Zeit, Geld, Pipi

Wenn man Kinder hat, dann hat man im Urlaub nicht etwa mehr Zeit für sich, nein, dann hat man vor allem mehr Zeit für Kinder. Viel Zeit sogar. Nämlich 24 Stunden,  jeden Tag. Die Kinder reagieren entzückt und nutzen die Chance für gewaltige Entwicklungsschritte an der Hand der Eltern, die sind ja sonst nicht immer so dauerverfügbar. Sohn I kann jetzt durchs Mittelmeer schnorcheln und ist natürlich stolz wie Bolle, Sohn II kann jetzt, und auch das ist ein großer Schritt, ohne Windel herumlaufen und auf Toilette gehen, wenn er mal muss. Nun ist Sohn II aber ein betont gründlicher Mensch und schätzt Fehlleistungen überhaupt nicht, daher geht er lieber etwas öfter und bleibt dann auch etwas länger, wobei er gerne in Gesellschaft ist, heiter vor sich hin erzählt, ein Liedchen singt oder Kacheln zählt, ein, zwei, drei, sieben, viele. Sohn II kennt sich bestens aus mit dem Ausreizen aller denkbaren Möglichkeiten und er schätzt Eile nicht. Und Papa hört zu, Papa singt mit, Papa zählt auch Kacheln mit, denn Papa hat ja Zeit, alle Zeit der Welt. Papa hat überhaupt nichts anderes vor.

Also abgesehen davon, dass er vielleicht gerne etwas am Strand herumliegen würde, oder auch am Pool. Oder gerne an einer Bar sitzen würde, oder mit einem Buch auf dem Balkon. Oder beim abendlichen Büffet im Hotelrestaurant, das womöglich auch nicht die ganze Nacht warm gehalten wird. Aber es ist ja Urlaub. Sohn II hält meine Hand fest und sagt ernst: „Moment, Papa, dauert noch.“ Ja, sage ich, gar kein Problem, ich habe Zeit.

Zeit ist bekanntlich kostbar – ich habe darüber ganz neu nachgedacht. Wenn man z.B. ein Vermögen für den Jahresurlaub auf Mallorca bezahlt und diesen dann zu einem erheblichen Anteil im künstlichen Licht und der gruselig schlechten Luft öffentlicher Toiletten in Strandnähe verbringt, dann kann man schon einmal in Versuchung kommen, genau nachzurechnen, wie viel man hier eigentlich gerade pro Pipi–Minute des Kindes bezahlt.

Aber man muss ja nicht jeder Versuchung nachgeben.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung

 

 

5 comments

  1. Petra

    Zu dieser Jahreszeit gibt man ein Vermögen aus für Mallorca? Hah!

    Glücklicherweise hat wohl Sohn II keine Sauberkeitsbedenken bei öffentlichen Strandtoiletten in Spanien. Wieviel Zeit würde man erst verbringen, die eigene Appartment-Toilette aufsuchen zu müssen? ;o)

  2. Bettina

    Durch Kinderreichtum bedingt verbringe ich seit 22 Jahren den Urlaub in der Hauptsaison der Preise, dat wär schon ein freistehendes Einfamilienhaus:-)) Das kommt in den nächsten 2 Jahren auf Fam. B. noch zu. Ein Tipp, je eine Woche Oster- und Herbst, 2-3 Wochen Sommerferien in Dänemark sind preislich mit 4 Wochen Reisemobilurlaub durch USA und Kanada zu vergleichen.

  3. Angie

    Aber Papa, wenn Sohn II nun endlich das bewußte Pipimachen entdeckt hat, ist es doch nur angemessen, dem AufmerksamZeit zu zollen.

  4. Ingeborch

    Sie haben doch noch viel Zeit dafür – rechnen Sie ihm das einfach an seinem Hochzeitstag vor. Wenn das Brautpaar, seine engsten Freunde und alle Gäste um das leckere Essen versammelt sind, dann erheben Sie sich würdevoll, schauen wichtig in die Runde, machen „PLING!“ mit ihrem Sektglas und legen los…

  5. Steffi

    Tja, die Kleinen (unser knapp 2 J.) nehmen den anderen Elternteil den sie normalerweise nicht haben schnell ein, das musste ich im Mai-Urlaub auch feststellen: Mutti war 2 Wochen lang out. Natürlich irgendwie schön, muss mich nur noch dran gewöhnen und in Zukunft besser nutzen ;o)

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