Meine Freundin J. kenne ich schon seit zehn oder zwölf Jahren. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die sich in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht verändert haben. Sieht genauso aus wie damals. Gleiche Frisur wie damals, gleiche Kleidung wie damals. Schminkt sich noch so, das macht sie schon seit sie sechzehn Jahre alt war, immer gleich. Hat nie einen Grund gesehen, sich zu ändern, sieht doch gut aus. Gänzlich unmodern, hoffnungslos aus der Zeit gefallen, gänzlich J. Hat sich beruflich in all den Jahren nicht verändert, hat keine bedeutenden Ansichten ausgetauscht, keinen Partner und keine Lebensgewohnheiten. Nicht Vegetarierin geworden, keine Kinder bekommen, nicht Chinesisch gelernt.

Hat kein Smartphone, nicht einmal ein Handy und noch nie im Leben einen Computer angefasst. Keine Mails, keine SMS, kein Whatsapp, kein gar nichts. Sie könnte, wenn sie wollte, aber sie mag das alles nicht. Wenn wir uns verabreden wollen, dann schreibt sie mir einen Brief. Mit der Hand. Auf Papier. Manchmal sechs Seiten lang. Tut ihn in einen Briefumschlag und klebt Aufkleber drauf, wie es zwölfjährige Mädchen tun würden, Vögelchen und Blümchen. Ein Herzchen neben meinem Namen.

Und ich schreibe ihr dann zurück, staune über meine ungelenken Buchstaben, wer ist denn noch Handschrift gewohnt, meine Güte. Verschreibe mich, streiche etwas durch, wie das aussieht, ein Saukram. Schreibe eine Seite noch einmal und fühle mich, als wäre ich Kunsthandwerker. Überlege, wo man noch einmal Briefmarken herbekommt, gehe eines dieser gelben Dinger suchen, wie heißen sie gleich, Briefkästen. Werfe den Brief ein, warte auf Antwort. Das dauert länger als zehn Minuten, das dauert auch länger als zehn Stunden, das dauert eventuell sogar länger als zehn Tage, denn J. reist viel. Ich weiß aber nicht, ob sie gerade reist, denn sie hat ja keinen Facebook-Status aktualisiert, nicht darüber gebloggt, getwittert und sich auch nicht in Paris per Foursquare eingecheckt. Keine Bilder geflickert. Es kommt einfach überhaupt keine Antwort. Dann doch irgendwann, aus Marseille. Sie schreibt, sie sei in wenigen Wochen wieder in Deutschland, dann würde sie noch einmal schreiben. Wie es mir ginge, und ich solle lieber nach Deutschland schreiben, sie wäre demnächst schon wieder woanders. Wenn sie meine Antwort liest, geht es mir natürlich längst irgendwie anders, aber egal. Ich schreibe ihr, wie es mir geht, ein Blogeintrag für nur eine Person auf Papier. Es fühlt sich komisch an.

Heute Nachmittag treffe ich J. Wenn sie denn kommt. Für das Date haben wir neun Monate gebraucht, das ist ein guter Schnitt bei uns beiden. Wenn sie nicht kommt, dann kommt keine SMS, dann kommt irgendwann ein Brief, der mir das erklärt. Mit ausführlicher Entschuldigung und Verweis auf Dezember oder so. Neue Chance, neues Glück. Auf dem Umschlag vielleicht schon Weihnachtsaufkleber.

Komisch, nicht wahr? Noch komischer – als ich Jugendlicher war, da lief das nur so, da schrieb ich noch Postkarten an Mädchen, mit denen ich ins Kino wollte und rannte dann Tage später mit Herzrasen zum Briefkasten. Das ist ungefähr hundert Jahre her.

Dezember ist ja bald. Bis dahin drucke ich ihr noch ein wenig von meinem Blog aus, das letzte Jahr so ungefähr, ich bündele das, hefte es und schreibe einen Gruß drauf und gebe es ihr mit, wenn wir uns endlich getroffen haben. Die einzigen Manuskripte von mir, die es je auf Papier gab.

Das liest sie dann im Zug. Oder in der Postkutsche, wer weiß.


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