Der Rest von Hamburg (1) Borgfelde

Ein Gastbeitrag von Isabel Bogdan.

„Wo wohnt Ihr?“

„In Borgfelde.“

„Was wollt Ihr denn da?“

So viel zum Image von Borgfelde. Borgfelde ist der kleinste Stadtteil Hamburgs. Er liegt zwischen St. Georg und Hamm und umfasst – im Uhrzeigersinn, angefangen auf elf Uhr – das Gebiet zwischen Bürgerweide, Burgstraße, Grevenweg, Wendenstraße, Normannenweg, Anckelmannsplatz, Bürgerweide. Dieser Bereich wird wiederum in zwei Hälften geteilt: Oben-Borgfelde und Unten-Borgfelde. Praktischerweise ist „oben“ die nördliche Hälfte, also auch auf der Karte oben, und „unten“ ist die südliche Hälfte, also alles, was südlich der Borgfelder Straße liegt.

Unten-Borgfelde ist vor allem Gewerbegebiet. Da ist die Kfz-Zulassungsstelle, ein paar Berufsschulen, eine erstaunliche Menge von Neu- und Gebrauchtwagenhändlern, und unmittelbar hinter der Stadtteilgrenze finden sich Wertstoffhof und Straßenstrich.

Nördlich der Borgfelder Straße liegt Oben-Borgfelde, was auch tatsächlich ein paar Meter höher liegt. Hier ist reines Wohngebiet – vor allem die Klaus-Groth-Straße, die sich einmal quer durch den Stadtteil zieht, vom Berliner Tor bis zur Burgstraße, und ihre Nebenstraßen. Dann ist schon Schluss, so klein ist Oben-Borgfelde. Irgendwo hier wohne ich.

Der größte Teil dieses Viertels wurde im Krieg zerstört. Es gibt Bilder, auf denen quasi ganz Oben-Borgfelde ein einziges Trümmerfeld ist. Ein paar vereinzelte Häuser sind stehengeblieben – unter anderem das alte AOK-Gebäude aus den Zwanzigerjahren, in dem jetzt Wohnungen und eine Kita sind. Der große Rest ist Wohnbebauung aus den Fünfzigerjahren, die Häuser und Straßen verströmen eine beinahe schmerzhafte Normalität und Durchschnittlichkeit. In der Klaus-Groth-Straße gibt es ein paar Ladenlokale aus den Fünfzigern, die haben immerhin einen gewissen Charme, und darin befinden sich: eine türkische Bäckerei mit zugeklebten Scheiben, durch die man nichts sieht, die Büro- und Lagerräume eines Malerbetriebs, ein Nagelstudio und ein Büro, in dem Laufveranstaltungen geplant und beworben werden. Nichts, was den Charme dieser Ladenlokale irgendwie in die Straße bringen würde. Man könnte dort sehr schön ein kleines Café haben, der Bürgersteig ist breit genug, man könnte Tische draußen hinstellen und daneben vielleicht eine Buchhandlung und einen Blumenladen … jaja, schon gut. Das ist kitschig, aber es wäre halt hübsch.

Was tatsächlich hübsch ist, ist weiter vorne das Café Smögen. Daneben ist noch ein Metzger und Hamburgs kleinster Biobäcker, der macht sehr gute Franzbrötchen. Zum Einkaufen gibt es ansonsten einen Penny-Markt, der zwar innen kürzlich neu gestaltet wurde, aber das sieht man nicht wirklich.
Anders gesagt: besonders schön ist er nicht.

Und das war es dann auch schon fast mit Borgfelde. Die beiden einzigen Prominenten, die aus diesem Stadtteil kommen, heißen so, wie es sich für einen solchen Stadtteil gehört, nämlich Schmidt, und tot sind sie auch. Nämlich Loki Schmidt, die die Reformschule an der Burgstraße besuchte – da hieß sie aber noch nicht Schmidt – und Arno Schmidt, der aber gar nicht in Borgfelde wohnte, sondern in Hamm. Nun ja. So hat dieser durch und durch durchschnittliche und farblose Stadtteil nicht mal Promis, die Schmidt heißen. Farbe bringen die buntgekleideten Afrikanerinnen, die am Sonntag den afrikanischen Gottesdienst in der Erlöserkirche besuchen, und das Sprechwerk, ein Off-Theater mit einem ganz interessanten und sehr gemischten Programm von Theater über Musik bis Tanz.

Leben ist hier auch sonst: wahrscheinlich wohnen in Borgfelde ungefähr so viele Kaninchen wie Menschen. Wenn man in der Abenddämmerung beispielsweise
über den Spielplatz zwischen Bethesdastraße und Burgstraße geht, muss man fast lachen, weil es so viele sind. Außerdem haben wir hier reichlich Eichhörnchen, und ein besonderer Spaß sind die Blattläuse auf den Linden in der Bethesdastraße. Auf Linden leben traditionell viele Blattläuse, und das führt dazu, dass die darunterstehenden Autos stets innerhalb kürzester Zeit aussehen wie Sau. Der korrekte Euphemismus für dieses Phänomen lautet „Honigtau“, die Wahrheit ist: Läusepipi. Der zweite Effekt, den diese Läuse haben, sind die Marienkäfer. Den Marienkäfern geht es den ganzen Sommer über prächtig auf den Linden, bei den Läusen. Sie futtern sich rund und verlassen die Bäume nicht; man merkt den ganzen Sommer über nicht mal, dass Marienkäfer dasind. Aber Ende Oktober, wenn die Linden innerhalb weniger Tage alle Blätter auf einmal abwerfen, sind die Marienkäfer plötzlich auf Wohnungssuche und kommen rein. Man kann dann knapp eine Woche lang nicht lüften, weil sonst die ganze Wohnung voll Marienkäfer ist. Sie sind dann für ein paar Tage mal nicht so niedlich, aber sonst gilt natürlich: ganz hoher Niedlichkeitsfaktor in Borgfelde. Kaninchen, Eichhörnchen, Marienkäferchen.

