsste, fällt mir dabei ein, einmal eine Liste all der Bücher erstellen, die auch die Menschen kennen, die sie nie gelesen haben – oder bei denen man  zumindest das Hauptmotiv auch ohne Lektüre schlüssig wiedergeben könnte. Also wie etwa auch bei Moby Dick, bei Don Quijote oder – naja. Homo Faber? Wo ist das denn noch so? Beim Faust? Bei Hamlet? Bei Fifty shades of grey? Bei der Bibel? Oliver Twist? Eigentlich ein faszinierendes Gebiet. Das geht natürlich auch bei Filmen, ich habe zum Beispiel nie auch nur einen der Star Wars Filme gesehen, könnte die Handlung aber ziemlich gut nacherzählen. Weil alle diese Filme gesehen und ständig darüber geredet haben und weil man an all den Spiegelungen des Films in der Popkultur nicht vorbeikam. Ich weiß, wie Yoda spricht, ich weiß, welche Frisur Prinzessin Leia hatte, wer wessen Vater ist und wann das gesagt wurde usw. Ich kann sogar Star-Wars-Witze machen, die perfekt funktionieren. Ohne jede nähere Sachkenntnis, eigentlich faszinierend.

Was jedenfalls zu dem Buch Oblomow zu ergänzen ist, das ist ein Hinweis auf die Liebesgeschichte darin. Eine Geschichte, man kann es ahnen, die nicht mit glänzenden Erfolgen beginnt und in diesen verkrachten Anfängen liegt wirklich ein literarischer Schatz. Denn die Liebenden führen Dialoge, kurz bevor sie sich ihre Verliebtheit eingestehen, es ist eine Situation, die sich mehrfach wiederholt. Einige Andeutungen, vorsichtige Fragen, hoffnungsvolle Blicke, rasende Herzen, ein kurzes Zögern – und schon ist die Gelegenheit versemmelt. Und zwar grandios versemmelt. Und diese Gespräche, in denen das Unvermögen, sich gleichschwingende Emotionen in angemessener Weise zum selben Zeitpunkt mitzuteilen geradezu irrwitzig vorstellbar wird, man leidet da tatsächlich seitenlang mit, diese Gespräche sind vermutlich die besten Stellen über das Scheitern in der Liebesanbahnung, an die ich mich überhaupt erinnern kann. Wie das Wohl und Werden einer Beziehung an einer einzigen Antwort scheitert, an einem kurzen Nichtzuhören, an einer Ablenkung und einer dummen Wortwahl, wie der eine an dem anderen vorbeidenkt und danebenphantasiert, das ist wirklich großartig. Wie ein Brief einen Tag zu spät geschrieben wird, wie ein Besuch in die falsche Stunde fällt. Man fragt sich unwillkürlich beim Lesen, wie viel wohl im eigenen Leben an falschen Antworten und dämlichen Einfällen gescheitert ist, an nachlässigem Timing und an Oops, ich habe gerade nicht aufgepasst, was hast du gesagt?

Falls Sie in einer Partnerschaft leben – eigentlich doch erstaunlich, dass man das irgendwie erfolgreich hinbekommen hat, oder? Diese ganze Anbahnungskiste? Was für eine Leistung.

Oblomow ist wirklich ein sehr, sehr lohnendes Buch, wollte ich nur sagen.