Wie es wird

In Kürze beginnen die Weihnachtsmärkte. Genau genommen schon morgen. Man kann also bald wieder Tannenbäume, Mistelzweige und Deko-Engelchen kaufen, Glühwein trinken und sich an jeder Ecke mit „Last Christmas“ beschallen lassen, eine typisch deutsche Vorweihnachtszeit bricht an. Die Kinder werden mit kleinen Tütchen nach Hause kommen, in denen selbstgebackene Kekse sein werden, in der Kita oder der Schule gebacken.  In deutschen Bildungseinrichtungen ist gemeinschaftliches Backen zu dieser Jahreszeit Pflicht, daran kommt man nicht vorbei. Sie werden uns die Tütchen freudig präsentieren, die lieben Kleinen, wir werden einen Keks essen und er wird wie Kistenholz mit Zucker schmecken, aber wir werden strahlend hm! sagen und den Rest für später aufheben. Wir werden nach der Arbeit in brechend vollen Innenstädten fluchend Geschenke kaufen gehen. Wir werden dieses verdammte Last Christmas so hassen, wie man ein Lied nur hassen kann, dann werden wir uns doch wieder dabei erwischen, es selbst zu pfeifen. Wir werden im Weihnachtsmärchen einschlafen, wir werden uns auf Weihnachtsfeiern gehen lassen, wir werden billige Schokoladenweihnachtsmänner auf dem Schreibtisch haben. Wir werden mehr essen als uns gut tun kann und es werden keine gesunden Sachen sein. Wir werden uns mit der Verwandtschaft anlegen, weil wieder nicht klar ist, wer nun eigentlich zu wem kommt. Wir werden uns um das Festessen streiten, ich muss doch bitten, Kartoffelsalat?  Geht’s noch? Wir werden uns schließlich, wenn fast alles geschafft ist,  noch panisch an Silvester erinnern, das gibt es ja auch, Du lieber Himmel. Wohin? Was? Mit wem?

Und wir werden zwischen den Jahren irgendwann eine Stunde tatsächlich frei haben, richtig frei, ganz frei. Und es wird nicht mehr Last Christmas gespielt werden, denn Weihnachten wird vorbei sein, und es werden auch noch keine Böller zu hören sein. Die Kinder werden mit neuem Spielzeug spielen und uns gar nicht brauchen. Wir werden da einfach nur sitzen.  Pappsatt und matt werden wir sein, während wir da so sitzen, nicht mal einer  dieser furchtbaren Kinderkekse würde noch hineinpassen. Vielleicht wird draußen ein wenig Schnee liegen. Und wir werden uns ein wenig strecken, eine Hand auf dem vollen Bauch, und leise sagen: „Ach ja. Irgendwie doch schön.“

Genau so wird es sein.

Dieser Text erschien in etwas kürzerer Form als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.

7 Kommentare

  1. Stephan

    Ja, genau so wird es sein. Natürlich mit Kartoffelsalat zum Würstchen am Heiligabend, was denn auch sonst? Der selbstgemachte Kartoffelsalat meiner Frau ist einfach der Hammer, da geht nichts drüber!

  2. Huck

    Dieser Hass auf “Last Christmas” wird mir, dem schon 1986 die Eiszapfen der Freude, ob dieses wunderbaren peinlichen Lieblingsliedes, aus der Nase hingen, für immer ein Rätsel bleiben.

  3. Schwiegermutter inklusive

    Genau, schön wird es – ich feier zwar ohne Weihnachtsmarkt, aber dafür mitten in der Wüste, aber der Rest ist identisch. Da bin ich für die Globalisierung richtig dankbar, sonst würde mir doch eine ganze Menge mehr fehlen als nur der Weihnachtsmarkt….;-)

  4. Neli

    Und auf allen dritten Programmen läuft “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”, und wenn ichs verpasse leg ich die DVD ein ;-)

  5. Anne

    Bei uns gab’s immer Heringssalat und für das Kind, also mich, ein Tomatenbrot. Das Kind mochte nämlich keinen Heringssalat. Um ehrlich zu sein hat das Kind auch nie ein Löffelchen von dem Heringssalat probiert, aber der war sowohl schon von der Bezeichnung als auch von der Farbe (es war vermutlich Rote Bete drin) suspekt.

  6. Michael

    Nein, leider wird es genau so nicht sein. Heute stand in meiner Lokalzeitung, daß der Weihnachtsmarkt hier in K. dieses Jahr ohne Musik auskommen muss, GEMA et al sei Dank.

    Hoffe nur, daß Summen erlaubt ist….

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