Es geht hier zwar in der Regel nur um zwei Kinder, nämlich um unsere Söhne, aber in Wahrheit ist es alles noch viel, viel komplizierter. In Wahrheit treffen wir uns nämlich fast täglich mit ein oder zwei oder sogar drei anderen Elternpaaren, die wiederum auch jeweils zwei Kinder haben. Und weil nicht alle immer Zeit haben, stimmt man sich eben schnell ab, wer wann bei wem welche Kinder wie und wie lange betreuen kann. Wir helfen uns alle gegenseitig, nur in der Gemeinschaft ist man stark genug für die vielfältigen Aufgaben der Betreuung. Es gibt keine Großfamilien mehr, da muss man eben andere Lösungen finden. Bei jedem Elternpaar gibt es natürlich regelmäßige und auch überraschende Termine, die mal den einen, mal den anderen, mal beide Partner betreffen. Darüber hinaus gibt es aber auch noch zahlreiche Termine, die alle Kinder oder nur Teilgruppen der ganzen Schar betreffen. Für manche dieser Termine muss man irgendwohin fahren, wofür dann verschiedene Verkehrsmittel in Frage kommen, und für manche braucht man auch noch irgendwelches Zubehör, wie etwa Schwimmflügel, Notenhefte oder weiß der Kuckuck was alles.

Wenn wir einmal die Eltern im engeren Kreis auf acht Personen begrenzen, die wiederum gesamt acht Kinder haben, die allesamt in der Woche mindestens je drei Termine haben, für die man drei verschiedene Zubehörsätze braucht und die man mit vier verschiedenen Verkehrsmitteln erreichen kann, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Bus oder mit der Bahn, dann haben wir, wenn wir das mal grob überschlagen und noch bedenken, dass die Kinder ohne Termin in vier Wohnungen oder aber auf dem Spielplatz betreut werden können, und zwar mit oder ohne Abendessen, wenn man das also das alles bedenkt, dann hat man an die 5.000 Möglichkeiten der Kombination. Mindestens. Und wenn ich noch länger nachdenke, werden es minütlich mehr. Bei Aufgabenstellungen dieser Art kommt mir mein Beruf in die Quere, denn um so etwas zu lösen oder auch nur im Überblick zu behalten, verlangt eine innere Stimme in mir lautstark nach Excel. Oder nach einer Datenbank. Eine kleine Intranetanwendung, schnell gebaut, leicht zu bedienen, fertig. Könnten alle Eltern jederzeit nachsehen, wer wann mit wem wohin und so weiter. Aber dies hier ist kein Konzern, dies ist mein Privatleben, hier habe ich keine IT-Abteilung die das mal eben für mich umsetzt, ich habe nicht einmal ein Intranet für den Freundeskreis, so sehr ich das auch bedaure.

Ich kann aber nicht über all diese Kombinationsmöglichkeiten im Kopf nachdenken, oder, um genauer zu sein, kein Mensch kann das, das ist nämlich schlicht unzumutbar. Nein, im Ernst, kein Mensch kann das – außer der Herzdame. Na gut, und außer allen anderen Müttern. Die Herzdame und die anderen Mütter, sie haben tatsächlich alle Kombinationsmöglichkeiten, die für heute, die für morgen und auch die, welche erst für Freitag in drei Wochen in Betracht kommen, im Kopf. Einfach so. Sie können sich jederzeit anrufen, irgendwo im Raster der Optionen einsteigen und im Gespräch ein paar Faktoren verschieben, und danach legen sie auf, ohne etwas notiert zu haben, ich habe das genau beobachtet. Und dann dauert es nur ein paar Stunden, bis alle beteiligten Frauen im Netzwerk diese Änderungen verstanden habe, wobei ich nach längerem Studium der Angelegenheit zu der Ansicht gelangt bin, dass die Damen nicht einmal in jedem Fall telefonieren müssen. Kleinere Änderungen übertragen sich einfach so von Frau zu Frau, auf eine Weise, die bis heute vermutlich gänzlich unerforscht ist. Und am nächsten Tag wissen auch alle noch, was sie gestern geändert haben, welche Unbekannten sie aus den Gleichungen getilgt haben.

In der ersten Zeit mit Nachwuchs habe ich noch angenommen, dass ich unter einen besondere Form der partiellen Blödheit leide, weil ich bei dem Optionswirbel schnell nicht mehr ganz mitkam. Dann merkte ich aber, dass kein einziger Mann im Freundeskreis mitkam. Ich glaube nun generell eher nicht an blöde Vorurteile über Männer und Frauen, nicht beim Einparken und auch nicht beim Kranführen, aber mittlerweile würde ich doch sagen: bei Terminen sind Frauen irgendwie biologisch bevorzugt. Alle Männer im engeren Kreis halten sich terminlich weitgehend aus allem raus, und sie tun das nicht etwa aus gebotener Dezenz, sondern nur aus purer Chancenlosigkeit.

Frau 1: „Du nimmst am Donnerstag Klara und Luis zu Dir, ich hol um vier ab, Essen ist später bei Lea. Kommt Ihr mit den Fahrrädern rüber. Nächste Woche dann andersrum.“
Frau 2: „Ja, aber erst nach dem Schwimmen von Pit und Peter dann.“
Frau 3: „Tim und Tom gehen nach dem Chor mit zu Luise, die können ja den Bus nehmen und bei Lea vorbei.“
Frau 4: „Das ginge aber auch mit dem Fahrrädern, wenn beide damit zur Kita kommen. Muss Rita dann so bringen. Lea übernimmt nach dem Essen. Wir treffen uns dann später alle bei Luisa.“
Mann 1: „Schönes Wetter heute.“
Mann 2: „Jo.“

So wurde ich, das muss auch einmal bekannt werden, weil es so vieles erklärt, ein terminsubmissiver Mann. Ich frage einfach alle paar Stunden die Herzdame, was in den nächsten Stunden zu tun ist, sage „aha“ und mache das dann. Das ist simpel, das läuft. Ein paar Stunden im Voraus, das kann ich mir merken. Seit ich so lebe, ist alles viel entspannter. Ich mache mir keine Sorgen mehr um Planung oder Strategie, ich gehe mit ruhigem Geist ins Bett und wache als unbeschriebenes Blatt wieder auf, zumindest was meine To-do-Liste betrifft. Dann frage ich die Herzdame, was heute dran ist. Der Rest fügt sich dann. Das Leben ist ein langer, ruhiger Terminkalender, und ich muss ihn nicht führen.

Und, fast noch besser: Weil alle Frauen im Netzwerk alle Daten und alle Faktoren ständig parat haben, muss ich nicht einmal unbedingt die Herzdame fragen. Ich kann mich an irgendeine Frau wenden. Wenn ich zufällig einmal planlos irgendwo in der Gegend herumstehe, kann ich eine der Freundinnen der Herzdame fragen, ob ich demnächst einen Termin habe. Keine der Damen wundert sich über die Frage, sie sagen mir dann sehr ernsthaft, dass ich jetzt gerade noch zwei Stunden an den Schreibtisch gehen könne, bis die Herzdame mich wieder auf dem Spielplatz erwarte. Und ich solle besser noch Koffer packen, denn am Wochenende sei ein Ausflug aufs Land dran, das hätte ich ja sicher vergessen. Und dann gehe ich beruhigt arbeiten, denn ich weiß – sie haben Recht.

Sie haben Recht, sie sind Frauen, sie sind unfehlbar. Aber nur, bis ich das alles in Excel fertig verformelt habe. Dann bin ich sicher besser als sie, denn ich mache so etwas ja quasi beruflich. Ich müsste nur mal fragen, wann ich dazu kommen kann.


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