Es gibt eine Phase der sprachlichen Entwicklung, in der das Ausdrucksvermögen dem Wissen deutlich voraus ist. Das ist bei den Kindern, die ich kenne, etwa mit drei Jahren der Fall, es kann vermutlich aber auch früher auftreten, ich kenne ja fast nur Jungs. Das Kind kann sich schon korrekt ausdrücken, es kann ganze, vernünftige Sätze bilden, Phrasen der Erwachsenen wiedergeben und auch die Mimik aus der Erwachsenenwelt sehr überzeugend nachmachen. Hochgezogene Brauen, nachdenkliches Nicken, grübelndes Kopfnicken und Abwägen, das haben sie alles schon übernommen und perfektioniert. Es wirkt etwas karikierend, wenn sie es einsetzen, aber das geschieht natürlich nicht mit Absicht.  Die Grammatik sitzt halbwegs, ganze Satzkonstruktionen, auch ziemlich komplizierte, kommen, teils auswendig gelernt, flüssig über die Lippen, es sind kleine Redner und eloquente Gesprächspartner– sie haben nur von nichts eine Ahnung. Sie reden gekonnt, wissen aber nicht wovon .Wie sollten sie auch etwas wissen, nach nur drei Jahren.

Sohn II zieht mich neuerdings abends mit der Formulierung „Wir müssen reden“ ins Bett. Reden, ein Gespräch führen, zu zweit, auf Augenhöhe, wie man heute im wirtschaftlichen Umfeld sagt. „Komm, wir reden über Weihnachten“, sagt er etwa. Im Grunde will er nur noch nicht schlafen, versteht sich, aber da passt es natürlich ganz gut, dass der Vater sich so über diese Gespräche unter vier Augen freut.

Ich: „Weißt Du denn überhaupt, wann Weihnachten ist?“

Sohn II: „Das ist Dienstag. Also nach Freitag und heute. So ist das.“

Ich: „Und wer kommt da?“

Sohn II: „Der Weihnachtsmann. Und Jesus mit seinem Bruder.“

Ich: „Jesus hatte gar keinen Bruder.“

Sohn II: „Oh, wie schade. Ich habe aber einen. Da.“

Ich: „Und worauf kommt der Weihnachtsmann?“

Sohn II: „Der kommt auf einem Schlitten.“

Ich: „Auf einem fliegenden Schlitten, genau. Und wer zieht den?“

Sohn II: „Der Nikolaus. Genau so ist das. Das weiß ich doch alles schon. Ich geh bald in die Vorschule.“

 

Wobei er nickt und herablassend guckt, als hätte er die letzten drei Jahre komplett mit intensiver Weihnachtsforschung verbracht.

 

Ich: „Und wer wurde an Weihnachten geboren?“

Sohn II: „Jesus. Und kein Bruder. Das hab ich Dir doch schon gesagt.“

Ich: „Und wo?“

Sohn II: „Auf Mallorca.“

Ich: „Und welche Tiere waren dabei?“

Sohn II: „Die Renntiere. Sehr schnelle Renntiere waren das, das weiß ich doch auch schon. Die sind wie Pferde, die Renntiere, die dabei waren, aber mit hier so.“

 

Er zeigt mir mit Gesten die Geweihe. Immerhin ein nicht ganz abwegiger Gedanke.

 

Ich: „Und Ochs und Esel?“

Sohn II: „Die ziehen auch mit am Schlitten. Weiß ich alles. Ich will jetzt mit Dir über Schnee sprechen. Ich rede über Schnee, ja? Also Schnee gibt es dann am Freitag. Ist heute Montag? Nein? Dann gibt es heute Schnee, weißt Du. “

 

Und das geht noch lange so weiter, es ist faszinierend, Jeder Satz im Brustton der Überzegung vorgebracht, nicht der Hauch eines Selbstzweifels. Dozierender Tonfall, belehrend erhobener Zeigefinger, mitleidige Blicke, wenn man fragend guckt und offensichtlich etwas nicht gewusst hat. Wenn ich etwas richtigstelle, wird das neue Argument sofort in die Sätze eingebaut, als wäre das immer schon so bekannt gewesen, der Zustand, in dem er das nicht gewusst hat, den hat es nie gegeben. Er weiß alles, immer schon, also bestimmt seit gestern, wenn nicht sogar seit Freitag.

Das geht nach meiner Erfahrung etwa ein Jahr so, dann wissen die Kinder allmählich tatsächlich so viel, dass sie in der Argumentation und in der Erzählung auf die wirklich bekannten Tatsachen umschalten können und eher ähnlich wie Erwachsene reden.

Bei manchen besonders zielstrebigen und dominanten Menschen kommt es nach etwa 25 Jahren zu einem plötzlichen Rückfall in das Sprechverhalten der Dreijährigen. Sie reden dann wieder in gefälliger Wortwahl über Dinge, von denen sie keinen Schimmer haben, bauen Gegenargumente sofort als eigene in ihren Redefluss ein und dozieren auch bei völliger Ahnungslosigkeit immer weiter, während die Zuhörer längst gerne einschlafen würde, wollte sagen frei hätten, sie werden unduldsam, wenn man ihnen nicht folgen möchte und schnell aggressiv, wenn man widerspricht – es ist ein wenig beachtetes Phänomen, aber die Sprache der Manager ist der Sprache der Dreijährigen wirklich verblüffend ähnlich.


%d Bloggern gefällt das: