Nachdem mein Bruder hier drüben einen Blogeintrag „Die Geschichte hinter den Scherben“ genannt hat, breche ich doch einmal meinen guten Vorsatz, nicht aus meiner früheren Kindheit zu erzählen. Sehr praktisch übrigens, diese bloggenden Familienangehörigen, man kann  Geschichten einfach anlegen, quasi Erzähldomino, so kann man die Spielrunden aus der Kindheit auch fortsetzen. Eigentlich wollte ich gar nicht über die ersten 12 Jahre meines Lebens schreibe, weil meine größeren Geschwister das alles viel besser wissen als ich, aber diese Ausnahme muss doch sein. Das ist nämlich eine Geschichte, die ich schon seit Jahren einmal erzählen wollte, ich bin nur immer wieder davon abgekommen, vermutlich sogar schon neun Jahre lang, wenn ich es recht bedenke. Habe sie zwischendurch vergessen, und wenn sie mir wieder einfiel, hielt mich wieder irgendetwas ab, dann war sie wieder weg. Dafür hat sie mittlerweile eine bessere Pointe, als sie noch vor neun Jahren hätte gehabt haben können, diese letzte Nebensatzendung bitte bei Gelegenheit in „Deutsch für Ausländer“ vorlegen, danke.

In der Zeit vor Travemünde, als meine Eltern noch nicht geschieden waren, lebten wir in Lübeck.

Mein Vater war Glaser. Sein Vater war auch Glaser und dessen Vater vermutlich auch und die anderen Vorfahren, auch die meiner Mutter, waren zu einem großen Teil ebenfalls irgendetwas mit Glas. Glasbläser, Glaser, sogar Glashüttenbesitzer, die Branche wurde ganz gut abgedeckt. Obwohl sich der Stammbaum meiner Familie wegen der schlechten Quellenlage nicht recht erschließt und auch nicht allzu weit reicht, ist er gewissermaßen doch eine glasklare Sache.

Wir lebten in einem Wohnhaus, das ringsum von den Werkstätten, Lagerhallen und Garagen des Betriebes umgeben war. Der Hof asphaltiert, am Rand eine wenig Garten, das meiste aber eindeutig Gewerbe. Für ein Kind ein großes Gelände, abwechslungsreich gestaltet. In jeder Garage war etwas anderes, Feuerholzberge oder Werkzeuge bis hin zu Kreissägen, dann wieder großes Baugerät oder einfach Krempel, alte Möbel. Eimerbatterien voller Kitt, da brauchte man dann keine Knete mehr. In den Werkstätten große Maschinen zur Glasbearbeitung, eine Halle nur für die Schleifmaschinen, ohrenbetäubend laut, immer nass und kühl. Hier stand Toni, der polnische Schleifer, mit Lärmschutz auf den Ohren. Mit Toni konnte man nicht recht reden, er verstand einen nicht, wegen des Gehörschutzes, und er sprach nicht gut Deutsch. Dennoch sind ein paar Lebensweisheiten von ihm in meiner Erinnerung geblieben: „Wenn scharf – Du essen Brot, dann scharf weg.“ Das murmeln wahrscheinlich heute noch alle Familienmitglieder vor sich hin, wenn sie auf eine überraschend scharfe Peperoni beißen.

Maschinen um durch Glas zu bohren. Große Schneidetische, Maschinen für irgendetwas anderes, ich weiß es gar nicht genau, ich war zu klein. Das Büro meines Vaters mit dem großen Drehstuhl, das Büro meiner Mutter mit dem kleineren Drehstuhl und ihrer Schreibmaschine, verschiedene Keller. Der Keller für die Angestellten mit dem Kasten Bier auf dem Fußboden. Lück, das Bier aus Lübeck, kennen heute nur noch wenig. Laderampen für LKWs, Gabelstapler, Lieferwagen, riesige Kisten voller Glas. Große Glasscheiben, kleine Glasscheiben, sehr kleine Glasscheiben. Die Glasscheiben, die damals im Supermarkt zwischen Schokoriegeln und Bonbons die Regale trennten, die wurden da verarbeitet, zigtausendfach.

Mein Bruder und ich, wir spielten da auf dem Hof. Damals gab es noch keine Rundumbetreuung und keine Kinderspezialbereiche, damals lief man eben so mit. Die Eltern waren irgendwo in der Nähe, wo genau war unerheblich, es war ja sowieso generell besser, nicht gesehen zu werden, dann konnte man viel spannendere Sachen machen. So lange wir auf dem Hof blieben war alles in Ordnung. Ausflüge waren nur zu einem der Nachbarn gestattet, bei dem wurden Getränke abgefüllt. Brause mit Waldmeistergeschmack oder Himbeer. Ratternde Flaschenbataillone am Fließband, ein süßer Geschmack, an den ich mich heute noch erinnere.

Es gab keinen Bereich auf unserem Hof, in den wir nicht durften, es gab keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen. Die Vorstellung, dass man eines Tages Tischecken mit Schaumgummi abpolstern könnte, damit sich Kinder ja nicht nicht mehr stoßen können, die hätte damals unter den Erwachsenen für beträchtliche Heiterkeit gesorgt. Natürlich war alles voller Scherben, wie auch anders. Klare Scherben, matte Scherben, bunte Scherben, Drahtglasscherben mit herausstehendem Metall. Scheiben mit Sprung standen an den Wänden herum, Scheiben in Scherben in den Kisten, auf dem Boden, auf den Werktischen. Abends wurde alles gefegt, das machten oft wir Kinder, Scherben zusammenfegen. Und dann in den Müllcontainer, der schon randvoll mit Scherben war. Der war dann so schwer, den konnte man kaum noch rollen.

Im Garten ein großer Brocken Glas unter einem Busch, ungeformt ausgehärtetes Rohglas, türkis schillernd. Löcher und Scharten darin, Krater und Spalten, darin hausten Ameisen und Käfer. Ein Kristallpalast für Sechsbeiner, da habe ich manches Königreich versinken sehen, heroische Kriege beobachtet und gebannt wahnwitzige Heldentaten einzelner Ameisen verfolgt, die sich an der Nordwand hochkämpften, um oben die Marienkäfer-Prinzessin zu retten, die ein Problem hatte, weil ich in meiner Eigenschaft als finsterer Drache den Finger auf das Loch hielt, in das sie aus Neugier gekrabbelt war. Wenn ich den Palast ein wenig anhob, was ich natürlich konnte, weil ich ein sehr starker Drache war, dann brachen darunter finstere Asseltruppen in Panik hervor, die der Geschichte eine ganz neue Wendung gaben. Ich holte mir einen Strohhalm und gab einzelnen von ihnen wild pustend eine Paraderolle im Actionkracher „Kriegselefanten im Sturm“.

Das war in Wahrheit nur ein kleiner Klumpen Glas, dieser Kristallpalast im Mittelpunkt all der Heldensagen, ich habe ihn dann als Erwachsener einmal wiedergesehen, wirklich verblüffend klein, das Ding. Man hätte es mit einem Fuß wegkicken können, das ganze Imperium.

 
Das Glas wurde uns in Kisten geliefert, die aus rohem Holz gezimmert waren. Aus den Kisten konnte man Häuser bauen, Burgen, Schlösser, Abenteuerspielplätze. Wenn man sich dem Holz auch nur auf einen Meter näherte, hatte man schon Splitter in den Fingern, sie flogen einem förmlich entgegen, da mussten wir durch. Die Splitter wurden dann abends von der Mutter mit einer über einer Kerzenflamme sterilisierten Stecknadel wieder aus der Haut operiert, das war der verdammt hohe Preis für den Spielspaß mit dem Holz. Zwischen den Glasscheiben in den Kisten Holzwolle, Unmengen von Holzwolle, die ist als Polsterung zwischenzeitlich vermutlich ausgestorben. Damals konnten wir damit noch Verstecke auskleiden..

Die Flachglaslieferungen kamen einmal sogar aus Russland, als Handelsbeziehungen dahin noch vollkommen exotisch waren. Ein gigantischer Lastwagen, der in Lübeck um keine Kurve kam, und der wollte tatsächlich zu uns. Russische Fahrer, die kein Wort Deutsch konnten, deutsche Geschäftspartner, die kein Wort Russisch konnten. Nach ein paar Stunden mit den Fahrern konnte ich „Guten Morgen“ und „Scheiße“ auf Russisch, sie konnten verblüffend gut „Moin“ sagen, das war meine erste Erfahrung mit der Völkerverständigung, das lief soweit gut.