Zum Wohnen ist es hier perfekt, die Wohnungen dürften noch erschwinglich sein, weil das Umfeld eben nicht so richtig sexy ist. Es gibt natürlich Kitas und eine Grundschule, auch alles, was man braucht, Penny, Budni, Apotheke, aber es ist halt nicht wie St. Georg. Man fällt nicht aus der Haustür und hat eine Auswahl von netten Lädchen und Cafés und Restaurants und Flair. Aber man sagt ja, wenn es um die Immobiliensuche geht, gibt es nur drei Gründe, die für oder gegen eine Wohnung sprechen, nämlich die Lage, die Lage und die Lage. Und die Lage ist zwischen St. Georg und Hamm, zwischen U2 Burgstraße, S1 Landwehr und verschiedenen U- und S-Bahnlinien am Berliner Tor wirklich optimal. Man ist in weniger als 10 Minuten mit dem Fahrrad in der langen Reihe, in etwas über 10 Minuten am Hauptbahnhof. Oft genug bin ich die Strecke auch schon zu Fuß gegangen, es liegt also wirklich zentral. Und in der Klaus-Groth-Straße wurden gerade lauter neue Wohnblöcke gebaut (und dafür Gewerbebetriebe abgerissen), vielleicht sorgen die zusätzlichen Leute ja dafür, dass die kleinen Ladenlokale auch wieder als Ladenlokale genutzt werden.

Zieht mal ruhig hierher. Wir sind hier, und die ichichichs sind hier. Wir würden uns das schon schön machen. Wir könnten beispielsweise einen literarischen Salon veranstalten und ihn „Schmidtchen“ nennen.


(Flattr-Einnahmen für diesen Eintrag werden selbstredend mit Isa gemeinsam in ein Kreativtrinken umgesetzt.)

Der Rest von Hamburg – kleine Korrektur und Einladung

Ich habe hier etwas zu großspurig angekündigt, bei passender Gelegenheit über den Rest von Hamburg zu schreiben, also über all die unbekannten Gegenden, die sich dadurch auszeichnen, bedauerlicherweise nicht Sankt Georg zu sein. Nach etwas Nachdenken komme ich auf einen Aspekt, der mir gleich hätte auffallen müssen: Ich habe gar keine Zeit für so etwas. Gar keine Zeit oder nur sehr selten Zeit, und wenn Zeit, dann zwei Kinder an der Hand, außerdem ist es Winter und fünf Minuten nach dem Aufstehen schon wieder dunkel, wir sind hier ja kurz vorm Nordpol, da bleibt also nicht viel Restlicht, da werde ich mir nicht viel ansehen können. Von Fotos ganz zu schweigen. Ich muss daher tatsächlich ein wenig zurückrudern. Ich würde das nach wie vor sehr gerne machen, habe aber doch ein klein wenig Mangel an Gelegenheit.

Gleichwohl finde ich es schön, Hamburg im Blogstyle zu beschreiben, wenn man sich darunter denn überhaupt etwas vorstellen kann. So wie ich es gerade mit dem Steindamm getan habe, um nur ein Beispiel zu nennen. Und es gibt ja gar nicht wenig bloggende Hamburger – warum sollten die denn nicht machen, was sie am besten können: Ihren eigenen Stadtteil beschreiben. So, wie es bei Textundblog hier zum Beispiel für Wandsbek geschehen ist, vielleicht auch noch etwas ausführlicher? Jeder, wie es ihm passt? Ich habe daher z.B. Isa gefragt, ob sie mir nicht mal eben Borgfelde beschreiben kann, das ist so einer der Stadtteile, die eher unbekannt sind, da wohnt sie. Und das hat sie auch gemacht, der Text folgt hier in Kürze, noch heute Abend.

Finden sich nicht vielleicht noch mehr Hamburger Blogger, die einen Text beisteuern möchten? Ich wäre begeistert. Ein Text im eigenen Blog und von hier verlinkt, oder auch mit einem Gastbeitrag so wie Isa, ganz egal, aber es wäre doch toll, wenn man so eine Art Ringvorlesung zum Thema Hamburg hinbekäme. Hm? Ladies and gentlemen? Freiwillige? Frau FrischeBrise für ihr komisches Kaff da draußen, Herr Pop64 für das Dorf da, Frau Gröner für München, oh nein, pardon. Vielleicht Cem für das Grindelviertel? Herr Driesen für Hamm? Und all die anderen?

Na, nur so eine Idee. Sagt mal was.