Der Steindamm ist eine der beiden Hauptstraßen von Sankt Georg, die nicht so feine Meile, der man noch auf den ersten Blick ansieht, dass das hier schon seit langer Zeit ein Bahnhofsviertel ist. Sexshops, Spielcasinos, Sportwetten, und in den Nebenstraßen stehen Damen am Straßenrand, die in Blankenese nicht als Damen durchgehen würden. In den Mülleimern wühlen menschliche Wracks mit leerem Blick, die Trinker-Szene vom Bahnhof sucht nach Pfandflaschen und kauft hier Nachschub ein, die öffentliche Methadon-Ausgabe ist auch nicht weit weg. Touristen aus beschaulichen Kleinstädten beschweren sich in den anliegenden Hotels regelmäßig über das Umfeld, das habe man ja vorher nicht gewusst, in was für einer Gegend man da lande, da sei ja, also wirklich.

Was man als Tourist aber natürlich nicht sieht: Auch hier schwindet der schmuddelige Anteil langsam, auch hier steigen die Mieten. Prostitution ist nicht mehr statthaft, das war sie eigentlich noch nie, aber jetzt geht man auch dagegen vor. Wer so unvorsichtig ist, eine der Damen in Sichtweite eines Polizisten anzusprechen, der zahlt. Und die Damen zahlen auch, das ist an sich nicht der Zweck der Übung in ihrem Beruf. Die sozialen Hilfsangebote für die Damen werden gestrichen und geschlossen, sollen sie alleine sehen, wie sie überleben. Man kann bei dem Thema in Hamburg ganz offenherzig unmenschlich sein, das stört hier keinen. Ab und zu gibt der Bezirk stolz bekannt, wie viel Geld er durch die Strafgebühren zusätzlich eingenommen hat. Wo das Gewerbe denn hin soll, das ist egal, hier gilt das Sankt-Florians-Prinzip, Hauptsache nicht hier, Hauptsache weg. Sollen die sehen, wo sie vor die Hunde gehen, die neureichen Nachbarn aus den aufgehübschten Häusern ein paar Straßen weiter möchten dabei lieber nicht zusehen. Da wird auch gerne mit Kindern argumentiert, die Kinder dürfen das alles um Gottes willen nicht sehen. Wenn die Kinder das nicht sehen, dann gibt es das auch nicht.

Die ganze Straße wehrt sich neuerdings gegen neue Casinos und Sexshops, jede Ansiedlung eines normalen Geschäftes wird jetzt gefeiert, es ändert sich etwas. Aber der Wandel geht hier sehr viel langsamer vor sich als hinten an der Alster, diese paar hundert Meter ins Innerstädtische hinein machen tatsächlich etwas aus. Der Steindamm ist immer noch eine Straße, wie man sich so einen Boulevard, denn das ist er eigentlich, mitten in einer Millionenstadt vorstellt, man sieht ihm an, was er einmal war. Obwohl es die zahlreichen Kinos nicht mehr gibt, die hier früher waren, obwohl es nur noch zwei Theater gibt, obwohl die Stundenhotels langsam den immer gleichen Drei-Sterne-Hotels der großen Ketten weichen. Auf dem Steindamm gab es damals die erste Hamburger Leuchtreklame, hier war früher schwer was los, auch nachts, hier ging man aus. Lange her.

Heute gibt es alle paar Meter einen Lebensmittelladen oder ein Imbissrestaurant. Sehr, sehr viele Läden und sehr viele Imbisse. Türkisch, arabisch, persisch, afghanisch, indisch, pakistanisch, vietnamesisch, chinesisch, italienisch, deutsch, ja, ganz vereinzelt auch deutsch. Na, im Grunde ist das nur eine Bäckerei, das zählt gar nicht. Wenn man auf den Steindamm geht, ist man in einem Ausmaß im multikulturellen Bereich, wie es die meisten Menschen in Deutschland bisher gar nicht kennen, hier kann man die halbe Straße entlanggehen und dabei Menschen aus wie vielen? zehn, fünfzehn, zwanzig oder noch mehr Nationen treffen. Hier ist es im wahrsten Sinne des Wortes bunt, man muss nur die Afrikanerinnen ansehen, die hier entlanggehen, in Mustern, die man bei H&M nie gesehen hat, bunter geht es überhaupt nicht. Und das Bunte wogt die Straße hinunter, unter dem gnadenlos grauen Hamburger Himmel und man sieht dem Bunten an, wie anders ein Land sein muss, damit dort so eine Mode getragen wird. Und wie das Wetter da sein muss, das sieht man auch, aber wer kann sich das schon wirklich vorstellen, wenn er aus Norddeutschland kommt. Und die Frauen in den bunten Kleidern lachen laut und sind ungeheuer vergnügt, und dann singen sie ein wenig und machen angedeutete Tanzschritte, vielleicht sprechen sie über irgendeine Inszenierung, und dann bleiben sie wieder stehen und lachen sich lauthals kaputt, da kann der Himmel noch so grau sein.

