Dunkeltuten – der Novembereintrag

Während ich die Texte las, die im Zuge der Aktion „Der Rest von Hamburg“ entstanden sind – über sechzig Beiträge immerhin! – dachte ich natürlich ein wenig über Heimat nach. Heimat im Stadtteil, Heimat in einer Straße, das wurde in mehreren Artikeln thematisiert, teilweise sehr schön. Heimat in Norddeutschland, Heimat in Küstennähe, ich dachte so vor mich hin und klickte parallel zu meinen losen Gedanken etwas auf Youtube herum, wie ich es oft tue. Und kam von Lale Andersen über Udo Lindenberg ganz zwanglos zu Torfrock, das ist ja das Schöne an Youtube, diese seltsamen assoziativen Wege. Torfrock muss man nun sicher nicht kennen, wenn man eher aus Bayern oder Hessen und ähnlichen Gegenden kommt. Man erinnert aber, ausreichendes Alter vorausgesetzt, eventuell doch noch ein paar frühe Kracher der Band, etwa den Preßlufthammer-Bernhard. Die Texte waren eher flach witzig, wurden stark norddeutsch verzerrt gesungen und haben hier oben klar Kultcharakter. Auf den Partys meiner Jugend wurde das immer gespielt, auf Stadtfesten und Grillabenden. Auf Hafengeburtstagen. Wenn ich irgendwo den Liedanfang „Bei die Wikingers in Haithabu…“ höre, ist das für mich heute noch ein Heimatklang, so albern das vielleicht klingen mag, so etwas legt man nicht ab. Und dann war da in einem der Texte von Torfrock irgendwo das Wort Dunkeltuten, das hatte ich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gehört. Ich bin sogar ziemlich sicher, es nahezu exakt 25 Jahre nicht gehört zu haben.

Es gibt eine brauchbare Worterklärung hier, ganz naheliegend, ganz plausibel, ein Begriff aus der Schiffahrt. Was man der Erklärung allerdings nicht entnehmen kann: Das Wort kann man im positiven und im negativen Sinne gebrauchen. Man kann es sagen, wenn man Feierabend macht und eben ganz friedlich nichts mehr macht, weil man nichts mehr machen muss: „Jetzt ist aber Dunkeltuten.“ Man kann es sagen, wenn man nur noch ins Bett geht, dann ist es ganz entspannt und nett. Ein molliges Wort, küstengemäß etwas herb aber gemütlich. Dunkeltuten. Da wird man besinnlich, da zieht man sich zurück, da ist der Stress vorbei.

Man kann es aber auch negativ gebrauchen und so erinnere ich die letzte Nennung, die ich gehört habe. Das war in einem sehr markanten Moment meines Lebens, ein paar Minuten vor der mündlichen Abiturprüfung, als ich zitternd mit einem Freund auf dem Schulflur stand, der auf ähnlich desolate Schulleistungen wie ich zurücksah. Und er fasste das Grauen, diese alles entscheidende Prüfung eventuell nicht zu bestehen und die unfassbare Aussicht auf die Zeit nach der möglichen Generalpanne zusammen mit „Dann is‘ aber sowas von Dunkeltuten.“ Da geht nichts mehr, das hört man schon, da fällt man ins Loch, da ist alles vorbei, und zwar rettungslos.

Diese beiden Seiten hat das Wort, diese beiden Seiten hat auch der Monat November, um mal zwanglos weiter zu assoziieren. Gemütlichkeit bei früher Dunkelheit, Kuschelfaktor ganz weit oben, erste Glühweindüfte in der Küche und erste Lebkuchenkrümel auf dem Tisch. Das Lesen dicker Bücher, während der Regen draußen verlässlich ans Fenster pladdert. Das kann schon schön sein, keine Frage, der morbide Charme des späten Herbstes. Aber eben auch Novemberelend, Dauerfrust und Lichtmangel. Erkältungszeit, allgemeines Durchhängen, kollektive Übellaune, man muss sich in der S-Bahn ja nur umsehen, die Menschheit ein Bild des Jammers.

Wenn man sich abends alleine mit einem Buch aufs Sofa setzt, dann liegt gerade im November zwischen Gemütlichkeit und Einsamkeit, zwischen Muße und Depression vielleicht nur ein einziger Gedanke, vielleicht nur eine sekundenschnelle Assoziation und die Waage kippt.

