Grippezeit

Eine Studie hat ergeben, dass Eltern länger leben und gesünder sind als kinderlose Menschen. Nanu! Wie ist es möglich, dass diese bleichen, übernächtigten Gestalten, die durchgehend nervlich zerrüttet aussehen, bis die Kinder endlich in die Pubertät kommen – und dann womöglich erst recht – wie ist es möglich, dass die länger aushalten als andere? Obwohl sie früher graue Haare bekommen, obwohl sie Erholung kaum buchstabieren können und obwohl sie fast ausschließlich von Fischstäbchen, Pommes und Schokolade leben, genau wie ihr Nachwuchs? Was mag das Geheimnis der gesunden Eltern sein?

Ist es die Liebe der Kinder, die das Immunsystem auf mysteriöse Weise anregt, verjüngt das dauernde Absingen von Kinderliedern oder ist die Fitness nur die Folge davon, dass man mit den Kleinen dauernd rausgeht, an jedem Tag, bei jedem Wetter, obwohl man selbst gar keine Lust hat, die Wohnung zwischen November und März zu verlassen? Frischluft für Vati, dann hält er viel länger – wer weiß. Vielleicht liegt es aber auch einfach an den zahllosen, zweifellos gesunden Äpfelchen, die man den Kleinen dauernd schnippelt und schält, und die man abends dann doch schließlich selbst isst. Aber eigentlich glaube ich das alles nicht. Ich vermute eine banalere Ursache für die bemerkenswerte Ausdauer der Mütter und Väter.

„Ich bin krank“, sagte ich letzten Freitag mit heiserer Stimme und fieberglühend zu meiner Frau, „ich bleibe heute zu Hause. Grippe.“ „Oh, das passt aber gut“, sagte meine Frau begeistert, „dann kannst Du ja jetzt das Kinderzimmer aufräumen, staubsaugen, für heute Abend vorkochen, die Wäsche aufhängen, nachher die Kinder abholen, ein wenig mit ihnen spielen und sie zum Chor bringen.“

Wir Eltern können nämlich gar nicht krank sein. Wir haben einfach keine Zeit für so etwas.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung)