Wohnen in bester Lage

In unserem kleinen Bahnhofsviertel wird gerade lebhaft diskutiert, was Gentrification und Tourismus hier anrichten. Die Mieten steigen in absurde Bereiche, eine 25-qm-1-Zimmer-Wohnung wurde hier um die Ecke gerade ernsthaft für 625 Euro kalt angeboten. Da kann man schon einmal einen Augenblick länger drüber nachdenken, über solche Dimensionen. Neben ein Hotel kann natürlich immer noch ein weiteres Hotel gebaut werden, in den Straßen dieses sehr, sehr kleinen Stadtteils übernachten mittlerweile mehr als ein Drittel aller Gäste, die Hamburg besuchen. Wir sind also das Gästezimmer der Stadt. Die einen finden das toll, weil die Touristen auch Geld im Stadtteil lassen, der vor nicht allzu langer Zeit noch ziemlich heruntergekommen war. Die anderen finden das überhaupt nicht toll, weil die Infrastruktur für die Touristen eine andere ist als die, welche man als Anwohner gerne hätte. Touristen haben gerne in jedem zweiten Haus einen Coffeeshop oder eine Trattoria, Anwohner hätten aber gerne einen Käseladen oder ein Schreibwarengeschäft oder ähnlich nützliche Einrichtungen, man ahnt das naheliegende Konfliktpotential. Die Betreiber der Coffeeshops können mehr Miete zahlen als die alteingesessenen Lädchen, der Häuserkampf wird über den Mietpreis ausgetragen und es ist klar, wer das gewinnt. Nostalgiker schwärmen von der guten, alten Armut und von damals, als noch nicht jeder Altbau im Viertel edel renoviert war. Das ungeheizte Klo im Treppenhaus, die auf der Straße herumliegenden Spritzen der Junkies, die offene Drogenprostitution und die Dealerszene, das alles haben sie längst vergessen oder verdrängt. Früher war es schöner, früher war es netter, früher hat man noch beim abendlichen Rundtanz um die brennenden Mülltonnen im Hof Hand in Hand in fröhlichem Reigen „Kein schöner Land“ gesungen. Oder so. Und da ist, bei allem Spott, sogar etwas dran. Aber egal, das war damals, heute wird hier alles aufgeräumt, ein gründlicher Frühjahrsputz, nur ganzjährig. Der Pastor der Kirche vor meinem Balkon sagt hier gerade in der Presse etwas Richtiges dazu, so etwas liest man viel zu selten.

Man hätte den Stadtteil jetzt gerne medium – ein wenig renoviert, ein wenig schick, ein wenig romantisch verkommen, ein wenig launisch bunt, ein wenig multikulti, ein wenig schwul, aber alles genau im mittleren, korrekten Wohlfühlbereich. Aber medium können Städte nun einmal nicht oder immer nur ganz kurz, Stadtteile sind entweder raw oder well-done. Und unser kleines Sankt Georg ist allmählich in der Tat gut durch. Und gut durch, das will dann am Ende immer keiner bestellt haben, das kennt man ja. Und es schmeckt auch wirklich nicht.

Für mich ist das hier aber auch ein wenig Travemünde reloaded. Eine ähnliche Situation wie in meiner Jugend. Es ist alles voller Touristen und die Einwohner kennen sich anscheinend alle und umkurven die Hauptanlaufpunkte der Gäste weiträumig im Zustand dauernden Kopfschüttelns und ganztägig gehobener Brauen. Es gibt zu wenig Wohnungen, aber sehr viel Platz für Gäste. Das war damals an der Ostsee genauso. Und heute wie damals komme ich in Restaurants besser weg, weil ich den Wirt kenne und oft komme und nicht mit Rollkoffer und Stadtplan in der Hand auf dem Weg zum Bahnhof bin. Die Straßen sind hier immer voller Fremder, der Zusammenhalt der Eingeborenen ist dabei vielleicht ein wenig besser als in anderen Vierteln. Mag sein. Manchmal. Schwer zu sagen.

