Der Rest von Hamburg (17) – Update mit literarischem Sonderbonus

Es gibt einen neuen Text zur Veddel, es gibt auch einen zu Finkenwerder, der Süden ist schon verblüffend gut vertreten.  Auch die außerhamburgischen Lebensformen sind weiter rege dabei: Sven Dietrich schreibt über mehrere Berlins, Dentaku über Stuttgart (West) und Helga Birnstiel über München. Ganz neu an Bord auch Münster. Die Romanautorin Pia Ziefle schreibt über Mössingen.

Und nun noch zu einem  Gastbeitrag, über den ich mich sehr freue. Die Schriftstellerin Katrin Seddig über Eilbek.

„Als ich vor elf Jahren von Altona hierher umzog, im November, hätte ich fast geheult. Warum? Es war nass und dunkel und so: Eilbek besteht fast ausschließlich aus zwei bis dreistöckigen Rotklinkerblocks, viele davon Genossenschaftswohnungen, die meistens relativ klein sind, zwei Zimmer, Küche, Bad, kleiner Balkon, Hinterhof mit Rasen, manchmal eine Sandkiste und drei Rosenbüsche. Der Krieg hat den ursprünglichen Stadtteil vollkommen vernichtet. Deshalb haben jetzt fast alle Häuser das selbe Alter und sie sehen auch alle gleich aus. Block neben Block neben Block. Die Wandsbeker Chaussee zerschneidet den Stadtteil in den geringfügig besseren Teil zum Kanal hinein und den angeblich Schlechteren nach Hamm zu. An der Wandsbeker Chaussee passiert fast täglich ein Unfall, nachts höre ich oft, wie Autorennen ausgetragen werden und manchmal höre ich im Zuge der Autorennen dann, wie sich wieder einer ereignet. Ich höre die Motoren heulen und dann höre ich es gewaltig knallen und ich verspüre eine heimliche Schadenfreude, für die ich mich sogleich etwas schäme, weil ich nicht weiß, ob es sich um junge, vom Leben benachteiligte Jungs handelt, die ansonsten vielleicht charakterlich gehen.

Das Rotklinkerhaus, in dem ich wohne, ist sonst noch von Leuten bewohnt, die vollkommen bedeutungslos sind, so kommt es mir jedenfalls vor. Sie verdienen alle irgendwo ein bisschen Geld, sie arbeiten mit Sicherheit in keinem kreativen Beruf, sie sind nicht modisch gekleidet und abends sind sie alle zu Hause und mit dem Fernsehen beschäftigt. Am Wochenende gibt es Fleisch zum Mittag, was sich im Treppenhaus niederschlägt. Mein Haus, denke ich, ist kennzeichnend für den gesamten Stadtteil. Die Leute sind nicht arm, aber dicht davor. Sie sind das, was man die kleinen Leute nennt. Die kleinen Leute wählen größtenteils SPD. Ein Teil wählt auch links und nur ein sehr geringer Teil CDU, die CDU kriegt hier kein Bein in die Tür, sozusagen. Bezeichnend ist vielleicht auch, dass die drei Prominenten, die im Zusammenhang mit Eilbek genannt werden, Max Schmeling, Hans Fallada und Helmut Schmidt sind. Der Einzelhandel ist in Eilbek ausgestorben. Gastronomie gibt es auch nicht. Entlang der Wandsbeker Chaussee reiht sich Apotheke an Frisör anBestattungsunternehmer an Apotheke und so fort. Dazwischen reihen sich dann noch düstere, beschmierte Schaufensterscheiben, leerstehende Ladenlokale, wie die drei Schleckerläden, die jetzt drei leere Läden mehr darstellen. Zum Einkaufen geht der Eilbeker ins Wandsbek Quarree, was weder hübsch noch nett ist. Im Untergeschoss aber gibt es Fleischer, Bäcker, Gemüsestand. Als Heranwachsender ist man allerdings im Quarree nicht gern gesehen, man darf weder sein Skateboard da mit hinein nehmen, noch sollte man da herumlungern, schon gar nicht laut lachen oder überhaupt eigentlich da sein, wenn man heranwachsend ist. Wenn man das nämlich tut, dann wird man vom Sicherheitsdienst hinausgeworfen und erhält Hausverbot.

Es gibt aber noch den Wochenmarkt hinter dem Quarree. Der Wochenenmarkt ist groß und frisch und es stehen die ganzen rotwangigen Bauern aus dem Land da und verkaufen Fisch und Wurst und Äpfel wie in Eppendorf und anderswo auch. Der Wochenmarkt ist absolut brauchbar. Die Kirchen und die Parks dagegen sind klein und zu vernachlässigen. Auf den Bänken vor der Osterkirche sitzen die Penner mit den Bierflaschen und die noch mobilen Insassen vom benachbarten Ruckteschell-Heim, dem einzigen Hochhaus in Eilbek, die Kirche im Rücken und starren den Verkehr auf der Wandsbeker Chaussee an. Sie starren auch die Haspa und den Secondhandladen “Knallbonbon” an, der gebrauchte Kleidung für Frauen und Kinder führt. Die einzigen Männer, die sich manchmal im Laden aufhalten, sind schwarzafrikanische Männer, die ihre Frau begleiten, die meist einen Kinderwagen mit sich schiebt und / oder ein Kind an der Hand hält. Der Mann sitzt auf dem Stuhl neben dem Eingang und dem Pulloverregal und wartet, bis sie ihn wieder mitnimmt.

