Ein Gastbeitrag von Torsten W. Schneider vom Zentrifugalhafen.

Jeden Morgen um kurz vor neun Uhr verlässt die Buchhändlerin mit einem Stapel Briefe ihr Geschäft. Sie wartet kurz an der Ampel, hastet beim ersten Grün über die Straße und wirft den Packen eilig in den gegenüberliegenden Briefkasten. Dann wird es spannend, denn mit etwas Glück schafft sie es noch in derselben Grünphase wieder zurück. Jeden Morgen feuere ich sie in Gedanken an, und meistens klappt es. Dann kommt mein Bus.

Es ist ein kleiner Buchladen, und er leistet sich ein Sortiment, das weniger von Bestsellerlisten geprägt ist als von den persönlichen Vorlieben der Besitzerin. Judaika etwa oder Stadtteilgeschichte. Gegenüber, direkt hinter dem Briefkasten, wächst mit dem Quartier 21 derweil ein neues Stück Barmbek heran: Teure Eigentumswohnungen in denkmalgeschützten Villen, ebenso teure Reihenhäuser (oh Verzeihung: Townhouses) mit handtuchgroßen Gärten. Einen Biomarkt gibt es bereits, ein exklusiver Fitnessclub soll entstehen. Die Imagebroschüre spricht von Visionen und einem erwachenden Stadtteil und meint doch eigentlich nur: Geld. Verändern wird dieses Bauvorhaben den Stadtteil ganz sicher. Neben St. Pauli und St. Georg scheint Barmbek-Nord am meisten von den Gentrifizierungstendenzen betroffen. Und man ahnt, dass auch der kleine Buchladen bald hippe vegetarische Kochbücher und „50 Shades of Grey“ ins Schaufenster legen muss, um zu überleben.

Ein paar Fakten: Barmbek, im Hamburger Nordosten gelegen, wird gerne als klassischer Arbeiterstadtteil bezeichnet. Die Bebauung ist eng und überwiegend aus Backstein. Auf jedem Quadratkilometer leben hier mehr als zehntausend Menschen. Der Stadtteil ist verkehrstechnisch gut erschlossen, S- und U-Bahnen fahren in alle Richtungen, sogar per Schiff kommen Sie vom Jungfernstieg hierher, das sollten Sie unbedingt ausprobieren, Museumslinie heißt das Stichwort. In den Stadtpark schaffen Sie es zu Fuß, im Krankenhaus lassen sich prima Babies zur Welt bringen, glauben Sie mir, ich war dabei.

Fritz Schumacher, von 1923 bis 1933 Hamburger Oberbaudirektor, prägte mit seinem Konzept des „Neuen Bauens“ das Bild des Stadtteils maßgeblich: Funktionale, sachliche Architektur, zurückhaltend in der Ornamentik und auf ein harmonisches Gesamtbild ausgerichtet. In seinem 1932 erschienenen Buch „Das Werden einer Wohnstadt“ schildert er, wie aus dem ursprünglichen Bebauungsplan (ein „steinernes Meer“ nennt er ihn, einen „furchtbaren Plan“) das noch heute wahrnehmbare Konzept entwickelt wurde, mit durchgängigen Grünzügen, abgestuften Gebäudehöhen und genügend Platz für soziale Einrichtungen. Innerhalb dieser strengen Vorgaben blieben den Architekten genügend Freiheiten, um den Gebäuden einen individuellen Charakter zu verleihen, was sich etwa in Laubengängen, umlaufenden Balkonen, Zierverklinkerungen, Erkern oder Steinplastiken äußert. Geht man mit wachem Blick durch das Viertel, gerne abseits der Durchgangsstraßen, gerät man ins Staunen ob der vielfältigen Formensprache.

Und was schreibt der Hamburger Anzeiger im Jahr 1929? Folgendes: „Nord-Barmbeck ist in der Tat zu einer großen, baukünstlerischen und städtebaulichen Sehenswürdigkeit geworden, nicht nur wegen der Massen- und Fassadengestaltung der Wohnblöcke und Großwohnbauten, sondern auch wegen der großzügigen, einheitlichen Gestaltung der Straßen und Freiflächen.“ Das stimmt noch immer, trotz erheblicher kriegsbedingter Baulücken, die zum Teil nur unzulänglich geschlossen wurden. Nirgendwo sonst ist die Stadt so bei sich wie in den Backsteinvierteln von Barmbek und Dulsberg, nirgendwo sonst lässt sich der Reiz des Vorkriegs-Hamburg besser erahnen, der sich eben nicht nur in pfeffersäckrigem, stuckbesetztem Protz und Kitsch manifestierte, sondern auch in modernen und ästhetisch ansprechenden Konzepten für die einfacheren Bezirke.

Wo endet eigentlich Barmbek-Nord? Das kommt darauf an, wen Sie fragen. Der Makler wird behaupten, das Haus in Nähe des Osterbekkanals, in dem er Ihnen gerade eine Wohnung zeigt, gehöre selbstverständlich zu Winterhude. Der Anwohner des Wiesendamms erzählt Ihnen vielleicht etwas von „zwar Winterhude, aber gefühltes Barmbek“. Aus beidem spricht eine gewisse Abschätzigkeit. Wie kommt das?

Die Bewohner sind genau im richtigen Maß bodenständig. Kneipen heißen hier „Zur Ampel“, „Die Drossel“ und „Bei Janni“ und das meinen die nicht ironisch. Echtes soziales Elend gibt es kaum und auch die andere Form des Elends, das Hipstertum, trifft man erfreulich selten: In den Straßencafes sind die vereinzelten Macbooks noch echte Hinkucker. Das Museum der Arbeit steht natürlich hier und eine kleine Kabarettbühne und generell ist eine gewisse Kulturbeflissenheit spürbar: Der hiesige Flohmarkt heißt Kulturflohmarkt und das Barmbeker Bürgerhaus gibt sich redlich Mühe, die Menschen mit allerlei Kleinkunst und Stadtteilkultur-Projekten zu begeistern. Wie man hört, mit durchaus überschaubarem Erfolg.

Und überhaupt die Menschen. Mein Friseur ist Türke und schneidet mir die Haare in dreißig Sekunden. Ich übertreibe nicht. Seine Arme fliegen, die Scheren und Messer sirren, Haare fallen zu Boden, das Ergebnis ist tadellos. Auch schön: Er schneidet schweigend. Ercan mit den Scherenhänden nenne ich ihn. Der Antiquar ein paar hundert Meter weiter scheint mit seinem winzigen Laden verwachsen. Wie er abends aus seiner Bücherhöhle herausfindet, ohne die halbe Einrichtung umzuwerfen, ist mir ein Rätsel. Das kleine türkische Grillrestaurant in der gleichen Straße wird am Samstagmorgen zum Treffpunkt aller Barmbeker Müllmänner. Ein Meer aus leuchtend orangefarbener Funktionskleidung wogt durch den Raum, es wird hemmungslos und ohne Zeitdruck gefrühstückt, danach zerstreut man sich gemächlich über den Stadtteil. Ich gönne es ihnen von Herzen. Die kleine blonde Buchhändlerin, eine andere als die anfangs erwähnte, kennt und teilt meine Begeisterung für eine Handvoll Autoren. Kaufe ich ein neues Buch, fragt sie mich, wie ich das vorherige fand. So Sachen halt.

Und dann die Exzentriker. Julius S. verteilt Flugschriften, in denen er in winziger Schrift seine „Allgemeine Weltgrundauffassung“ schildert und dabei ausführlich auf die „90-Grad-Ballon-Oberflächen-Ausdehnungs-Zunahme-Richtungs-Veränderung“ eingeht. Der dicke junge Mann, den ich nie ohne Kopfhörer sehe, bellt pausenlos und bemerkenswert laut Deutschrap-Fetzen heraus, auf der Straße ebenso wie im vollbesetzten Bus. Unvergessen auch der nachlässig geschminkte Wohngebiets-Transvestit und sein trauriger Nachmittagsauftritt beim Straßenfest, während der Großteil der Anwohnerschaft bereits mit glasigen Augen ins Leere starrte.

Was ich sagen will: Es wohnt sich sehr angenehm hier. Ein Stadtteil wie ein alter Freund – er lässt einen weitgehend in Ruhe, ist aber da, wenn man ihn mal braucht. Das Leben hier ist von einer grundsoliden, unangestrengten Geschäftigkeit. Spießig? Vielleicht. Schön? Na ja. Langweilig? Sicher nicht. Teuer? Zunehmend. Deshalb, und nur deshalb, wohnen wir seit kurzem anderswo.

Berühmte Barmbeker gibt es natürlich auch. Helmut Schmidt, Ralph Giordano und Angela Merkel etwa. Aber wen interessiert das, bei soviel spannender Gegenwart?

 


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