Der Rest von Hamburg in der Übersicht

Ich habe hier mal eine Seite angelegt, auf der alle Artikel zu dem Thema gelistet sind, das wird dann laufend weitergeführt.

Das fängt ja grandios an! Von wegen Blogs bringen nichts mehr, ich freue mich, wie das alles lebt und blüht. Wunderbar. Wenn noch jemand möchte – die Runde ist offen für alle. Im eigenen Blog oder hier, die Übersicht führt in jedem Fall alles zusammen. Und noch einmal, es spricht überhaupt nichts dagegen, einen Stadtteil mehrfach vorkommen zu lassen, ich fände das sogar besonders reizvoll. Es werden ja keine zwei Menschen dieselbe Meinung von einem Stadtteil haben.

 

Der Rest von Hamburg (8) – Eißendorf

Ein Gastbeitrag von Midsommarflicka über Eißendorf, das ist so eine der Gegenden, von denen ich wirklich nicht die allerleiseste Ahnung habe.

Eißendorf – das klingt in den Ohren des Herrn Buddenbohm also richtig exotisch. Und wenn man dann erklärt, wo das liegt, dann finden das noch viel mehr Hamburger exotisch. Es liegt nämlich auf der anderen Seite der Elbe, also auf der falschen. Da wo für viele gar kein Hamburg mehr ist. Aber hier ist noch Hamburg. Sagt auch der Aufkleber auf meinem Personalausweis. Und wikipedia.

Wikipedia erklärt uns dann weiter, dass der Stadtteil zum Bezirk Harburg gehört – es gibt aber auch noch einen Stadtteil Harburg. Die Übergänge zwischen den beiden Stadtteilen sind da fließend und das ist in diesem Fall auch nicht so wichtig. Wichtiger hingegen ist die Abgrenzung zu Heimfeld, das auf der anderen Seite angrenzt, das ist nämlich der falsche Stadtteil. Da will man nicht wohnen. Und mitten auf diesen Grenzen zwischen den drei Stadtteilen liegt die Technische Universität, so ein bisschen im Niemandsland. Dort tummeln sich über 5000 Studenten, 100 Professoren und werweißwieviele weitere Angestellte und Mitarbeiter. Einer dieser über 5000, man ahnt es, bin auch ich – jedenfalls zur Hälfte. Und deswegen wohnt es sich hier so praktisch: zwei Bushaltestellen weiter oder eben 10 – 20 Minuten Fußweg, je nachdem auf welche Seite des Campus man muss.

Aber es ist nicht nur praktisch hier in unserem Stadtteil…
Zu meinem Einzug vor zwei Jahren gab’s von der Wohnungsgenossenschaft ein Infoblättchen mit Stadtteilinfos dazu. Dort wird das erwähnt, was hier wirklich als erstes auffällt, wenn man von Harburg zu uns hochfährt. Ja, richtig gelesen: Hoch fährt. Wir haben hier ja schließlich die Hamburger Berge (der Süddeutsche darf jetzt gern kurz lachen) und damit auch viel Wald zum wandern, Rad fahren, Rodeln und Ski fahren (so verspricht es das Infoblättchen!). Dort, wo die Hamburger Berge dann wirklich anfangen, dort ist dann auch schon Niedersachen, aber immer noch Harburg. Das mit Harburg, das ist wirklich etwas kompliziert, ich gebe es zu. Aber nach zwei Jahren hab ich es eigentlich verstanden.

Zwischen uns und Niedersachsen liegt dann noch das Göhlbachtal – der alte eigentliche Kern des Dorfes und jetzigen Stadtteiles, noch mit alten Fachwerkhäusern, überhaupt mit (großen) Einfamilienhäusern und noch mehr Bäumen und überhaupt sehr hübsch.

Eißendorf ist wirklich hübsch und nett.
So nett, dass sich hier auch die Bruchpiloten des 11. Septembers wohlfühlten.

