Mumien, Monster, Mutationen

Sohn I hat eine vergleichsweise entspannte Beziehung zu Ungeheuern. Und auch zu Monstern, zu Gespenstern, Geistern und Vampiren. Sie beeindrucken ihn deutlich weniger, als man es bei einem Fünfjährigen vermuten könnte, er liest ausgesprochen gerne Gruselgeschichten, freut sich über eine möglichst drastische Bebilderung und kann lange darüber diskutieren, wer in der Schattenwelt des Unheimlichen wohl für was genau zuständig ist und wer dort welchen Rang hat.

Vermutlich war es daher eine der Tiefpunkte seines Lebens, als er zu Halloween in einem kunstvoll gestalten „Fürst der Finsternis“-Aufzug in die Kita ging, und ihn die Kindergärtnerin morgens mit „Oh, wie süß, ein kleiner Mönch“, begrüßte. Der Fürst der Finsternis sah nach dieser unwürdigen Begrüßung aus, als würde er die Heerscharen der Hölle an die Front kommandieren wollen, allerdings hatte er dafür nur den hinter ihm gehenden Sohn II zur Verfügung, der in seinem Fledermauskostüm leider nicht sehr beängstigend, sondern vielmehr unwiderstehlich niedlich aussah. Besonders, wenn er gefährlich guckte, und das tat er ausgiebig und oft. Halloween war irgendwie kein richtiger Erfolg.

Zur Weiterbildung wollte Sohn I jetzt mit einer Geisterbahn auf dem Hamburger Dom fahren. Darüber haben wir lange gesprochen, denn man muss annehmen, dass eine Geisterbahn für ein Kind in dem Alter doch noch nicht ganz das Richtige ist. Selbstüberschätzung ist für Fünfjährige selbstverständlich, Heldenmut auch, daher war es nicht einfach, sich mit ihm vernünftig zu einigen. Schließlich schlug ich vor, erst einmal vor den Geisterbahnen etwas herumzulungern, um zu beobachten, wer da so herauskam und mit welchem Gesichtsausdruck. Das fand er einleuchtend.

Also standen wir lange, wirklich verblüffend lange, vor den Geisterbahnen auf dem Hamburger Dom. Und er studierte die Figuren sehr genau, aus allen Richtungen. Er verrenkte sich den Hals, um einen Blick ins Innere zu erhaschen, ging auch mal ganz nah an die Gruseldekoration heran und betaste Schlangengewimmel aus Plastik und morsche Knochen aus Holz. Nach dieser Studienphase erklärte er mir schließlich mit der ganzen Abgeklärtheit des aufgeklärten Menschen, der seinen Verstand ohne Anleitung eines anderen benutzt, dass das alles gar nicht echt sein. Das sei vielmehr nur Plastik, Spielzeug und Deko, und das, was sich da bewegte, das Maul des Krokodils und der frauengreifende Menschenaffe, das seien übrigens nur Maschinen. Davor müsse man keine Angst haben, warum denn auch, das war ja alles nur Spielzeug in groß. Er wollte dennoch nicht mehr mitfahren, weil er wohl sah, dass so kleine Kinder nicht unter den Passagieren waren, das stimmte ihn doch misstrauisch. Er schlug das nächste Jahr für einen Erstbesuch vor, nach ein wenig weiterem Wachstum. Dann ginge das wohl, sagte er.

Das fand ich gut und einleuchtend, ein konstruktiver Vorschlag, damit kann man als Vater leben. Und ich dachte über die Erkenntnislage nach, denn was heißt es, wenn er jetzt schon weiß, dass der ganze Grusel nur Plastikklimbim und Trickgetöse ist? Gibt es dann noch einen Weihnachtsmann, der doch auf der gleichen List der Erwachsenen beruht, mit seinem falschen Bart und dem Hohoho vom Band? Es war mir fast ein wenig zu souverän, wie Sohn I da stand und das ganze Reich der Phantasie da auf Tricks herunterreduzierte, so etwas ist immer auch schade. Am Ende werden seine geliebten Bücher durch diese Erfahrung auch irgendwie entwertet, schwante mir, und ich dachte es nicht gerne. Ein wenig Zauber braucht man doch, als Kind.

Ich überlegte schon, was ich tun konnte, um das Märchenland wieder etwas zu rehabilitieren, als mir Sohn I schließlich nach konzentriertem Nachdenken erklärte, warum die Geisterbahn denn mit billigen Spielzeuggespenstern auskommen muss, mit Menschen in Kostümen und schlechten Toneffekten aus der Konserve: „Weil nämlich, wenn die Geister alle echt wären, dann hätten ja auch die Erwachsenen viel zu viel Angst. Da würde gar keiner mehr mitfahren.“

Und das war eine Erklärung, der ich unmöglich wiedersprechen konnte.


6 Kommentare

  1. Jan Exner

    Den frauengreifenden Menschenaffen gibt’s immer noch?

    Den kenne ich noch aus den Jahren um 1984 herum, ob das wohl noch der gleiche ist?

    In dem Falle würde nämlich auch ich als Erwachsener ein wenig Angst haben, in einem so alten und vermutlich baufälligen Ding mitzufahren…

  2. Micha

    Da ich nun mal leider schreckhaft veranlagt bin, reichen bei mir die billigsten Effekte – immernoch. Das Schöne daran ist: Erschrecken ist ansteckend: wenn ich zusammenfahre, fahren alle in meiner Nähe mit ins Reich der Schocker. Ich würde mich Ihrem Sohn in einem Jahr also als Begleitung anbieten – falls bis dahin die Abgeklärtheit zu weit fortgeschritten sein sollte…

  3. walküre

    Ich musste jetzt an meine Tochter denken, die sich mit ca. 16 Jahren vor Vergnügen schier nicht einkriegte, als sie mir erzählte, dass das Hamburg Dungeon zeitweise schon sehr gruselig ist …

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