Sehr bunt und sehr laut ist es hier, auch die arabischen Männer am Straßenrand reden lauter als Deutsche, sie schreien, sie rufen, sie brüllen, sie geraten leicht in Ekstase. Schon wenn sie einen Bekannten treffen, der stets mit theatralischen Umarmungen begrüßt wird, geht es hoch her und wenn eine dieser Gruppen eine andere Gruppe trifft, dann dauert es eine ganze Weile, bis sich alle ausreichend umarmt und geküsst haben. Da eine Gruppe verlaufener Japaner, klischeegerecht alle mit Kamera, da Frauen in Burkas, hier türkische Jugendliche, afghanische Senioren vor einem Café, indische Verkäufer vor einem Laden, russische Jugendliche vor einem Wettbüro. Rumänische Bettler mit Akkordeon, vielleicht auch aus Bulgarien, Mazedonien, Slowenien, weiß der Kuckuck. Die Straße könnte auch durch New York führen, so, genau so stellt man sich das Zentrum von Millionenstädten abseits der reichen Einkaufsmeilen vor. So sieht es aber sonst nirgendwo aus in Hamburg, das ist nur auf genau diesem Stück so, nur ein paar hundert Meter lang. Einmal um die Ecke gebogen und der ganze Zauber ist vorbei, das ist auch wie in New York, wo Gegenden wie Chinatown sich nicht langsam im Stadtbild aufbauen, sondern präzise an einer Ecke beginnen. Nur der Steindamm ist wie der Steindamm, einmal abgebogen und man ist wieder in Deutschland und die beigefarbenen Jacken der Rentnerinnen passen betrüblich schön zum grauen Himmel. Auf dem Steindamm treffen sich sämtliche Minderheiten Hamburgs zum Einkaufen und zum Essen.

Ich gehe zu Sönmez. Zu Sönmez 1 genau genommen, denn auf dem Steindamm hat Sönmez vier Geschäfte, jedes mit einer Nummer draußen dran. Ich gehe zu Sönmez 1, denn nur vor Sönmez 1 ist ein kleiner Platz, und durch diesen Platz ist da etwas mehr Raum als der normale Fußweg bietet, da passt also noch etwas mehr Leben hin und das findet da auch statt.

Auf dem Platz steht Ware herum, Obst und Gemüse. Kistenweise, bergeweise, schalenweise. Ungeheure Kohlköpfe, in Größen, die kein deutscher Haushalt mehr kaufen würde. Zwischen den Kisten, Wagen und Kartons arbeiten etliche Menschen, werfen gammelige Ware weg, reißen Schachteln auf, füllen Kisten nach, räumen hin und her und immer reden sie dabei. Mit ihren Kollegen, mit den Kunden, mit Passanten und weil sie alle reden, reden sie eben laut und weil hier alle denkbaren Sprachen vorkommen und keineswegs alle Türkisch können, hört man Brocken in Englisch, Deutsch, Arabisch, Türkisch, Griechisch, es schwirrt nur so um einen herum. Ein Mann steht vor der Eingangstür des Geschäftes und schreit, wie die Marktschreier auf dem Fischmarkt, das kennt man sonst gar nicht mehr. Er ruft immer wieder das Gleiche, unentwegt, immer wieder: „Kissé Ssa-Wah Jiro!“ und noch einmal und noch einmal und ab und zu hört man ein scharfes „Hissa! Hissa!“. Ich verstehe erst nach einer ganzen Weile, dass der Mann keineswegs arabisch oder türkisch spricht, sondern „Kiste zwei Euro!“ ruft, womit er die Tomatenkisten meint, die neben ihm stehen und die sehr schnell weggehen. Wenn jemand auch nur so aussieht, als würde er eine Kiste haben wollen, dann schnellt die Hand des Verkäufers vor, „Hissa! Hissa!“ und dann versteht man auch endlich , dass es „Hier zahlen“ heißt. Nicht im Laden, sondern gleich hier, ja, natürlich.