Nunja… Wechseln wir lieber das Thema und schauen, was das Infoblättchen weiter verspricht:

Kioskkultur!
Oh ja. Auf alltäglichen Wegen laufe ich allein an drei allgemeinen Kiosken vorbei und an mehreren polnischen, indischen, türkischen, russischen Kiosken und Lärchen vorbei. Die fremdländischen Lärchen wechseln gefühlt allerdings auch alle drei Monate und ich bin nicht sicher, ob die wirklich schließen und dann neue eröffnen oder ob die alle so gern Bäumchen-wechsel-dich spielen.

Oberhalb und neben der Kioske sind dann die vielen Mehrfamilienhäuser (wir befinden uns jetzt im südlichen Eißendorf…). Der Großteil dieser Häuser wurde im Krieg zerstört und später wieder aufgebaut, spätestens an jedem zweiten, dritten Haus befindet sich eine der großen Sandsteinplaktten, die das bezeugen.
Aber ein Großteil dieser Häuser ist dafür aus architektonischer Sicht etwas Tolles: Sie entstammen der Zeit des Neuen Bauens und damit einer verwandten Stilrichtung des Bauhauses.
Ich nenn mein Wohnhaus sonst auch einfach liebevoll „verklinkerter Betonklotz, aber immerhin verklinkert und mit viel Garten und Bäumen im Innenhof!“.

Auch wenn sich viele lustig machen und mich veralbern, weil ich südlich der Elbe wohne: Ich hab’s hier wirklich ganz nett und hübsch. Und zum Hauptbahnhof braucht man übrigens auch nur 16 Minuten. Das ist immerhin 10 Minuten schneller als von Blankenese aus – und das ist schließlich für alle auch noch Hamburg.

(Und ich muss nur zu einer meiner beiden Universitäten pendeln, was auch ganz nett ist. So gern ich auch S-Bahn fahre…)


Der Rest von Hamburg (7) – Osdorf

Ein Gastbeitrag von der Wiesenraute.

 
Es war ein nur halb freiwilliger Umzug und ein Kulturschock obendrein – von Berlin-Friedrichshain nach Hamburg-Osdorf, in eine Straße namens Wiesenrautenstieg. Mein Blog handelte ungefähr anderthalb Jahre lang davon, wie es war, die Welt vom Wiesenrautenstieg in Hamburg-Osdorf aus zu betrachten, aka The Village of Os.

Das Village ist literarisch nicht ganz unbeleckt, denn es spielt eine bedeutende Rolle in Brigitte Kronauers Roman Teufelsbrück, wo es nicht zuletzt wegen seiner überaus einfallsreichen Straßenbenennung Erwähnung findet:
“Oft sind Leute aus Gegenden, die Straßen ausschließlich mit Dichter-, Musiker-, Malernamen aufweisen, besonders stolz auf ihre Adresse. Was wird man sich aber vorstellen unter einem Gebiet, wo auf engstem Raum das Straßennetz allein Flora in bürokratischer Beschwörung huldigt: Stiefmütterchenweg, Geranienweg, Akeleiweg, Wiesenrautenstieg, Löwenzahnweg, Kamillen-, Kornraden-, Kornblumen-, Schaumnelken-, Lupinen-, Rittersporn-, Johanniskraut-, Taubnessel-, Pelargonien-, Eisenkrautweg und Mohnstieg? Ein Stellvertreter des himmlischen Mille-fleurs-Gartens, allerdings mit penetrantem Kleingartenaroma?”

Hamburger Hafen, Speicherstadt, Schanzenviertel, Övelgönne – alles schön und gut. Man möchte sich nicht beklagen, wenn die Hamburg-Touristen an diese Orte zuerst eilen und in den Wiesenrautenstieg zuletzt. Aber auch Hamburg-Osdorf hat seinem Touristen einige Perlen der Hochkultur zu bieten. Der gequälte Tourist steht sogar vor der Wahl: Möchte er lieber bedeutende Bauwerke besichtigen oder bedeutende Grünflächen? Für den Architektur-Interessierten bietet das Village erstens den Heidbarghof in der Langelohstraße und zweitens die Osdorfer Mühle in der Osdorfer Landstraße 142. Diejenigen, die sich eher für die Natur interessieren, besuchen den Botanischen Garten oder die Wiesen der Osdorfer Feldmark, die sich zwischen Schenefeld, Osdorf und Iserbrook erstrecken. „Beide Grünflächen“, so verkündete der entsprechende Wikipedia-Artikel vor fünf oder sechs Jahren in einer Mischung aus Sachlichkeit und Stolz, „sind für die Verhältnisse eines Stadtteils in einer Millionen-Metropole als groß zu bezeichnen.“

