Neulich im Ehebett:

Herzdame: „Was liest Du da eigentlich?“
Ich: „Pia Ziefle, Suna.“
Herzdame: „Ah.“
Ich: „Und Du?“
Herzdame: „Psychogenetische Geschichte der Kindheit.“
Ich: „Ah. Äh…ja. Passt schon. Irgendwie.“

Pia Ziefles erster Roman also. Die Dame bloggt übrigens auch, bevor ich das vergesse, wenn Sie hier mal nachsehen möchten, das können Sie dann gleich da abonnieren, das Blog. Und eine andere Seite hat sie auch noch, für das Literarische, hier. Gern geschehen.
Ein Kind, das nicht schläft, damit fängt es an. Ein Kind, dem die Wurzeln fehlen, wie ein Arzt mutmaßt. Ein Kind, dem in langen Nächten Geschichten erzählt werden, Geschichten, die dann die eine Geschichte ausmachen, die für jeden Menschen elementar ist, die Geschichte seiner Herkunft. Das ist ein gewissermaßen altmodisches Roman-Konstrukt, und ich finde das ganz wunderbar. Sieben Nächte werden erzählt, sieben Nächte lang ergänzen sich die Geschichten der Vorfahren und anderer wichtiger Personen zum Wurzelgeflecht, das dem Kind so sehr zu fehlen scheint. Das hat etwas vom 19. Jahrhundert, diese Idee des Aufbaus, und ich liebe das. Sehr.

Die Mutter des nicht schlafenden Kindes ist ein Adoptivkind bei deutschen Eltern, Tochter einer Serbin und eines Türken. Da liest man von Gastarbeiterschicksalen in Deutschland und Vorkommnissen in Dörfern im Süden Europas, die noch so sehr Dorf sind, wie wir es uns gar nicht mehr vorstellen können. Vom Zweiten Weltkrieg bis zu Srebrenica reichen die Erlebnisse der Figuren, das denken wir normalerweise nicht zusammen, aber in den Familien werden mit Erzählungen Fäden gesponnen, von Ereignis zu Ereignis, und es gehört sehr wohl zusammen. Die Geschichten sind wunderbar, wirklich ganz wunderbar erzählt, mit dezenter Sprache, behutsam, schön und messerscharf, in Szenen mündend, die als Bilder lange bestehen bleiben. So muss das sein. Wie der Kriegsheimkehrer nach den Jahren der Abwesenheit sprachlos vor seiner Frau steht, wie ein anderer Mann in Serbien seine Frau in einem Unwetter verliert und selbst dann daran zugrunde geht, wie ein Kind von seiner Adoption erfährt, wie eine Ehe zerbricht, einbricht und wegknickt, das ist meisterhaft beschrieben und ich plädiere ernsthaft und nachdrücklich dafür, dass Sie sich das Buch alle sofort zulegen.

Ich habe vor ein paar Tagen erst, noch bevor ich das Buch von Pia gelesen habe, über die „Geschichtsstunde“ mit Sohn I gebloggt, für den Eintrag gab es ganz unerwartet viel Beifall. Vielleicht liegt das Thema also gerade in der Luft, vielleicht beschäftigt es auch Sie – lesen Sie „Suna“ und staunen Sie, über den Reichtum an Geschichten, der in einer Familie liegen kann, über die Wucht, die sich aus ganz unspektakulären Figuren ergeben kann. Keine Kriegshelden, keine Heldentenöre, nur das, was man eben so als Onkel, Opa oder Cousine kennt. Ganz normales Leben, ganz normal ungeheuerlich. Mehr braucht Literatur nicht, das haben wir alle an Bord. Nur können es nicht alle so beschreiben wie Pia Ziefle.

Auch Sie haben eine Mutter, zwei Großmütter, vier Urgroßmütter, und die hatten alle mindestens einen Mann und, na, vielleicht drei Geschwister, das sind, wenn ich jetzt richtig rechne, 42 Personen oder mehr, hätten Sie das gedacht? Nur bis zur Urgroßmutter, das ist gar nicht so weit. Und wenn die Geschwister der Eltern auch noch alle einen Partner hatten, oder auch mehr, dann sind es über 70, und wenn die Kinder hatten – na, egal. Jedem seine Hundertschaft. Was davon ist wichtig? Wer davon? Wie viele davon starben eines natürlichen Todes? Wie viele liebten tragisch, vergeigten das ganze Leben, hatten strahlende Erfolge oder schlichte, zufriedene Existenzen? Und macht es denn überhaupt etwas aus? Aber ja. Geschichten gestalten die Welt, Geschichten bestimmen unser Geschick, unsere Ziele, unsere Liebe und unsere Werte. Das, was aus all diesen Schicksalen an Geschichten geblieben ist, das hat schon seinen Sinn. Bücher wie „Suna“ bringen einer wieder darauf, und es ist richtig, immer wieder daran erinnert zu werden: Man ist immer gerade mitten in einem Kapitel und der Anfang des Buches liegt verdammt weit zurück.

Und wo wir schon bei den Hundertschaften sind, die nur zwei, drei, Generationen zurück etwas mit unserer Vorgeschichte zu tun hatten – wie viele davon waren wohl nicht von hier? Nicht von da, wo Sie gerade lesen? Von da, wo Sie geboren sind? Sollten man, wenn man das einmal richtig verstanden hat, was diese Verwirbelungen ausmachen, dieses unsägliche Wort „Migrationshinergrund“ nicht einfach überall eintauschen gegen eine Formulierung, die dem, nun ja, Volk der Dichter und Denker würdiger wäre, sagen wir zum Beispiel, „Familienromanhintergrund“? Ich glaube, das würde mir gefallen.

Das Cover des Buches könnte übrigens ein wenig so verstanden werden, als sei dies ein Frauenbuch. Ich möchte es ausdrücklich Männern empfehlen – wegen der Schilderung der Vaterfiguren. Es ist vermutlich vollkommen in Ordnung, das Buch als Männerbuch zu lesen. (Sätze, mit denen die Autorin nie im Leben gerechnet hat.)

 

Lesenswerte Rezensionen auch bei Isa und Textzicke und bei Jens Arne Männig.

%d Bloggern gefällt das: