Während sich in den nächsten Wochen wieder Millionen von Touristen in Zeitlupe über die zahllosen Hamburger Weihnachtsmärkte schieben und in riesigen Trauben vor den Glühweinständen und Wurstbuden herumdrücken werden, ist der Weihnachtsmarkt im Heimatdorf der Herzdame überschaubar. Sehr, sehr überschaubar. Und er dauert auch nur einen Tag, das muss reichen, in Nordostwestfalen hat man es nicht so mit Übertreibungen. Das führt dazu, dass da alle hingehen, und das wiederum führt dazu, dass man jeden trifft, den man kennt. Und man kennt in so einem Dorf natürlich eine ganze Menge. So wird ein Weihnachtsmarkt tatsächlich wieder eine gemütliche und nette Veranstaltung, man kommt keinen Meter weit ohne ein Gespräch. Da verkaufen Leute aus dem Dorf, der Bauer von nebenan, der Imker von um die Ecke, die Grundschule mit Bastelzeug der Schüler, ältere Damen mit selbstgemachter Marmelade, der Wurstwagen aus dem Nachbarort, das ist alles sehr possierlich.

Der verblüffend personalstarke Posaunenchor des Heimatdorfs spielte die üblichen Weihnachtslieder. Sohn II stand in der Mitte zwischen Trompeten, Posaunen und Hörnern und tanzte eine Art Pogo, er ist musikalisch sehr aufgeschlossen und begeisterungsbereit. Wie ekstatisch man aber zu „Macht hoch die Tür“ in der Blechbläserversion abgehen kann, das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht gesehen hat. Sohn I lief währenddessen in geheimer Mission dem Weihnachtsmann nach, der an die Kinder Tütchen mit Mandarinen, Äpfeln und Schokolade verteilte. Sohn I ist in dem Alter, in dem man etwas öfter und länger über die Echtheit solcher Erscheinungen nachdenkt. Kritische Blicke, Fragezeichen im Blick. Dabei jederzeit bereit, sich hinter der nächstbesten Bude zu verstecken, wenn der Weihnachtsmann sich plötzlich nach ihm umdrehen sollte.

Ich sah mich um und ging an einem der Imbisswagen vorbei, dort wurde Stippgrütze verkauft. Eine westfälische Spezialität, das habe ich noch nie gegessen. Es sah in jedem Fall selten abscheulich aus, wirklich abstoßend. Nun bin ich in dieser Hinsicht aber ein angstfreier und äußerst neugieriger Mensch und überlegte gerade, mir Stippgrütze zu bestellen, als mich ein alter Mann ansprach. Er sagte, er hätte meine Bücher gelesen und würde sich gerne mit mir über Heimat unterhalten. Ich hätte Nordostwestfalen in meinem ersten Buch als so ohne jede Besonderheit beschrieben, das Heimatdorf ganz ohne landschaftlichen Reiz und ohne irgendetwas Herausragendes, und so sei es ja auch wirklich, das müsse man zugeben, keine Frage. Er selber sei ja übrigens auch nicht von hier. Er würde das also schon verstehen, wenn man das komisch finden würde, diese Gegend, die ganze langweilige Ecke. Er selber sei aber schon vor sehr vielen Jahren zugezogen, er sei ja, wiederholte er, eigentlich gar nicht von hier. Sondern aus dem Nachbardorf. Er zeigte in eine unbestimmte Ferne.

Aber Heimat könne ja überall sein, sagte er, auch ein Dorf weiter, und wer sich nicht zuhause fühlen könne, der hätte doch kein Leben, das sei für ihn so die Lehre aus dem Dorfleben, die Lehre aus all den Jahren in Nordostwesfalen. Ich antwortete sehr laut, denn der Mann hörte nicht mehr gut, trotz Hörgerät. Ich sagte, ich sei auch froh, dieses Stück Zweitheimat gefunden zu haben, das sei schon etwas Besonderes.

Er sagte, er sei damals der Liebe wegen in das Dorf gezogen, und ich antwortete, ich würde es ohne Liebe auch gar nicht kennen, da hätten wir dann ja etwas gemeinsam. Er sagte, er hätte damals in der Hitlerjugend ein Mädchen hier kennengelernt, und gleich das richtige Mädchen, und das sei dann auch das einzig Gute am Dritten Reich gewesen. Das mit dem Mädchen, und eben nicht das mit den Autobahnen. Na egal, sagte er und wedelte die Vergangenheit mit einer unwilligen Handbewegung weg.

Und ich solle doch bitte noch mehr Bücher schreiben, er würde die dann gerne alle lesen. Wenn er denn dann noch leben sollte. Er sagte, das habe ihm sehr gefallen, wie ich in den Büchern das Dorf geschildert habe.

Womit die mich immer wieder beschäftigende Frage, ob ich noch weitere Bücher schreibe, doch wieder ein Stück mehr geklärt wäre. Denn man kann in solchen Momenten ja schlecht sagen, ach, Bücher, ich weiß gar nicht, muss auch nicht. Wissen Sie, so ein Blog ist auch schön. Nein, in solchen Momenten denkt man eher: Ab nach Hause, Manuskript aufmachen, weiterschreiben, und zwar zackzack, mein Freund. Am besten heute Abend noch.

Okay.

Nächstes Jahr.

Mal sehen.

Aber es bleibt doch die Frage, wie Stippgrütze schmeckt. Denn zu der kam ich dann irgendwie nicht mehr.

Das dann auch nächstes Jahr. Man braucht sinnvolle Ziele im Leben.

 


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