Woanders – heute sehr literaturlastig

Wolfgang Michal über die Situation der Blogger und der Presse. Enthält den Begriff USP, kann man aber dennoch lesen. Erstaunlich eigentlich.

 

In der NZZ ein Artikel über eine Neuübersetzung von Flauberts Madame Bovary.  Auch so ein     Klassiker, der ein großartiges Lesevergnügen ist.  Wenn Sie das versehentlich noch nicht kennen, lassen Sie es sich schenken. In 48 Tagen ist Weihnachten.

 

Ich reise nicht gern, ich verlasse ja nicht einmal meinen Stadtteil gern, aber ich lese gelegentlich Reiseberichte in Blogs, wenn mich der erste Absatz irgendwie erwischt. Katrin Scheib ist mit einem Medien-Austauschprogramm zwölf Wochen in China und schreibt hier über die ersten sechs Wochen. Ganz kurz, in ganz unerwarteten Sätzen und Feststellungen.

 

In Georgien gibt es einen Kindergarten mit einem echten Flugzeug als Spielgerät. Hier Bilder davon im österreichischen Standard.

 

Veronika, ein ganzes Jahr.

 

Ein Artikel in der Berliner Zeitung über Jugendkriminalität. Die Zahlenlage, die eben nicht (nicht! nicht!) auf eine dramatische Steigerung der Deliktzahl hinweist, bitte verinnerlichen. Zumindest solange, bis wieder eine andere Quelle das Gegenteil behauptet, es kann sich ja nur um Tage handeln. Bitte auch unter dem Aspekt lesen, dass wir alle stets in Gefahr sind, falsch hochzurechnen, weil der Mensch nun einmal so tickt. Es ist quasi ein Softwarefehler des menschlichen Hirns, dass wir aus zwei, drei Vorkommnissen, von denen wir Kenntnis bekommen, immer auf die ganze Welt schließen, wir rechnen uns die Wirklichkeit hoch. Das ist auch durchaus sinnvoll, wenn ein Säbelzahntiger Brüderchen und Schwesterchen verspeist, denn dann sollte man folgerichtig ableiten, dass er womöglich auch hinter einem selbst her ist, das ist aber nicht mehr sinnvoll, wenn man zwei, drei Meldungen zu einem Thema in Zeitungen liest. Und man glaube nur nicht, man sei qua Intelligenz darüber erhaben.  Das ist eine schwere, lebenslange Aufgabe, dieses Muster immer wieder zu erkennen, das wird auch nicht eben simpler, wenn man zehn, zwanzig oder zweihundert ähnliche Tweets oder Blogartikel zu einem Thema liest. Es ist und bleibt immer alles eine Frage der Stichprobe. Lesenswert ist der Artikel aber auch wegen des historischen Zitates im Text. Ein schöner Fund.

 

Das Nuf erspart mir Schreibarbeit, denn bei diesem Artikel von ihr sehe ich alles, wirklich alles ganz genau so und ich war auch schon drauf und dran, etwas in ähnlicher Richtung anzufangen. Aber das kann man jetzt alles hier nachlesen. Toll. Vielen Dank. Das Nuf ist sowieso immer super, unbedingt regelmäßig lesen.

 

Ein wenig geschichtliche Weiterbildung schadet auch nicht: In der NZZ ein Text über die Balkankriege 1912/1913. Ich hätte ziemlich wenig gewusst. Sagen wir: verblüffend wenig, fast gar nichts. In einem Test darüber hätte ich eine glatte 5 geschrieben. Ich sehe förmlich meinen Geschichtslehrer vor mir, ganz alte Schule der Mann, wie er damals in der Klasse stand, mit taumelnden Rückwärtsschritten den Mittelgang entlangging, nach seinem Stuhl tastete und, meine Arbeit anklagend erhoben in der Hand, erbleichend murmelte: „Gestatten Sie, dass ich mich setze ob ihrer Dummheit.“ Formulieren konnte er.

 

Und wo wir schon bei der Geschichte sind – in der taz ein Interview mit der Auschwitz-Überlebenden Germanistin Ruth Klüger. Enthält das bemerkenswerte Statement zum Begriff Heimat:  „Also ich brauche keine. Wissen Sie, die Welt ist derartig voller Flüchtlinge und Migranten, mehr als je. Wenn alle diese Leute eine Heimat brauchten, dann wären sie noch schlechter dran, als sie sowieso sind. Ich bin kein Baum, ich brauche keine Wurzeln. In diesem übertragenen Sinne, dass die Kindheit Wurzel ist: ja. Aber das ist nicht dasselbe wie ein Boden. Ich habe Füße, keine Wurzeln, ich kann gehen. Sogar Auto fahren.“

 

Dann noch Axel Scherm über die Neunziger Jahre, Stockwerkeigentum und Geschwister. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Erzählt mehr Geschichten! Wie Axel zum Beispiel. So soll das sein.

 

Und wo wir schon beim Schreiben sind: In der NZZ, die anscheinend meine Lieblingszeitung ist, wie ich gerade an der Zahl der Links merke,  eine Poetik-Vorlesung von Brigitte Kronauer.  Sicherlich ganz besonders für die mitlesenden Autoren interessant: „Über die Skepsis beim Schreiben“. Kein guter Text für nebenbei, eher für das abendliche Glas Irgendwas.

 

Im Buchreport ein Beitrag zum eher unerfreulichen Thema deutsche Autoren und das Internet.

 

Und ganz zum Schluss, warum soll man nicht noch neue Regeln für die wöchentliche Linksammlung erfinden, das Rezept der Woche, also das Beste, was hier meiner Meinung nach in den letzten sieben Tagen von mir gekocht auf dem Tisch war: Pappeinfaches Ofengemüse. So ein tolles Essen.


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