Der Rest von Hamburg (3) – Blankenese

Ein Gastbeitrag von Kiki.

Von zwei Stadtteilen Hamburgs hat wohl auch jeder Nicht-Hamburger schon einmal etwas gehört: St. Pauli und Blankenese. Beides sind Elbvororte, und das ist noch nicht ihre einzige Gemeinsamkeit. Aber über St. Pauli darf sich gern jemand anderes auslassen. Hier geht’s um Blankenese, wo ich Ende der 70er/Anfang der 80er das Pech hatte, auf das Gymnasium in der Kirschtenstrasse gehen zu müssen.

Blankenese liegt im Westen Hamburgs und wird im Süden von der Elbe, im Südosten von Nienstedten, im Westen von Rissen und im Nordosten grob gesprochen von Sülldorf und Iserbrook begrenzt. Wer mit dem Auto von der Innenstadt aus über die Elbchaussee kommt, durch die große S-Kurve mit der ehemaligen Hasselmann’schen Villa und heutigen Elblounge auf der rechten und dem Hirschpark auf der linken Seite, befindet sich ab der großen Kreuzung an der Esso-Tankstelle offiziell in Blankenese.

Wirklich „im Dorf“ ist er jedoch erst etwa zwei Kilometer weiter, nämlich am Ende der Elbchaussee. Dort sucht er dann einen Parkplatz und stellt fest: draußen, in den Vororten, scheint das genauso ein Problem zu sein wie im tiefsten Eppendorf. Gar nicht mal wegen der vielen SUV, denn Blankeneses Kern ist das Treppenviertel. Da kommt man nur zu Fuß durch und drum herum gibt’s ein Gewirr von Einbahnstraßen und Anliegerparkplätzen und es gibt nicht einmal illegale Parkplätze. (Protipp: das Auto auf dem Parkplatz der besagten Essotankstelle abstellen und zu Fuß den Mühlenberg runter und den Elbwanderweg nehmen.)

Das Klischee vom feinen, reichen Blankeneser enthält, wie jedes Vorurteil, ein Körnchen Wahrheit. Inzwischen muss man vielleicht nicht reich, aber doch recht wohlhabend sein um in Blankenese zu wohnen. Vorausgesetzt, man findet überhaupt eine Wohnung. Mitunter scheint es, Blankenese verfüge über mehr Maklerbüros als Wohnungen. Das Zentralorgan der Blankeneser, der einmal monatlich erscheinende „Klönschnack“ ist voll von entsprechend empörten Leserbriefen und erhellenden Kleinanzeigen, die den Einwohnern wahlweise ein silberhelles Lachen oder ratloses Kopfschütteln entlocken („Akademikerpaar mit 2 Kindern, Hund und gutgehender Zahnarztpraxis sucht zur Miete Haus mit Garten oder 4-Zi-Wohnung mit Sonnenterasse in Blankenese, bis 5.000€ warm“).

In der Haupteinkaufsstrasse, der Blankeneser Bahnhofsstrasse, wechseln sich heute Bäcker und Makler ab; offenbar sind das die einzigen, die sich die Wahnsinnsladenmieten noch leisten können. Vom gesunden Einzelhandelsmix hat man sich ab etwa 1990 verabschiedet. Früher gab es hier wirklich alles, und zwar in kleinen, feinen, meist inhabergeführten Geschäften. Heute finden sich hier neben dem Kino mit seinen zwei Sälen mit je ca. 100 Plätzen und Filmen der Gattung Arthouse noch ein paar wenige schickere Klamottenläden für Leute, die 350 € für ein Paar Mokassins nicht weiter erwähnenswert finden.

Ausserdem gibt es noch ein wirklich fabelhaftes italienisches Restaurant namens Dal Fabbro. Hier war der Blankeneser Zeichner Horst Janssen schon gern zu Gast und hat gelegentlich die Zeche mit einem spontanen Meisterwerk bezahlt; dafür hat er durchaus auch mal eine der gestärkten weißen Stoffservietten als Leinwand benutzt. Die meisten dieser Bilder, die gerahmt an den Wänden hingen, wurden jedoch schon vor Jahren bei einem Einbruch geklaut.

Es folgen die Franchise-Ketten: Douglas, Arko, Butter Lindner, Edeka, Ryf, weiter ein paar Apotheken, Brillenläden, besagte Bäcker und Immobilienmakler. Das Finanzamt ist weggezogen aus dem großen Haus im Park, das Einwohnermeldeamt und die Stadtteilbücherei sind auch weg aus der schönen Villa im anderen Park. Immerhin gibt es noch das schauerlich-schmutzige Freibad im Hessepark, in dem wir Schulkinder schwimmen lernen sollten und dessen düstere Umkleidekabinen mir wahrscheinlich noch in vierzig Jahren fiese Flashbacks bescheren werden.

