Verordnete Ruhe

Noch ein Tag auf der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt. Sohn II schwächelt etwas, kleine Magenverstimmung, deswegen bleibe ich mit ihm am Vormittag erst einmal im Bett, der Patient braucht Ruhe. Das Bett steht in einer Kammer unter dem Reetdach, neben einem weit geöffneten und festgestellten Sprossenfenster. Auf der Fensterbank ein Modell des Leuchtturms von Westerhever. Das Modell kann sogar blinken, aber dafür müsste ich es einschalten, und dafür müsste ich erst aufstehen. Das geht aber nicht, denn Sohn II schläft in meinen Arm gekuschelt. Also blinkt der Leuchtturm nicht. Macht nichts.

Dafür blinkt die Sonne, denn die Wolken rasen über den enorm weiten Himmel so schnell unter ihr dahin, als würde jemand andauernd auf den Lichtschalter drücken, wieder an, wieder aus. Alle paar Minuten ein herunterbrechender Regenschauer wie am Weltende, dann wieder gleißender Sonnenschein auf den nassen Garten, in dem es dann vieltausendfach glitzert und funkelt. Aufleuchtende Rosen und Heckenrosen, nassglänzende Bauernrosen, Gott weiß welche Arten, das ist hier einer der üppigsten Gärten, die ich je in Norddeutschland gesehen habe. Stauden mit Blüten in allen Farben, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie die alle heißen. Sobald der Regen nur ganz kurz aufhört, schwirrt schon die Luft vor Hummeln und Bienen.

Ein Vogelnest in der Kletterrose am Fenster, da brütet die Grasmücke, sagt unsere Gastgeberin. Was auch immer eine Grasmücke ist, ich kenne die nur aus Märchen, kam nicht bei Andersen mal eine vor? Ein paar Fenster weiter nisten Hänflinge, hinten am Schuppen die Schwalben, durch den Garten fliegen auch Stieglitze, Goldammern, Grünfinken und Zaunkönige. Am Teich hinten sitzen die Frösche auf den Seerosenblättern, ab und zu platscht einer spritzend ins Wasser. Reiher ziehen in weiten Bögen über sie hinweg und drehen langsame Achten über dem Wasser.

Hinter dem Teich ein paar Kühe, die haben sich unter einer alten und krummen Weide versammelt und gucken bräsig in den Regen.

Ich sehe mir das alles an, ich höre den Insekten zu, ich lese ein wenig. Ich schlafe zwischendurch kurz ein. In diesem Raum gibt es kein Internet und keinen Handyempfang, keinen Fernseher und kein Radio und nur ein Buch in Griffweite, sinnigerweise ist es „Heile Welt“ von Kempowski. Ich mache nichts, gar nichts, ich gebe nur dem Sohn ab und zu etwas Wasser, bis er endlich, es ist schon am Nachmittag, sich ruckartig aufrichtet und „Käsebrot, Marmeladebrot, Butter“ sagt. Als diensthabender Arzt stelle ich die plötzliche Gesundung des Patienten fest und rappele mich mit ihm zusammen hoch, um nachzusehen, was die Küche unten so hergibt.

Das war der vermutlich entspannteste Tag des Jahres.

Magen-Darm zur rechten Zeit, schafft Ruhe und Behaglichkeit. Oder wie das heißt.

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5 comments

  1. Petra

    Schön, dass man Magen-Darm auch entspannt sehen kann.
    Mir selber fällt dann immer nur ein, dass Magen-Darm immer meiner war und jede Erkältung der Jungs dem Mann

  2. Elle

    Erinnert mich daran, wie meine Mutter sich freute, als ich (als Kind), soeben noch malade, in die Küche getapert kam und Brot mit Johannisbeergelee verlangte, und danach gleich noch eins. Und ich nicht verstand, warum sie sich freute. Es aber sehr wohl wahrnahm. Wieder gesund eben. Schöner Text.

  3. Angie

    Oh nein, nicht Ruhe.
    Sondern: (Zitat:)“Das geht aber nicht, denn Sohn II schläft in meinen Arm gekuschelt.“
    Das ist Ihre wahre Bestimmung, zumindest in dieser Zeit. Alles andere nehmen Sie dadurch viel intensiver wahr, weil Sie den Schlaf des Jungen bewachen und eventuell Störendes rechtzeitig abwehren wollen,
    Und nebenbei haben Sie gelernt, wie man eine Rose gut fotografiert, alle Achtung, auch ohne Fotobuch.

  4. Paula

    Ja erstaunlich, wie schnell kleine Kinder wieder gesund werden können. Und wie stimmungsvoll beschrieben. Ganz toll!

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