Wasserstandsmeldung

Bis zum Hals, um es gleich vorweg zu sagen. Also das Wasser. Ich habe nämlich exakt bis zum 1. Januar so dermaßen viel zu tun, an jedem verdammten Tag wohlgemerkt, dass es wahrscheinlich jeden Rekord in meinem bisherigen Leben bricht. Und November/Dezember sind, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, nicht die allerbesten Monate, um sich derart zu amüsieren, da wartet ja noch die eine oder andere familiäre Verpflichtung auf einen. Und ein paar saisonale Besonderheiten. Egal, es ist nicht zu ändern, ich verwachse mit dem Schreibtisch und mache am 2. Januar nachmittags mal ein paar Stunden frei, das ist doch eine reelle Aussicht.

Da passt es natürlich gut, nebenbei noch ein Projekt wie „Der Rest von Hamburg“ zu starten, wenn man eh schon zu nichts mehr kommt, dann kommt es irgendwann auch nicht mehr darauf an, das ist schon irgendwie folgerichtig. Und etwas Ablenkung ist natürlich auch nett, so ist es ja nicht. Ich arbeite meist von zu Hause aus, da kann man auch zwischendurch mit den Kinder spielen oder die Familie bekochen, ich will mich gar nicht weiter beschweren, die Umstände könnten wesentlich schlimmer sein.

Es gibt nun aber einen interessanten Nebeneffekt des beruflichen Stresses, mit dem ich gar nicht gerechnet habe. Denn allein die Vorstellung, keine Zeit zu haben, bringt mich auf immer mehr Ideen, zu denen ich selbstverständlich gar keine Zeit habe. Werft mir ein Stichwort hin, mir fällt eine Geschichte ein, ein Blogeintrag, ein Bild, das man machen könnte, eine Projektahnung, eine Möglichkeit – wenn ich zu normalen Zeiten auch nur halb so kreativ wäre wie jetzt, ich hätte schon zehn Bücher geschrieben und nicht nur vier.

Natürlich wird aus all dem nichts, das verpufft gleich wieder oder verelendet auf kurzer Strecke, es ist nichts als eine stressbedingte Illusion, dass ich ohne Ende sprudeln könnte, wenn ich denn könnte. Zwei, drei Ideen bleiben allerdings dennoch übrig, zwei, drei Geschichten, die ich tatsächlich mal schreiben könnte oder müsste. Eine war nur ganz kurz angedacht, im Grunde nur eine winzige Szene, aber um die richtig zur Geltung zu bringen, muss ich etwas vorweg erklären, und davor dann auch noch etwas und dann muss die Figur da natürlich eingeführt werden und die Zeit, in der es spielte und das scheint jetzt also ein längerer Bonustrack zu meinem letzten Buch zu werden. Demnächst auf diesem Sender.

Überhaupt Buch – da liegt auch noch so ein Projekt herum, daran könnte ich auch weiterschreiben, wenn ich denn könnte, und wenn ich auch wollte, was ich gar nicht weiß. Bloggen ist auch schön, warum muss es denn ein Buch sein, kein Mensch braucht noch einen Roman oder einen Erzählband, kein Mensch braucht überhaupt noch irgendein Buch. Dann denke ich wieder, dass es aber doch nett ist, so zwischen Buchdeckeln vorzuliegen, es schmeichelt selbstverständlich ganz ungemein. Und ich könnte ja, wenn ich denn könnte, einmal etwas schreiben, was von den bisherigen Büchern abweicht, etwas ernster vielleicht, etwas gerundeter, etwas langsamer. Ein Buch schreiben, das dann im Hardcover bei der Schönen Literatur steht, man braucht immer auch sportliche Ziele im Leben.

Denke ich so vor mich hin, während ich durch den Hamburger Hautbahnhof gehe. Und dann sehe ich hoch und genau über mir hängt zufällig gerade ein Plakat für ein Buch, es gibt ja auch Bücher, für die aufwändig geworben wird. Das Kulturgut Buch, es kann auch eine umsatzträchtige Ware sein, so ist es ja nicht! Man muss eben nur das richtige Buch schreiben. Und auf dem Plakat, ich weiß nicht mehr, wie das Buch hieß, steht eine fettgedruckte Werbetexterschlagzeile, ein Aufreißer, der das Buch beschreibt, und die Zeile heißt: „Steinzeit. Spannung. Starke Frauen.“

Und ich denke wieder, ach, wer braucht schon noch ein Buch.

Egal. Weiterarbeiten.

8 Kommentare

  1. Micha

    Altes Lied: Nix macht so kreativ wie Torschlußpanik ;) !
    Und ab und an zieht man dann kurz den Stöpsel, um über sich selbst zu stolpern. Weiternmachen :) !

  2. christiane

    Steinzeit. Spannung. Starke Frauen. What? Bitte schreiben Sie weiter, die Welt braucht *Ihre* Bücher. Danke!

  3. Polly Oliver

    Wie schon in vielen Terry Pratchett Romanen steht (der hats aber bestimmt nicht erfunden): Wenn man möchte, das etwas schnell erledigt wird, sollte man jemanden damit betrauen, der viel zu tun hat.

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