1) Herman Melville: Moby Dick, erschienen 1851, hier in der Neu-Übersetzung von Matthias Jendis

Es gibt gar nicht so viele Buchanfänge, die jeder kennt, der Literatur liebt. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Das fällt jedem Deutschen ein, der sich ein wenig intensiver mit Büchern beschäftigt hat, der berühmteste Kafka-Satz. „Ilsebill salzte nach“, für viele der einzige Satz, den man von Grass überhaupt kennen muss. Als Lübecker kennt man natürlich noch „Was ist das. Was – ist das…“, hierbei handelt es sich um den seltsamen Anfang der Buddenbrooks von Thomas Mann, die kleine Tony kämpft sich hier durch den Katechismus und kommt nicht weiter. Der Großvater wird sie gleich auf Plattdeutsch unterbrechen und damit ist man schon mitten drin in der Familie des Konsuls. Oder, aus ganz anderer Epoche: „Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.“ Nabokov at his best, in dem Anfang liegt schon alles.

Es gibt einen Artikel mit nichts als ersten Sätzen, das macht Spaß, den kann man hier nachlesen.

Und dann gibt es einen Satz, der wie ein riesenhaftes Denkmal aus einer Wüste von lauter sehr beliebigen ersten Sätzen ragt, ein ganz einfacher Satz, wirklich simpel, und doch bekommt jeder, der mit Büchern lebt, beim Hören schon Gänsehaut: „Call me Ishmael“ – in der deutschen Übersetzung „Nennt mich Ismael.“ Wenn ich es recht erinnere, dann fängt auch der Film so an, mit der Erzählerstimme aus dem Off. Oder? Den Satz kennen dann noch viel mehr Menschen als nur die Leser dicker Schwarten.

Nennt mich Isamel. Und nach dieser lapidaren Vorstellung folgen je nach Ausgabe rund 800, 900 oder 1000 Seiten eines vollkommen wahnwitzigen Werkes. Ein Über-Roman, ein in jeder Hinsicht übergewichtiges, überbordendes Epos. Ein Drama im Kern, das jeder kennt, alle wissen doch von dem Kapitän Ahab und dem weißen Wal, die Geschichte ist Menschheitserbe geworden wie kaum ein zweiter Roman. Natürlich kennen fast alle nur den Film, das Buch ist ja tatsächlich in mancher Hinsicht unzumutbar. Seiten und Seiten und Seiten über Walfang und Philosophie, meine Güte. Muss das sein? Natürlich nicht. Darauf kann man sich einlassen, wenn man Sprache liebt und immer weiter staunen will, wie jemand so etwas jemals erschaffen konnte – es ist aber auch schon ein großes Erlebnis, einfach nur einmal den Romananfang zu lesen. Es gibt nach wie vor kein Gesetz, das man Bücher ganz durchlesen muss. Wie Ismael in der Hafenstadt ankommt, Queequeg kennenlernt und auf der Pequod anheuert, auf dem seltsamen Schiff, dessen Kapitän hartnäckig nicht aus der Kabine kommt. Wie die Vorboten des Unheils einer nach dem anderen auftreten, wie der Kapitän schließlich auf hoher See doch endlich erscheint und die Goldmünze an den Mast nagelt, die derjenige erhalten soll, der als erster den verdammten weißen Wal sieht. Das dauert gar nicht so lange, bis man an der Stelle angekommen ist und es ist Weltliteratur von Feinsten.

Bei Dauerregen zu lesen, womöglich an der Nordsee, nach einem Spaziergang an der unruhigen See entlang, wenn man weit draußen Schiffe gesehen hat, die nicht mehr genau zu erkennen waren. Wenn man durchgefroren hereinkommt, sich einen Tee gemacht hat und noch mit dem Bild der See im Kopf zu einem Buch greifen kann. Zur Not tut es aber sicher auch ein novembriger Spaziergang am Neckar, oder was immer bei Ihnen um die Ecke liegt. Hauptsache Wasser. Herman Melville gehört in jedes Buchregal, und sei es nur als Denkmal.

Um das Buch gab es übrigens eine spannende Debatte anlässlich zweier Neu-Übersetzungen, wen das interessiert, der sollte einfach mal nach „Moby Dick Jendis Rathjen“ googeln. Ich habe mich einfach anhand der ersten Seite für die Übersetzung von Jendis entschieden, unfairer geht es sicherlich kaum. Aber wer hätte auch die Zeit, beide Bände testzulesen?

