Untitled

Zu einigen Halligen kann man bei Ebbe laufen, zu einigen führen auch Eisenbahnschienen, über die man mit Loren fahren kann, zur Hallig Hooge muss man aber mit dem Schiff, die ist etwas weiter draußen. Man fährt ab Schlüttsiel, die Friesen da oben haben ebenso wie die Ostfriesen teils bezaubernde Ortsnamen. Wir sind etwas früh am Anleger, an Bord des Schiffes langweilen sich die Angestellten. Die Söhne toben auf das Oberdeck, sehen einmal in den Salon, wollen dann doch wieder nach oben. Es sind fast alle Plätze frei, so viel Auswahl ist auch nicht immer einfach. Wir setzen uns auf eine Bank auf dem Oberdeck, sie ist etwas abgesetzt vom großen Block der anderen Bänke, falls doch noch andere Gäste kommen, werden sie durch die Söhne nicht so gestört. Denken wir.

Untitled

Fünf Minuten vor der Abfahrt halten drei Reisebusse direkt am Schiff, eine ganze Heerschar von Senioren steigt aus und strebt zur Gangway. Das Durchschnittsalter auf dem Schiff steigt auf etwa 75 Jahre, freundlich heruntergerundet. Nichts gegen Rentner, aber ich bin doch mehr für eine durcheinanderige Gesellschaft, das sind hier eindeutig zu viele Menschen jenseits des Berufslebens an Bord. Die Senioren nehmen alle noch freien Plätze ein, dadurch sitzen uns jetzt plötzlich etwa 60 alte Menschen gegenüber, von denen der Großteil finster guckt. Guckt finster auf die Söhne, die auf der Bank herumturnen, guckt finster auf die Herzdame, die sich darüber amüsiert, guckt finster auf mich, der ich sie fassungslos anstarre, weil ich mich wie auf einer Bühne fühle, vor einem Publikum mit verblüffendem Altersdurchschnitt. Egal, was wir machen, wir werden beobachtet. Wo sollen sie auch sonst hinsehen, wir sitzen ja genau vor ihnen. Ich verstehe durchaus, dass die Rentner die ganze Zeit zu uns sehen, ob sie wirklich so permanent den Kopf missbilligend schütteln müssen – ich weiß ja nicht. Die Söhne benehmen sich verblüffend gut, sind aber, das kann man nicht ändern, zwei sehr lebendige Jungs, gut gelaunt und tatendurstig. Und eine Schifffahrt ist gar nicht einmal so spannend, wenn sie immerhin anderthalb Stunden dauert.

Untitled

Zwischendurch kann man an Steuerbord und Backbord Halligen sehen, das finden die Erwachsenen ziemlich beeindruckend, diese Hubbel auf dem Wasser, den Söhnen sagt das aber eher nichts. Inseln, ja und?

Das Schiff fährt an Seehundbänken vorbei, man sieht sie im Sand herumliegen. Die Söhne, als routinierte Helgolandfahrer, gucken mit der ganzen Erfahrung weitgereister Menschen zwei Sekunden hin, stellen dann gelangweilt fest, dass man auf Helgoland aber viel näher ran kann an die Viecher und wollen dann lieber noch einen Keks. Dösende Seehunde auf Sandbänken, pfff.

Die Rentner schubsen und schieben an der Reling, wenn es um Fotos geht, ist man gar nicht zimperlich.

Die Fahrt dauert und dauert, nicht wenige der Senioren vor uns schlafen schließlich im Sitzen ein, werden zwischendurch kurz wieder wach, wenn das Schiff ein wenig schaukelt. Sehen zu uns herüber, schütteln den Kopf schlafen weiter.

Bei der Landung sagt der Kapitän durch, dass man vier Stunden Aufenthalt habe. Die Rentner haben es jetzt auf einmal sehr eilig, die fahren alle mit Pferdebussen sofort zum nächsten Kuchen an irgendeiner Kaffeetafel, alles fertig arrangiert, wir sehen sie staunend an uns vorbei hasten, immer ihrer Gruppe nach. Dann rollen sie en bloc von dannen, aus den Kutschen hört man Lachen, fröhlich können die also auch.

Wir stehen im erstaunlich kalten Wind am Anleger. Man kann Fahrräder mieten, das machen wir auch. Jeder nimmt ein Kind hinter sich und wir fahren los, zur ersten Warft, einmal kurz die Kirche ansehen. Das machen die Rentner übrigens auch gerade, die Kirche lag am Wege, einmal durchlaufen gehört hier zum festen Programm. Sohn I setzt einen Fuß auf den Rasen des Friedhofs vor der Kirche, sofort halten diverse alte Damen Vorträge über schlecht erzogene Kinder, unmöglich so etwas, früher hätte es ein paar an die Ohren gegeben, dass Kinder aber auch nicht mehr hören können. Ich werde allmählich ein klein wenig schlecht gelaunt.

Wir fahren weiter, irgendwo soll ein Spielplatz sein, das haben wir den Söhnen schon vor der Fahrt erzählt, Spielplatz ist immer gut. Wir finden ihn auf der größten Warft, auf der man auch Fischbrötchen kaufen kann, alberne Seehundfiguren und Deko-Muscheln. Toll. Der Spielplatz bröselt seit Jahren vor sich hin, drei, vier ungepflegte Geräte kurz vor der finalen Durchrostung, auf schlammigem Grund. Die Kinder schaukeln höflich kurz, sie wollen uns nicht enttäuschen, die Guten. Haben die armen Eltern sich so gefreut, einen Spielplatz zu finden, da wollen sie mal nicht so sein. Ich schaukele auch ein wenig, Schaukeln macht lustig. Manchmal.

Untitled

Vom Spielplatz aus hat man jedenfalls einen guten Blick, man sieht, dass überall Pferdebusse herumfahren, alle habe Rentnergruppen geladen, es kommen noch andere Schiffe, nicht nur das, mit dem wir gefahren sind. Wir zählen insgesamt drei Familien mit Kindern, die fallen aber unter etwa 400 Gästen mit grauen Haaren und Hörgerät nicht weiter auf.

Fischbrötchen, Kuchen, auf einen Steg laufen, sich in einen Strandkorb setzen. was man eben so macht, als Tagestourist. Wir wundern uns über eine ungewöhnliche Dichte von markant unfreundlichem Servicepersonal, in einer Gegend nördlich von Barcelona und westlich von Berlin rechnet man mit so etwas ja gar nicht. Aber vielleicht ergibt sich das fast zwingend so, wenn die Flut jeden Tag Touristen anspült, die sowieso Geld da lassen, egal wie freundlich man sie nach ihrem Kaffeewunsch fragt.

Landunter kommt hier eben öfter vor, mal durch Rentner mit Kaffeedurst, mal durch die Nordsee. Gut fürs Geschäft ist beides, aber es hat natürlich auch seine Härten.

Untitled

„Amrum“, sagen wir auf der Rückfahrt, „wir waren noch nicht auf Amrum“.

Vielleicht macht Amrum mehr Spaß? Das dann nächstes Jahr.

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

Untitled

(Aber fotogen ist das Inselchen schon, keine Frage)

%d Bloggern gefällt das: