Es gab vor einiger Zeit irgendwo einen Artikel über den grassierenden Unsinn der aktuellen Klappentexte, ich weiß leider nicht mehr, wo das war. Da ging es, wenn ich es recht erinnere, um den Wahnsinn der Superlative, die dort so gerne verwendet werden. Jeder Krimi ist der blutigste, spannendste, mitreißendste Thriller, den es jemals gab, jede Liebesgeschichte ist immer die süßeste, bitterste, romantischste Erzählung von einer Beziehung überhaupt, jeder Unterhaltungsroman ist das lustigste Buch aller Zeiten. Alles ist immer mit Lametta behängt, weihrauchumnebelt und in Gold geprägt, immer gibt es zu jedem Werk Konfetti, Tusch, Jubelchöre und puschelschwingende Cheerleader. Als ob es angemessen sein könnte.

Und das betrifft keineswegs nur Klappentexte, das betrifft auch Rezensionen in den Zeitungen und natürlich auch in den Blogs, ich selbst bin keineswegs frei davon.  Auch ich schwelge gerne, wenn ich etwas toll finde, auch ich schweige aber andererseits gerne, wenn ich etwas nur so mittel finde. Gut ist das vielleicht nicht, immerhin ist sehr vieles nur so mittel. Nach einem Superlativ, wenn man ihn denn ernst nimmt, kann eigentlich nichts mehr kommen, und wer kann das von einem Buch schon ernsthaft erwarten. Das ist, recht besehen, alles Unsinn. Kaum ein Buch wird tatsächlich jemals irgendeinen Superlativ verdienen.

Wo aber müssen wir sprachlich hin, um wieder korrekt zu bewerten?  Ich glaube, wir sollten uns an der oft seltsam nüchternen Art der kleinen Kinder orientieren. Also meiner Kinder, vielleicht ticken andere anders, das will ich nicht ausschließen. Wenn Sohn I zum Beispiel in den Zirkus geht, dort zwei Stunden lang mit offenem Mund und selig grinsend eine Vorführung verfolgt, dabei aussieht wie das glücklichste Kind der Welt und dann hinterher gefragt wird, wie es denn war, dann sagt er: „Ganz gut.“ Das lässt Raum nach oben, das lässt Luft, da kann morgen schon der nächste Zirkus kommen und wer weiß, wie der dann ist. Vielleicht „Ziemlich gut“ oder sogar „Okay“, da ist man vorsichtig und zurückhaltend, Understatement in Reinkultur. Das wäre die eine Möglichkeit. „Wie war das Buch?“ „Okay.“

Ich glaube aber, ich werde mich doch eher an Sohn II halten, der, wie in fast jedem Aspekt, etwas drastischer als Sohn I ist, also auch in der Zurückhaltung. Er hat eine Form des höchsten Lobes gefunden, die kaum noch zu unterbieten ist, wenn man so weit unten anfängt, dann kann das Leben noch sehr, sehr viel bieten. Die höchste, die wirklich allerhöchste Wertschätzung drückt er präzise wie folgt aus:

Ich: „Ihr wart heute im Theater, was? Wie war es denn?“
Sohn II: „Gut. Ich habe nicht gekotzt.“

Das ist ein ehrliches Kompliment von ihm, das ist bodenständig und nachvollziehbar, ohne Geschwurbel und Schleimerei. Wenn ich also hier demnächst wieder über Bücher schreibe und das Lob dabei etwas spärlicher ausfällt– wundern Sie sich nicht. Ich lasse nur mehr Raum nach oben.


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