Für mich jedenfalls amüsant, dass die Kinder des Stadtteils die in der Gegend herumstehenden Touristen ähnlich wahrnehmen wie ich damals die zahllosen Strandbesucher an der Ostsee. Ich holte Sohn I am Freitag vom Kindergarten ab, er hatte einen Kumpel dabei, der bei uns übernachtete. Dafür schlief Sohn II bei dessen Bruder, da muss man als Elternteil übrigens aufpassen, dass man sich alles richtig merkt, sonst hat man am Ende die falschen Kinder zu Hause, sehr ärgerlich, aber darum geht es gar nicht. Die beiden Jungs gingen also vor mir her, wir schlängelten uns durch die Massen auf den Straßen, denn am Wochenende ist es hier immer besonders voll, da kommen die zahllosen Kurzreisenden. „Wollen wir Touristen spielen?“ fragte der Kumpel von Sohn I und „Ja!“ rief Sohn I begeistert.

Ich erkundigte mich, wie das Spiel denn wohl funktionierte und wurde aufgeklärt: Man geht zu dritt oder noch besser zu viert nebeneinander, so dass garantiert keiner mehr an einem vorbeikommt. Dabei fasst man sich an den Händen und schreitet so langsam, dass alle hinter einem wahnsinnig werden.

Ich habe gleich mitgemacht – ein tolles Spiel. Probieren Sie es ruhig auch einmal. Aber vielleicht doch lieber in einem anderen Stadtteil.


9 Kommentare

  1. Birgit

    Und ich hab schon überlegt, mich beim nächsten Hamburg-Urlaub in St. Georg einzuquartieren. Na lieber doch nicht.

  2. Alex

    Ganz ehrlich – es freut mich das zu lesen. Nach St. Georg ist der $schimpfwort damals mit dem Rucksack meiner mittlerweile Ex-Freundin gelaufen, den er uns am Hauptbahnhof genommen hatte. Danach fuhr ich mal mit dem Auto durch und sah eine ziemlich kaputte Dame, die ihre Dienste feilbot. Und einen Kunden, der die Dienste in Anspruch nehmen wollte. Mein Reflex war “bloss weg”, aber ich bin ja auch ein Landei. Wenn sich St. Georg also entwickelt, warum nicht. Und Tourismus ist kein schlechtes Geschäft, lieber hinter bummelnden Touristen hinterherlaufen als andauernd gucken ob irgendwo noch Reste anderer Beschäftigungen herumliegen, oder?

  3. Maximilian Buddenbohm

    @Alex Nein. Ich kann mich nicht an einer Entwicklung erfreuen, die das Elend nur einen Stadtteil weiter verschiebt und kein einziges Problem löst. Das ist nur das gelebte Sankt-Florians-Prinzip, dem bringe ich keine Sympathie entgegen.

  4. birgit

    “touristen-spielen” kann man auch sehr gut allein: einfach mitten in offenen türen stehenbleiben (und wahlweise stadtplan oder einkaufszettel konsultieren – und zwar in ruhe! ganz in ruhe!). wahlweise bleibe man am ende einer rolltreppe stehen (notfalls tut es auch eine feste treppe) oder bleibe nach kauf einer fahrkarte vor dem automaten stehen.

    es gibt da viele schöne möglichkeiten …

  5. dasPossum

    Das hört sich sehr nach Berlin an. Vor allem die an sich schon breiten Bürgersteige blockieren. Gerne auch mit Ausrufen wie “Booooaaahh, ey, guck ma!” oder “Look at all these old buiiiiiildings” oder “Setzehierwasrussischasiatischesein”.
    Nur gut, dass wir in Schottland nur die Katzen so angestarrt haben:-)

  6. Stephan Roth

    Schon wenn ich dieses Spiel gedanklich durchspiele und mich in die Lage des Nicht-Touristen hineinversetze, könnte ich wahnsinnig werden.

    Das wird eigentlich nur noch getoppt von den Reisenden am Hauptbahnhof, die ihre umfangreichen Begrüßungs- und Küsschenorgien auf, oder an der Bahnsteigtreppe zelebrieren und so den Strom der gerade aus dem Zug gestiegenen Fahrgäste zum Erliegen bringen.

    Ansonsten eine bedenkliche Entwicklung, die es auch in anderen Städten und Stadtteilen gibt. Die Schanze fängt ja auch gerade damit an…

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