Eilbek liegt noch ziemlich mittig in der Stadt, man kann zu Fuß am EilbekKanal zur Alster spazieren, man kann in fünf Minuten mit der Bahn in die
Innenstadt fahren, mit dem Fahrrad nach St.-Georg, man hat die S-1 und die U-1 vor der Nase. Man ist eigentlich mitten drin in allem, aber dennoch
wissen viele Hamburger nicht, wo das überhaupt ist. “Eilbek?, das ist doch irgendwo draußen?”

Die Mieten gehen noch. Verglichen mit dem benachbarten St.Georg sind die Mieten geradezu erschwinglich. Aber aufgrund der oben geschilderten Umstände bleibt Eilbek ungeliebtund nur von Leuten bewohnt, denen die Architektur gar nichts ausmacht, die Architektur vielleicht nicht einmal wahrnehmen. Architektur ist für Reiche und für Kunstaffine. Für Leute, die sich Schönheit leisten können, die nicht acht Stunden in den Hefewerken arbeiten, danach in die Krippe,
Hort, Kindergarten rasen, schnell noch zu Lidl und dann zu Hause kochen und Kinder wegen der Hausaufgaben anschreien.

Meine eigenen Kinder sind hier in einen großartigen Kinderladen gegangen, den ich nur deshalb ausgewählt hatte, weil er in meiner Straße lag. Sie haben die Grundschule in der Richardstraße besucht, weil das die nächste Grundschule war, und wo sie mit Kindern aus zehn Nationen in eine Klasse gingen. Sie waren Mitglied im Fußballverein “SC-Eilbek”, der sich tapfer gegen den verhassten SC-Concordia vom reicheren Marienthal behauptete und auch Mitglied im “Turn-und Sportverein Eilbeck”. Einem Verein, den es seit 1880 gibt und auf den ich von meiner Dachgeschosswohnung aus herabblicken kann. Ich kann die Boxer in der beleuchteten Halle trainieren sehen, die Frauen beim Yoga und die Kinder beim Tennis draußen auf dem Platz beobachten. An Sommerabenden höre ich in meinem Bett, wie die großen Jungs vor der Halle grillen und dazu ihre scheußliche Musik abspielen.

Es gibt nichts Schlechtes über den Stadtteil zu sagen. Ich kenne Leute aus meinem eigenen Freundeskreis, die sind hier geboren, zur Schule gegangen und die leben immer noch hier, im Rotklinker. Um den Puff in der Maxstraße, gleich bei mir um die Ecke, bleibt es meist ruhig, früher soll es anders gewesen sein, aber ich habe nie was gehört, seit ich hier wohne. Der kleine Bioladen an der Ritterstraße hält sich, auch dank mir und trotz seiner verschrumpelten Möhren. Der Spielzeugladen gleich daneben hat seine Öffnungszeiten auf ungefähr einen Nachmittag pro Woche beschränkt, weil die Frau keine Lust mehr zum Verkaufen hat. Die alte Squashhalle gegenüber vom T.H. Eilbeck wurde letztes Jahr abgerissen und im Straßendreieck ein hohes, modernes Wohnhaus gebaut, mit Autoaufzug, Tiefgarage und Dachterasse. Wer wird schon zwischen drei Straßen wohnen wollen, dachten wir uns. Die Mieten sind unverhältnismäßig hoch, haben wir ermittelt. Das Haus ist jetzt komplett vermietet. Von meinem Fenster aus kann ich die Dachterrasse sehen, aber bis jetzt hat da noch nie einer draufgestanden oder draufgesessen.Ich denke mir, dass es auch laut ist, von den drei Straßen her.

Vor meinem Fenster ist der Himmel und in der rechten Ecke blinkt abends die Spitze vom Fernsehturm. Die Leute in meinem Haus machen überhaupt keine Geräusche. Nie. Sie gehen um zehn Uhr ins Bett. Falls sie saufen, dann still. Keiner macht Radau. Gegenüber wird bis in die Nacht trainiert. Die Boxer sind Weltklasse. So ist das. Die restlichen Details bei Wikipedia.”

 

3 Kommentare

  1. eumel

    “Das Rotklinkerhaus, in dem ich wohne, ist sonst noch von Leuten bewohnt, die vollkommen bedeutungslos sind”

    in anderen hamburger stadtteilen wohnen auch nur bedeutungslose leute. es ist in eilbek nicht anders als anderswo. nur weil jemand geld hat und sich höhere miete in sogenannten in-lagen leisten kann, ist er nicht bedeutungsvoll.

  2. querleser

    Sehr schöner Text! Wunderbar beschrieben.
    @eumel: Genauso ist das. Als Schüler habe ich in einem solchen Viertel Zeitschriften ausgetragen und wöchentlich (!) die Abo-Gebühr eingesammelt (voriges Jahrhundert). Kleine Flure, kleine Treppenaufgänge, kleine Wohnungen, kleine Leben – das dachte ich damals. Heute würde ich mich korrigieren: leise Leben. Träume? Ja, aber nicht zu groß. Abenteuer? Ja, aber man muss seine Grenzen kennen. Laut werden? Nichts für mich, und wer hört denn schon auf unsereins … Es kostet viel Willenskraft, sich diesem Sog zu entziehen.

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