Ich habe vor längerer Zeit mal einen Text über „Die vergessenen Toten“ geschrieben, da ging es um die Menschen, die in Hamburg sterben, ohne dass sie noch irgendjemand kennt. Menschen, die aus allen sozialen Netzen gefallen sind. Ich habe damals an einer der Beerdigungen für diese Menschen teilgenommen, um diesen Text schreiben zu können. Ich werde jedes Jahr an diesen Text erinnert, weil ich immer um diese Jahreszeit eine Mail bekomme, mit dem Hinweis auf einen besonderen Gedenkgottesdient, der in der Hamburger Petrikriche am Totensonntag stattfindet. Ein Gedenkgottesdienst für diese Vergessenen Toten, also für die, deren eben gar keiner mehr gedenkt. In diesem Gottesdient – ich war noch nie in einem, ich lese immer nur davon – in diesem Gottesdienst werden die Namen von ein paar hundert (!) Menschen vorgelesen, die in Hamburg in diesem Jahr ohne jeden Anhang verstorben sind. Die Gesamtzahl dieser Toten bemisst sich in einer Millionenstadt in Tausenden. Das muss man sich also so vorstellen, dass jemand diese Namen noch einmal feierlich vom Blatt abliest und ausspricht – und dann nennt sie nie wieder jemand.

Da sind viele Obdachlose dabei, da sind aber auch Menschen dabei, die schlichtweg vereinsamt sind, aus welchen Gründen auch immer. Die hatten einfach keinen mehr. Die Gründe wären wohl Geschichten, aber da bleiben ja keine Geschichten übrig, da niemand mehr etwas erzählen kann. Da enden also alle Fäden, da kommt nichts mehr. Das sind alles Namen, die vermutlich einmal liebend genannt wurden, in tausend Zusammenhängen. Wir werden natürlich alle einmal vergessen sein, aber bei diesen Menschen fängt es viel, viel früher an, als man es sich gemeinhin vorstellt. Der Rest ist Dunkeltuten.

Das wollte ich nur mal erklärt haben. Passen Sie auf Ihr Netzwerk auf. Und machen Sie es sich gemütlich. Es ist November.


12 Kommentare

  1. Ernst

    Teufel noch eins! Und dann doch eine Träne, so ganz aus dem Nichts. So hinterrücks, im letzten Absatz. Es fängt so schön-harmlos plätschernd an, und dann! Dann schlägt wieder der Rotwein zu, oder der November, oder wasauchimmer.
    Jajaja!
    Und noch eins hierzu: In den Uffizien in Florenz hängen in der Gallerie hunderte Porträts von damals ganz berühmten Leuten. Für die war es das Größte, dass ein Porträtmaler sich ihrer annahm — oder sie das Geld für einen hatten. Und dann kauften das die Medici! Und hängten es dorthin! Dorthin!
    Und vierhundet Jahre später schieben sich die Massen vorbei, ermattet von all den Wunderwerken, und sehen nicht eines der vielen Porträts. Nicht eines.
    “Passen Sie auf Ihr Netzwerk auf.” Leb heute.

  2. Silbertaler

    Scheiße, ja, das ist November! Und die Tränen laufen, ohne, dass ich was machen kann!
    Ein schöner, aber sehr trauriger Denkanstoß… vor allem, wenn man Kinderlos ist…

    Aufs Netzwerk aufpassen, ja, das ist ein sehr guter Rat! Dankeschön!

  3. Kiki

    So einen Kloß im Hals habe ich, wenn ich, auch gerne bei strahlendem Sonnenschein, am kleinen, stillen „Friedhof der Namenlosen“ in Westerland/Sylt vorbeigehe. Der befindet sich nur einen Steinwurf hinter dem Getöse Friedrichstraße, ist umgeben von einem mit Heckenrosen bewachsenen Friesenwall und beherbergt die mit schlichten, würdevollen Holzkreuzen markierten Gräber all jener, die die Flut an die Inselstrände gespült hat — seit 1855. Sehr anrührend.

  4. ks

    Während ich das lese, versucht meine Tochter (4 1/2) die Oma anzurufen und kommt sehr irritiert zurück, denn da “hat jemand gesagt, ich soll meinen Namen verlassen” – bringt mich dann doch wieder zum Lächeln.

  5. Frische Brise

    Danke.

    Nebenan wurde gerade eine Wohnung leergeräumt. Alles landete im Container. Da musste ich an Deinen Eintrag denken mit dem noch eingeschweißten Gesellschaftsspiel eines einsamen Menschen…

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