Am unteren Ende, am Marktplatz, gibt es dann noch Blume 2000 neben einem italienischen Eiscafé. Der Markt ist zwar okay, aber überteuert, recht langweilig in der Zusammenstellung und wahrlich kein Grund für einen Ausflug; dazu begebt Euch lieber auf den Goldbekmarkt in Winterhude, den Isemarkt in Eppendorf oder den Turmwegmarkt in Rotherbaum. Da ist das Publikum zwar jeweils genauso snobby, aber gemischter (besonders auf dem Goldbekmarkt) und internationaler und das Angebot ist tausendmal vielfältiger. In Blankenese ist man nicht so wirklich weltoffen und experimentierfreudig. Man ist Fremden gegenüber auch nicht ganz so aufgeschlossen. Das Motto des Methusalix könnte auch das Blankeneser Motto sein: „Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da, die sind nicht von hier!“

Am Bahnhof gesellen sich noch Starbucks, ein Vodafoneladen und Bücher Heymann hinzu. Es gibt also keinen Grund nach Blankenese zu fahren, zumindest nicht zu Einkaufszwecken. Die Blankeneser selbst fahren zum Einkaufen gerne in die Stadt oder ins EEZ (Elbe-Einkaufs-Zentrum), das wirklich niemand dort „Elbe“ nennt, denn das „Elbe“ ist das Programmkino auf der Osdorfer Landstrasse und nicht das Einkaufszentrum, egal was die Werbung sagt. Sie fahren auch nach Alt-Osdorf, wo es den nächstgelegenen Aldi hat, denn den Blankeneser Aldi am Ende der Elbchaussee gibt es schon lange nicht mehr. Da wohnt jetzt ein Netto oder Plus oder sowas, wo man jedenfalls nicht hingeht.

Nein, der Charme Blankeneses liegt tatsächlich im Treppenviertel begründet und am besten nähert man sich dem Dorf auch von der Wasserseite aus. In der Saison fahren die Hadag-Dampfer von den Landungsbrücken aus die Elbe runter bis nach Stade und legen u.a. auch in Blankenese an. Dort, vor den Toren des Blankeneser Segelclubs, dem man zwecks Flugzeugbaus gegenüber das Revier im Mühlenberger Loch dichtgemacht bzw. arg minimiert hat, steigt man aus, staunt über den sauberen Elbstrand und begutachtet den dicht bebauten Hang, der an sonnigen Sommertagen mit seinen Geranien und dem Bougainvillea an Italien erinnert und über dem das Süllbergestaurant mit seiner Sterneküche thront.

Die Häuser im Hang sind oft ehemalige Kapitänshäuser, kleine Schmuckkästchen, gelegentlich mit Reetdach versehen, einem winzigen Garten hinterm und einer kleinen Bank vorm Haus, auf der nicht selten eine Katze liegt. ‚Wer hier lebt, wohnt in der Kitschpostkarte‘ denkt man sich, während man die Treppen hinaufschnauft und unbeabsichtigt anderen Touristen durch das Kitschpostkartenfotomotiv latscht.

Man fragt sich unwillkürlich, wie die wohl einkaufen hier, Getränkekisten zum Beispiel (die meisten lassen liefern, per Sackkarre, mit Aufschlag und Trinkgeld). Oder wie die hier ihre Post kriegen (per recht fitten Briefträger) und ob es nicht entsetzlich lästig ist, dass man keinerlei Privatsphäre hat. Wahrscheinlich können die Blankeneser nur müde lachen über die Datenschutzdebatte: Jedes Stöhnen, ob aufgrund sexueller Aktivitäten oder tödlichen Männerschnupfens lässt in der Nachbarschaft keine Fragen offen. Es gibt auch wirklich erstaunlich viele Familien mit Kindern, gerne auch drei oder mehr. Das vermutet man ja sonst eher auf der anderen Elb- bzw. Einkommenseite, in Wilhelmsburg oder so; die Blankeneser sind wirklich redlich bemüht, nicht auszusterben. Aber hübsch haben sie’s hier, keine Frage.

Ich wohne dennoch lieber in Nienstedten. Darüber erzähle ich dann das nächste Mal.
 

 


3 Kommentare

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  2. Ring2

    Danke Kiki, jetzt habe ich doch wieder Sehnsucht nach meiner Heimat bekommen, einer vergangenen allerdings. Schaurig und schön.

  3. kid37

    Ich hab’s schon mal zur Erheiterung mancher, zum Mißvergnügen anderer erzählt: Als ich vor Jahren nach Hamburg kam, tobte just eine Debatte über für einige Bürger als aufdringlich empfundene Bettler und Randständige in der Innenstadt. In der U-Bahn hingen von der Stadt gedruckte Aufkleber “Niemand muß in Hamburg betteln”. Diese wurden hübscherweise rasch überklebt mit “Niemand muß in Blankenese Steuern zahlen”. (Basierte auf dem Fakt, daß das Steueraufkommen dort bei weitem nicht den Erwartungen angesichts der dortigen Bevölkerungsstruktur entspricht.) Kein Wunder also, wenn sich das Finanzamt die Miete dort nicht leisten kann.

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