Der Rest von Hamburg (14) – Sankt Pauli

Ein Gastbeitrag vom Medienlotsen Jan C. Rode.

Resterampe St. Pauli

St. Pauli ist das Amerika des deutschen Provinzbürgers. Hier kann er (manchmal auch mit seiner Frau im Schlepptau) Dinge sehen, die es anderswo nicht gibt oder strengstens verboten sind. Noch vor einigen Jahren hatte die Vokuhila-Meute rund um die Ritze auf dem Kiez das Sagen, doch heute essen ehemalige Luden und Polizisten gemeinsam vor der Davidwache eine Currywurst und trauern den alten Zeiten nach, als der Schneekönig Hof hielt oder Bandenstreitigkeiten per Maschinenpistole geregelt wurden.

Zum Glück ist heute alles anders, aber nicht viel besser. Wo einst Goldketten und Rolex blinkten und blitzten, röhren nun die Harleys auf und ab, der Schlagermove schaut vorbei und auch der Hafengeburtstag geht nicht spurlos am Viertel vorüber, welches sich von den Landungsbrücken im Süden bis zur Schanze im Norden zieht. Die Stadt nennt das gerne „Wohnumfeldverbesserung“, doch wer das glaubt, wird vorher ganz bestimmt selig.

Eigentlich ist über St. Pauli auch schon alles gesagt, gefilmt, gedichtet und gesungen worden: Hafen, Fußball, Dom, Riots, Elbe, Wasser usw. Was aber kaum ein Schwein kennt, ist die Rückseite der Reeperbahn. Dabei gibt es dies- und jenseits der sündigen Meile Menschen, die dort wohnen, leben, arbeiten und lieben. Und die sind nicht nur manchmal angepisst von der Disneyisierung und Gentrifizierung in ihrem Stadtteil.

Am schönsten ist es jedoch von Sonntagabend bis Donnerstag, so von 8 bis 17 Uhr. Dann grüßen sich die Bewohner auf der Straße (und das in einer Großstadt!), schnacken beim Kaufmann oder verabreden sich für die Gegengerade beim FC St. Pauli. Davor röhrt entweder die Müllabfuhr täglich durch den Stadtteil oder versprengte Clubgänger suchen lallend den Weg nach Hause. Danach fallen die Touristen aus den anderen Stadtteilen ein, um die Restaurants rund um den Paulinenplatz zu fluten und jeden nur erdenklichen Quadratzentimeter mit ihren Blechkisten zuzustellen.

Aber trotz dieses ganzen Drucks und der großen Aufmerksamkeit von außen hat St. Pauli viele Inseln, die den Stadtteil so liebenswert machen. Wer „Menschen gucken“ will, fläzt sich am besten auf die Karo-Terrasse oder legt sich unter die Metall-Palmen bei Park Fiction. Mittwochs und sonntags bietet die St. Pauli Kirche ebenfalls Gelegenheit, das äußere Rauschen mal für ein paar Minuten auszublenden.

Ja, das hört sich alles ziemlich knieselig und garstig an. Ich will auch gar nicht, dass  noch mehr Leute an meine Haustür pissen oder kotzen als bisher. Bleibt ruhig weg! Feiert woanders! Gebt euer Geld nicht in St. Pauli aus! Dann, ja dann hätte der Stadtteil einmal Gelegenheit, durchzuatmen und zu sich selbst zu kommen. Ich bin mir sicher, wenn morgen alles Papiergeld wertlos ist, dann wird der Party-Hafen-Hipster-Stadtteil ganz weit vorne sein, wenn die neue Welt erfunden und gelebt wird.


Ein Kommentar

  1. Ping: How #rocur made me fall in love with my city - Der Medienlotse

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