An der Fassade des Ladens überall Kisten mit allen nur denkbaren Sorten Obst und Gemüse, man nimmt sich selbst. Die Preise sind moderat, oft sogar billiger als in den deutschen Märkten, viele deutsche Einwohner von Sankt Georg wissen das gar nicht, weil sie hier nicht hingehen. Ein Mann, der Charles Aznavour verblüffend ähnlich sieht, ein ausgesprochen gut aussehender Mann, wühlt in den Auberginen. Hochkonzentriert steht er da, dann holt er schließlich eine Aubergine aus der Tiefe der Kiste, hält sie triumphierend hoch und zeigt sie seinem Freund, der auch sein Bruder sein kann, er sieht nämlich fast genau so aus, Charles Aznavour 2 bei Sönmez 1. Der Bruderfreund nimmt ihm die Aubergine ab, drückt sie, wiegt sie in der Hand und hat Einwände, schüttelt kritisch den Kopf, Nummer 1 gräbt also immer weiter und entscheidet sich nicht so leicht. Es dauert Ewigkeiten, bis die beiden sich auf eine Aubergine einigen, sie reden die ganze Zeit schnell und engagiert, ich kann, obwohl ich direkt neben ihnen stehe, nicht einmal raten, welche Sprache das sein könnte. An den Gesten der beiden merkt man aber schließlich, dass sie über Kochrezepte reden. Die Hände hacken Kräuter, schütteln Pfannen, reiben Gewürze und löffeln Probe. Sie sind doch noch nicht nicht einer Meinung, wie es scheint, sie gehe weiter ernst debattierend in den Laden. Charles Aznavour Nummer 1 trägt die Aubergine vor sich her wie eine Trophäe. Er trägt einen alten, nicht eben gut erhaltenen Anzug, die Schuhe sind auch ziemlich durch, aber seine Stimme ist klar und schön und am Abend wird er irgendwo La Bohème singen. Und danach dann irgendetwas mit Auberginen essen. Er könnte tatsächlich als Imitator auftreten, so ähnlich sieht er dem Sänger.

Ich folge den beiden in den Laden, „Hissa! Hissa!“ werde ich am Eingang aufgefordert, aber ich will keine Kiste Tomaten, ich will überhaupt nichts in Kisten, obwohl hier viele Menschen absurde Mengen Lebensmittel kaufen, in großen Kartons, in Einkaufswagen, die gar nicht in diesen Laden gehören, in Einkaufsrollern, die bis zum Rand mit Spitzpaprika oder Kohl gefüllt werden. Mengen, die man nur verarbeiten kann, wenn man für zehn Leute oder mehr kocht. Im Laden eine Regalwand nur mit Körnern und getrocknetem Irgendwas, Kürbiskerne, Pistazien, geröstete Kircherbsen, Nüsse, alles mit Salz oder ohne, mit Gewürz oder ohne, in dieser und jeder Abwandlung. Nicht auf allen Tüten steht etwas auf Deutsch, ich kaufe ab und zu eine auf gut Glück, es wird schon schmecken. Man gewinnt nicht immer bei dem Spiel, aber egal. Fladenbrote in ungewohnten Formaten und Größen, die Frau vor mir kauft sechs meterlange Fladenbrote, hier ist wirklich alles für Großfamilien gemacht, mein Vierpersonenhaushalt ist gar nichts. Zwei Regale nur mit Oliven, zwei mit Bohnen und Kichererbsen in Dosen. Ganze Fische an der Frischetheke, ich könnte einen großen Lachs mitnehmen, wenn ich auch nur die leiseste Ahnung hätte, was ich mit einem ganzen Fisch soll, ich kann nur Filet. Eine bedauerliche Form von Lebensmittelblödigkeit, typisch für meine Generation. Frischfleisch vom Schaf, vom Lamm, vom Rind, vom Geflügel. Nicht wie in deutschen Märkten nur noch die Schnitzel, nein, alles. Schafsköpfe, Lammzungen, Hühnerherzen, Kalbsfüße, was man sich nur vorstellen kann. Schafskäse und Ziegenkäse in üppiger Auswahl, dann wieder unabsehbare Mengen von Gemüsen im Glas. Türkische Süßigkeiten, türkische Getränke. Kein Alkohol.

Die Frauen an der Kasse sind schnell, sie wechseln alle paar Sekunden die Sprache, sie müssen nie irgendeinen Preis nachsehen und sie kennen immer alle Sorten, die da verkauft werden. Sie verstehen nie, dass ich keine Plastiktüten will und amüsieren sich lächelnd über meine mitgebrachten Beutel. Ich trinke eine türkische Limo vor der Tür des Ladens und knabbere am Fladenbrot, ich sehe mir das Treiben noch einen Augenblick an. „Hissa, Hissa!“. Nein, ich will wirklich keine Kiste Tomaten. Obwohl die gut aussehen und zwei Euro tatsächlich spottbillig ist. Charles Aznavour kommt jetzt auch aus dem Laden, er ist immer noch ins Gespräch vertieft, er trägt die Aubergine immer noch vor sich her, und sein Bruderfreund wirkt nach wie vor nicht überzeugt und schüttelt immer noch den Kopf. Vielleicht heißt das Lied auch „L’Aubergine“, wer weiß.

Ein paar Meter weiter steht eine Dame und darf nicht angesprochen werden. Sie steht vor einer Kneipe und ab und zu geht sie hinein, wenn sie Glück hat, geht ein Mann ihr nach, alles andere findet sich dann drinnen und kostet dann zumindest kein Bußgeld. Na super.

 

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