Ich habe mich nie – wirklich nie – an Glas geschnitten. Ich habe Glastrümmer zusammengefegt, ich habe manchmal, wenn es bei den Aufträgen auf jede Stunde ankam, auch mit meinem Bruder die Maschinen bedient. Glasscheiben sortiert und verpackt. Ich habe jeden Tag zwischen Glasern verbracht, mein ganzer Alltag war umgeben von riesigen, messerscharfen Scherben und kleinen, hundsgemeinen Glassplittern. Ich war immun. Ich lebte da auch tatsächlich in dem festen Glauben, das mir nichts passieren könne, ich war ja aus einer Glaserfamilie. Gelegentlich gab es spektakuläre Unfälle der Angestellten, blutige Szenarien mit unschönen Wunden, aber die kamen ja auch nicht aus unserer Sippe, die Armen, die waren nur angelernt. Immunität kann man nicht lernen. Glas ist ein wirklich gefährlicher Werkstoff, für mich aber war Glas wie unser Schäferhund – eine Gefahr nur für andere. Ich durfte zu dem Hund in die Hütte, ich durfte auch mit Glasscherben spielen.

Auf einem meiner Kindergeburtstage hatte meine Mutter die Idee, die eingeladenen Kinder Bilder aus bunten Glasscherben kleben zu lassen, Mosaikkunst für Kleine. Nach einer Weile gab sie erst ein Pflaster aus, dann noch eines, dann noch eines, und die Mütter der anderen Kinder waren später etwas verstört wegen der zerschnittenen Finger ihrer Kinder. Ich bekam danach nicht mehr sehr viel Besuch. Die Glasbilder waren dennoch erstaunlich schön, wenn auch etwas blutig.

Als meine Mutter und ich da dann auszogen, habe ich mich auch danach nie an etwas geschnitten. Ich habe nie Glas zerworfen, Scheiben kaputtgemacht oder Trinkgläser fallenlassen. Das ist sehr vielen Menschen um mich herum dauernd passiert, mir nicht, und das fand ich auch ganz logisch. Immun war immun, warum sollte sich das im Laufe des Lebens ändern.

Als ich schon Mitte dreißig war, zog eine Freundin von mir um, ich half ihr beim Tragen der Möbel. Da gab es einen Schreibtisch mit ziemlich großer Glasplatte, an die sich keiner der Helfer recht herantraute. Ich sagte „Lasst mich, ich komme aus einer Glaserei, da kann nix passieren.“ Ich hob die Platte schwungvoll an und sie zersprang in meinen Händen in tausend Teile. Ich stand irritiert da, tropfte größere Mengen Blut auf den vormals weißen Teppich und staunte über die plötzlich veränderte Lage.

Am nächsten Tag ging ich in meine damalige Stammkneipe. Auf dem Weg zu meinem Stammplatz wischte ich mit dem Mantelsaum gleich drei gläserne Kerzenhalter auf einmal von den Tischen, die klirrend auf dem Boden zersprangen. Ich sagte der Wirtin, dass das eigentlich gar nicht sein könne, nicht bei mir, und dass so etwas wirklich merkwürdig sei. Ich bat um ein Bier und ließ es prompt fallen, eine zerschellende Flasche genau zwischen meinen Füßen. Es ging wochenlang so weiter, ich war wandelnder Glasbruch.

Heute habe ich ein ganz normales Verhältnis zu Glas, nur ab und zu geht eben etwas zu Bruch. Nicht seltener und nicht häufiger als bei anderen Menschen, glaube ich. Wahrscheinlich hätte es ich niemals laut sagen dürfen, dass bei mir nichts passieren kann, wahrscheinlich wäre ich dann immun geblieben, bis zum heutigen Tag. Ein dummer Fehler, so etwas lernt man doch schon durch Märchen, dass man so etwas niemals sagen darf, weil der Zauber sonst bricht, das weiß doch eigentlich jeder. Aber vorbei ist vorbei, es gibt kein Zurück. Mein Bruder hat als ältester Sohn die Glaserei übernommen, ich arbeite nur mit Zahlen und Buchstaben, das ist so ganz gut verteilt.

Die Söhne haben sich bisher beide noch nie an Glas geschnitten.

Spannend eigentlich.


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