Gelesen: Ulla Lachauer – Ritas Leute

Das Buch hat mir, wenn ich das richtig erinnere, jemand empfohlen, als ich in meiner Rezension zu Pia Ziefles Suna darauf hinwies, dass man wohl mehr Bücher über Menschen mit Migrationshintergrund lesen sollte. Ich habe damals in dem Kontext vorgeschlagen, das furchtbare Wort „Migrationshintergrund“ gegen „Familienromanhintergrund“ zu tauschen, das hat sich aber leider nicht komplett durchgesetzt, die Welt hört ja einfach nicht auf mich.

Dieser Buchempfehlung da bin ich jedenfalls gefolgt, und das war auch gut so. Ein Buch über Russlanddeutsche, das ist eine Volksgruppe von einigen Millionen immerhin, über die ich bisher wenig bis gar nichts wusste. Obwohl meine eigene Familie auch russische Wurzeln hat, wenn man nur lange genug zurückforscht, obwohl ich etliche Russen und Russlanddeutsche kenne, obwohl dicht neben dem Heimatdorf der Herzdame der Ort Espelkamp ist, in dem es von Russlanddeutschen nur so wimmelt. Aber Kenntnis, sei es historisch, sozial, politisch – null.

Ulla Lachauer hat eine russisch-deutsche Familie über mehrere Generationen und Länder hinweg porträtiert. Es ist kein Roman, es ist ein Sachbuch, aber das ist eigentlich vollkommen egal. Es ist ein romanhaftes Sachbuch, ein Buch über eine Familie und wie nebenbei auch ein Buch über ihre Annäherung an die Familie, durch die das Buch entstanden ist. Von den Anfängen in Lysanderhöh an der Wolga, wo sich deutsche, mennonitische Bauern pionierhaft hingewagt hatten, über die Deportationen in der Stalinzeit, durch Elendsjahre in Kasachstan, durch die Aufbauzeit in Kasachstan, bis zur Rückwanderungen in den deutschen Sprachraum. Aber auch bis zu Wanderungen nach Westpreußen, nach Kanada, nach Paraguay – was für ein Reichtum an Geschichte und Geschichten in nur einer Familie. Und was für ein geschichtlicher Wahnsinn.

Es geht, natürlich, um Heimat. Wie Heimat in Familien ist, wie Familien Heimat mit sich führen, wie Heimat als Familienmythos bleibt. Einerseits. Anderseits aber auch, wie Heimat überall dort neu entsteht, wo Menschen irgendwo hingeworfen werden. Egal wo, wenn sie nur überleben, dann schaffen sie sich Heimat, und in nur zwei Generationen werden sie Nachfahren haben, die da nicht mehr wegwollen, und wenn es der letzte unwirtliche Ort auf der Erde ist. Und wenn sie wegkönnen oder müssen, dann werden sie mit Schmerzen gehen und der Schmerz wird wieder ein Familienmythos und da wo sie hingehen, da wird in zwei Generationen dann auch schon wieder Heimat sein und die Orte davor, sie werden zum „weißt Du noch“, bevor sie vergessen werden. Die wenigsten von uns wissen, was vor vier oder fünf Generationen war, was wir als familiäre Kontinuität erleben, das ist geschichtlich wahrscheinlich ein Witz. Man sollte das nicht vergessen.

Es ist eine immense Recherchearbeit, die Ulla Lachauer da vollbracht hat, da stecken Jahre an Arbeit in dem Buch und hundert Romananfänge möchte man
beim Lesen anstreichen. Hundert Abzweigungen in weitere Geschichten, denen man gar nicht mehr folgen kann.

Wir sind ein Zuwanderungsland, wir stammen von Flüchtlingen ab, wir leben in zersplitterten, verstreuten Familien – wir sollten uns mit dem Thema Migration von der menschlichen Seite her beschäftigen, nicht von der wirtschaftlichen. Das Buch ist ein guter Einstieg, es schafft Verständnis. Und es zeigt, was jeder sowieso wissen sollte – keine Familie verlässt gerne ihre Heimat. Einzelne, ja, Einzelne werden das immer tun. Aber wenn Familien wandern, dann steht niemals Abenteuerlust dahinter. Sondern immer viel ernstere Themen.

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3 Kommentare

  1. walküre

    Verbindlichsten Dank für Ihre Worte, die sich jeder Mensch, der in der westlichen Welt lebt, tunlichst hinter die Ohren schreiben sollte.

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