Damit das Village of Os besser von den umliegenden Stadtteilen zu unterscheiden ist, leistet es sich ein paar topografische Besonderheiten, die das Straßenbild unverwechselbar machen. Zum Beispiel sind dort viele Bürgersteige nicht gepflastert. Das ist an sich nicht tragisch, nur bei Regen verwandeln sie sich leider in schlammige Saumpfade, weshalb man die Dörfler bei nassem Wetter auf den Straßen spazieren sieht.

Des Weiteren gibt es keine Radwege, sondern nur kombinierte Rad-Fußwege. Auf denen kommt man mit dem Fahrrad viel weniger schnell voran als auf der Straße. Fährt man auf der Straße, wird man empört angehupt. Fährt man auf dem Gehweg und versucht, die Fußgänger aus dem Weg zu klingeln, lassen die sich das erstaunlicherweise gefallen. Sie treten anstandslos zur Seite anstatt wie die Berliner eine Schimpfkanonade zum Thema „Radfahrer haben auf Bürgersteigen nichts zu suchen“ loszulassen, und dem Radfahrer bleibt nichts anderes übrig, als sich dafür auf das Höflichste zu bedanken.

Und noch so eine Sache. In Berlin ist das unter aller Würde, im Village of Os alltägliche Praxis: Hundebesitzer, die mit Schäufelchen und Tütchen der Verkotung des Dorfes entgegenwirken, indem sie die Häufchen ihres lieben Viehs sorgfältig einsammeln und im öffentlichen Mülleimer entsorgen. Große Tütchen für große Hunde, kleine Tütchen für kleine Hunde. In Berlin gilt: Wer nicht nach unten guckt, wird stinken. In Hamburg-Osdorf nicht.

Dennoch blickt man im Village gelegentlich eifersüchtig hinüber nach Ottensen. Nicht weil dort das Leben tobt, nicht wegen der Kneipen, der Restaurants, der Zeise-Kinos, der Fabrik, der vielen interessanten Menschen auf den Straßen, nein. Auch nicht wegen des Poloniums, das dort im Dezember 2006 gefunden wurde, und das die Ottenser zu Mitwirkenden in einem mysteriösen weltumspannenden Kriminalfall machte. Der Grund sind die Sonntagsbäcker, die es dort an jeder Ecke gibt und im Village nicht. In Osdorf marschiert man sonntags um neun eine Viertelstunde lang den Blomkamp hinunter, nur um festzustellen, dass die Trinkhalle, die dort blasse Teiglinge in einem verdächtigen Elektro-Ofen erhitzt, restlos ausverkauft ist. Vielleicht muss das so sein in einer Gegend, wo ausschlafen bedeutet, bis sieben im Bett zu liegen.

Das klingt alles kleinbürgerlich-spießig, aber dann gibt es auch noch den Osdorfer Born („Osdorfer Born steht für Hass und Zorn“), eine Plattenbausiedlung, in der im Jahr 2007 eine Mutter ihr neugeborenes Baby aus dem zehnten Stock schmiss. Das Elbe-Einkaufszentrum muss man auch nicht um jeden Preis gesehen haben, auch wenn ich dort öfter war, weil sich neben einem Geldautomaten der Hamburger Sparkasse BookCrossing-Bücher finden ließen.

Inzwischen wohne ich ganz woanders, wirklich dörflich, wo es normal ist, dass Bürgersteige nicht gepflastert sind und sich Radfahrer und Fußgänger Wege teilen. An Hamburg-Osdorf denke ich mit Unbehagen zurück und bin froh, dort nicht mehr wohnen zu müssen. Penetrantes Kleingartenaroma eben. Leider hat das meine Wahrnehmung von Hamburg insgesamt ein bisschen getrübt. Wenn ich noch mal nach Hamburg ziehen müsste, dann in die Zentralbibliothek am Hühnerposten. Da war ich immer gerne.