Als wir anfingen, die Sachen für den Ausflug zu packen, war draußen Juliwetter, die Wohnung war heiß, die Nacht war schwül. Am nächsten Morgen, als wir anfingen, die Sachen ins Auto zu tragen, hatte sich das Wetter schon geändert, es fühlte sich eher nach Mitte September an. Als wir aus der Garage fuhren, war es mindestens Ende September, und als wir auf die Autobahn fuhren, war es schon Oktober. Wir zogen beim Beladen des Autos die warmen Pullis an, wir zogen die Regenjacken an. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt schon einmal ein Jahr in meinem Leben gab, in dem ich ein bestimmtes Outfit wirklich jeden Monat getragen habe, in diesem Jahr ist es ganz sicher so. Januar bis Juli, alles eine einzige Wetterzone. Wir müssen anscheinend bei uns nicht über die Klimaveränderung reden, sondern über die Klimavereinheitlichung. Oktober für alle, Oktober für immer.

Starkregen auf der Autobahn, wir ahnten den Weg bis hinter die Ausläufer von Hamburg, wir rieten den Weg bis zur Grenze von Dithmarschen, da klarte es dann immerhin soweit wieder auf, dass man wenigstens halbwegs die Spur erkennen konnte. Auf einer Hochbrücke machte das Auto sturmbedingt den größten Satz, den ich je am Steuer je erlebt habe, eine Erfahrung, auf die man auch gut verzichten kann. Der Himmel wurde allmählich weit und weiter, wir näherten uns der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt, hier gibt es den weitesten Himmel Deutschlands, wenn man vom Sonderfall Helgoland einmal absieht. Flaches Land bis zum Horizont, sehr viele Windräder, sehr viele Kühe und ungeheuerlich viele Wolken in einer geradezu maßlosen Wölbung über uns. Nur hier, auf dieser Halbinsel, nur hier gibt es diesen besonderen, geradezu phantastischen Effekt, der im Norden nicht mit Geld zu bezahlen ist: Hier sieht schlechtes Wetter immer gut aus. Hier ist sogar ein durchschnittlich grauer Himmel eine besondere Inszenierung, hier bieten die Wolken Spektakel und Dramen, da können die Hamburger Theater nicht mithalten.

Die Herzdame und ich, wir teilen eine besondere Liebe zu Eiderstedt, und es war bei uns beiden Liebe auf den ersten Blick, vor einigen Jahren. Hätten wir Geld wie Heu, wir hätten hier irgendwo ein Wochenendhaus, hätten wir Zeit ohne Ende, wir wären andauernd hier. Eine ziemlich menschenleere Gegend, obwohl Sankt Peter-Ording, da ganz hinten am Strand, der Ort mit den meisten Übernachtungen in Schleswig-Holstein ist. Nichts merkt man davon auf den Autobahnen oder Landstraßen, nichts ahnt man davon, wenn man über das Land sieht, wo man soweit sehen kann, wie man es gar nicht für möglich hält, wenn man nicht gerade auf einem Schiff oder einem Berg ist. Eine ziemlich menschenleere Gegend, zumindest wenn man es mit Hamburger Augen sieht. Verbuckelte Reetdachhäuser an der ersten, zweiten und dritten Deichlinie, das ist hier nicht irgendein Land, das ist erkämpftes Land, gefährdetes Land. Windschiefe Bäume, zerzauste Büsche, auf den Weiden gelegentlich Pferde, deren Mähnen wild im Sturm stehen.

Wir fahren durch, wir fahren an allem vorbei, wir wollen noch weiter oben etwas Wichtiges erledigen, nämlich Fischbrötchen in Husum essen, bei Loof am Hafen, wie immer. Matjes und Krabben, Fischfrikadellen für die Söhne, dann ein Spaziergang durch den Nieselregen und durch die Stadt. Enge Gassen, Giebelhäuschen, Touristen in genormter Outdoormode schieben sich von Teekontor zu Teekontor. Es gibt auch noch erstaunlich viele Buchhandlungen, mit überaus erstaunlich vielen Regionalkrimis in den Regalen und die Herzdame sagt wieder, ich sollte lieber Regionalkrimis schreiben, die würden sich wenigstens verkaufen. Ich habe Zweifel.

Die Wolken werden immer dunkelgrauer, der Himmel kommt immer näher, der Nieselregen wird dichter und dichter, und als wir um eine Ecke biegen und zufällig genau vor dem Storm-Haus stehen, pfeift der Wind uns klatschnass und kalt wie im November entgegen, unwillkürlich krümmen wir uns unter unseren Kapuzen und Schirmen zusammen.

So kann man sich natürlich auch vor einem der großen norddeutschen Dichter verneigen, es passt in jedem Fall.

(Der Ausflug nach Husum wurde freundlicherweise finanziert durch die Flattr- und Werbeeinnahmen aus diesem Blog. Vielen Dank dafür! Leider keine Bilder heute, mangels Unterwasserkamera.)

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