Der Rest von Hamburg (7) – Osdorf

Ein Gastbeitrag von der Wiesenraute.

 
Es war ein nur halb freiwilliger Umzug und ein Kulturschock obendrein – von Berlin-Friedrichshain nach Hamburg-Osdorf, in eine Straße namens Wiesenrautenstieg. Mein Blog handelte ungefähr anderthalb Jahre lang davon, wie es war, die Welt vom Wiesenrautenstieg in Hamburg-Osdorf aus zu betrachten, aka The Village of Os.

Das Village ist literarisch nicht ganz unbeleckt, denn es spielt eine bedeutende Rolle in Brigitte Kronauers Roman Teufelsbrück, wo es nicht zuletzt wegen seiner überaus einfallsreichen Straßenbenennung Erwähnung findet:
“Oft sind Leute aus Gegenden, die Straßen ausschließlich mit Dichter-, Musiker-, Malernamen aufweisen, besonders stolz auf ihre Adresse. Was wird man sich aber vorstellen unter einem Gebiet, wo auf engstem Raum das Straßennetz allein Flora in bürokratischer Beschwörung huldigt: Stiefmütterchenweg, Geranienweg, Akeleiweg, Wiesenrautenstieg, Löwenzahnweg, Kamillen-, Kornraden-, Kornblumen-, Schaumnelken-, Lupinen-, Rittersporn-, Johanniskraut-, Taubnessel-, Pelargonien-, Eisenkrautweg und Mohnstieg? Ein Stellvertreter des himmlischen Mille-fleurs-Gartens, allerdings mit penetrantem Kleingartenaroma?”

Hamburger Hafen, Speicherstadt, Schanzenviertel, Övelgönne – alles schön und gut. Man möchte sich nicht beklagen, wenn die Hamburg-Touristen an diese Orte zuerst eilen und in den Wiesenrautenstieg zuletzt. Aber auch Hamburg-Osdorf hat seinem Touristen einige Perlen der Hochkultur zu bieten. Der gequälte Tourist steht sogar vor der Wahl: Möchte er lieber bedeutende Bauwerke besichtigen oder bedeutende Grünflächen? Für den Architektur-Interessierten bietet das Village erstens den Heidbarghof in der Langelohstraße und zweitens die Osdorfer Mühle in der Osdorfer Landstraße 142. Diejenigen, die sich eher für die Natur interessieren, besuchen den Botanischen Garten oder die Wiesen der Osdorfer Feldmark, die sich zwischen Schenefeld, Osdorf und Iserbrook erstrecken. „Beide Grünflächen“, so verkündete der entsprechende Wikipedia-Artikel vor fünf oder sechs Jahren in einer Mischung aus Sachlichkeit und Stolz, „sind für die Verhältnisse eines Stadtteils in einer Millionen-Metropole als groß zu bezeichnen.“

Damit das Village of Os besser von den umliegenden Stadtteilen zu unterscheiden ist, leistet es sich ein paar topografische Besonderheiten, die das Straßenbild unverwechselbar machen. Zum Beispiel sind dort viele Bürgersteige nicht gepflastert. Das ist an sich nicht tragisch, nur bei Regen verwandeln sie sich leider in schlammige Saumpfade, weshalb man die Dörfler bei nassem Wetter auf den Straßen spazieren sieht.

Des Weiteren gibt es keine Radwege, sondern nur kombinierte Rad-Fußwege. Auf denen kommt man mit dem Fahrrad viel weniger schnell voran als auf der Straße. Fährt man auf der Straße, wird man empört angehupt. Fährt man auf dem Gehweg und versucht, die Fußgänger aus dem Weg zu klingeln, lassen die sich das erstaunlicherweise gefallen. Sie treten anstandslos zur Seite anstatt wie die Berliner eine Schimpfkanonade zum Thema „Radfahrer haben auf Bürgersteigen nichts zu suchen“ loszulassen, und dem Radfahrer bleibt nichts anderes übrig, als sich dafür auf das Höflichste zu bedanken.

Und noch so eine Sache. In Berlin ist das unter aller Würde, im Village of Os alltägliche Praxis: Hundebesitzer, die mit Schäufelchen und Tütchen der Verkotung des Dorfes entgegenwirken, indem sie die Häufchen ihres lieben Viehs sorgfältig einsammeln und im öffentlichen Mülleimer entsorgen. Große Tütchen für große Hunde, kleine Tütchen für kleine Hunde. In Berlin gilt: Wer nicht nach unten guckt, wird stinken. In Hamburg-Osdorf nicht.

Dennoch blickt man im Village gelegentlich eifersüchtig hinüber nach Ottensen. Nicht weil dort das Leben tobt, nicht wegen der Kneipen, der Restaurants, der Zeise-Kinos, der Fabrik, der vielen interessanten Menschen auf den Straßen, nein. Auch nicht wegen des Poloniums, das dort im Dezember 2006 gefunden wurde, und das die Ottenser zu Mitwirkenden in einem mysteriösen weltumspannenden Kriminalfall machte. Der Grund sind die Sonntagsbäcker, die es dort an jeder Ecke gibt und im Village nicht. In Osdorf marschiert man sonntags um neun eine Viertelstunde lang den Blomkamp hinunter, nur um festzustellen, dass die Trinkhalle, die dort blasse Teiglinge in einem verdächtigen Elektro-Ofen erhitzt, restlos ausverkauft ist. Vielleicht muss das so sein in einer Gegend, wo ausschlafen bedeutet, bis sieben im Bett zu liegen.

Das klingt alles kleinbürgerlich-spießig, aber dann gibt es auch noch den Osdorfer Born („Osdorfer Born steht für Hass und Zorn“), eine Plattenbausiedlung, in der im Jahr 2007 eine Mutter ihr neugeborenes Baby aus dem zehnten Stock schmiss. Das Elbe-Einkaufszentrum muss man auch nicht um jeden Preis gesehen haben, auch wenn ich dort öfter war, weil sich neben einem Geldautomaten der Hamburger Sparkasse BookCrossing-Bücher finden ließen.

Inzwischen wohne ich ganz woanders, wirklich dörflich, wo es normal ist, dass Bürgersteige nicht gepflastert sind und sich Radfahrer und Fußgänger Wege teilen. An Hamburg-Osdorf denke ich mit Unbehagen zurück und bin froh, dort nicht mehr wohnen zu müssen. Penetrantes Kleingartenaroma eben. Leider hat das meine Wahrnehmung von Hamburg insgesamt ein bisschen getrübt. Wenn ich noch mal nach Hamburg ziehen müsste, dann in die Zentralbibliothek am Hühnerposten. Da war ich immer gerne.

2 Kommentare

  1. nicwest

    Nee, nicht wirklich. Ich finde gern mal Bücher, lese sie (eventuell) und schicke sie weiter auf die Reise, aber ich lasse nie welche frei.

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