2) Iwan Gontscharow: Oblomow, erschienen 1859, hier in der Übersetzung von Josef Hahn

Ein Buch über den Menschen, der nichts auf die Reihe bekommt, der zu nichts gut ist, der nichts schafft. Ein Buch über uns – oder auch nicht, an der Frage kommt man nicht vorbei, wenn man den Roman liest. Müßig zu sagen, dass es großartig geschrieben ist, es ist wahrscheinlich eine der lesenswerten Beschreibungen eines nicht sympathischen Charakters überhaupt. Detailreiche Charakterstudie, vollkommen nachvollziehbares Abbild eines misslungenen Lebens, ohne deprimierend zu sein, das weiß man dann auch schon, das hat kein Deutscher geschrieben. Oblomow ist mehr, als einfach nur im Bett bleiben, viel mehr. Das Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie seltsam nah man einem Menschen kommen kann, den es gar nicht gibt.

Ich habe bei Oblomow eine neue Art zu lesen für mich entdeckt, ich weiß gar nicht, warum ich das nicht schon längst getan habe. Ich sehe bei Oblomow nämlich alles nach. Ich sehe mir alte Bilder der Schauplätze an, durch die er geht, ich lese nach, was die da essen und trinken, ich höre mir die Opernarien an, die die Geliebte von Oblomow für ihn singt, es ist ja alles immer nur einen Mausklick entfert, warum sollte ich denn hinnehmen, dass ich keine Ahnung habe, was da genau gesungen wird, wenn sie „Casta Diva“ vorträgt? Ich kann mir online alles vorspielen lassen, erklären lassen, vorsingen lassen, vorkochen lassen. Es ist nicht einmal anstrengend und es ist ein seltsamer Spaß, das konsequent durchzuziehen. Man wird natürlich nie mit dem Buch fertig, aber egal.

Menschen übrigens, die auf das Stichwort Prokrastination anspringen, sollten das Buch unbedingt als Weiterbildung angehen. Von Oblomow kann jeder noch etwas lernen, der nicht weiterkommen will.

3) Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman, erschienen 1759 bis 1767, hier in der Übersetzung von Adolf Friedrich Seubert

Zu den obskuren Ritualen meines Lebens gehört es, jedes Jahr etwas im Tristram Shandy zu lesen. Ich habe überhaupt keinen Ehrgeiz, das Buch jemals ganz durchzulesen, obwohl es mir aus Versehen irgendwann glatt passieren könnte, aber es ist schon seit vielen Jahren mein Herbstheilmittel gegen Zeitverlust, Hektik und Leben im Sekundentakt. Tristram Shandy ist das Gegenteil von Schnell, von Mal Eben und von Gleich Sofort.

Tristram Shandy, da spricht ein Ich-Erzähler von sich, und das klingt überhaupt nicht so verstaubt, wie man es bei dem Alter des Buches vielleicht annehmen könnte. Es klingt aber schon so, als würde neben uns ein Kaminfeuer prasseln, als würden ringsum schwere Ledersessel leise knarzen und kristallene Gläser dezent klirren, während die Kellner des Clubs in äußerster Zurückhaltung servieren und ab und zu irgendwo im Hintergrund des Raumes ein Teil der Times leise raschelnd zu Boden sinkt. Ein alter Mann sitzt uns gegenüber, er zündet sich eine Pfeife an. Seltsam lange braucht er dafür, es wirkt überhaupt alles etwas umständlich, was er macht, aber man wartet gern, er sieht so außerordentlich gebildet und sympathisch aus und wenn man Glück hat, so hat man es von den anderen Gästen gehört, fängt er an zu erzählen. Die Pfeife brennt, Rauch steigt langsam in wabernden Schwaden zur Decke und windet sich um goldene Leuchter, der Mann beugt sich vor und fängt tatsächlich an. Er erzählt von seinem Leben. Ein brillanter Erzähler, das merkt man gleich, gewitzt, kultiviert, lebenserfahren. Allerdings kommt er, noch bevor er seine Geburt schildern kann, vom Thema ab, und kurz danach von dem anderen Thema und dann auch von diesem. Und von dem nächsten auch. Ein paar hundert Seiten lang, wenn man es im Buch nachliest. Eine grandiose Abschweifung, ein Lob des Umwegs, der Bedächtigkeit, eine Absage an Ziele und Abkürzungen. Und ob er jemals irgendwo ankommt. das ist eigentlich vollkommen egal.

Sehr erholsam. Besser als Baldrian und viel, viel schöner.


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