Sohn I fragt nach meiner Kindheit. Ich sitze an seinem Bett, er ist müde, aber aus irgendeinem Grund ist ihm eingefallen, dass ich ja auch einmal Kind war. Ich fange an zu erzählen, und anders als in meinen Büchern fange ich nicht in Travemünde an, sondern vorher, bei den Lübecker Jahren, als meine Eltern noch verheiratet waren. Dem Sohn fällt dabei erst auf, dass diese Oma und dieser Opa dann wohl irgendwie zusammengehören, darüber hatte er noch nie nachgedacht. Das ist ja ein Ding, die waren dann also zusammen meine Eltern! Ich erzähle von meinem Bruder und meiner Schwester, von meiner Großmutter und anderen Verwandten, die längst nicht mehr leben. Von dem Großonkel, der mir das Holzgewehr gebastelt hat, die Geschichte kennt er schon, und er murmelt seinen Namen, den hat er sich gemerkt. Ich erzähle vom Handwerk meines Vaters, von dem Betrieb, in dem ich als Kind schon mitgeholfen habe und den heute mein Bruder führt, denn der älteste Sohn macht weiter, das war schon immer so, das kennt man aus den Märchen. Er fragt, ob er da auch einmal arbeiten kann, nur um zu sehen, wie es ist. Ich sage, das wird sich bestimmt einrichten lassen. Und dann? Und dann? Papa, und dann?

Na, und dann die Trennung der Eltern, ich nach Travemünde, die Jahre am Strand, die Schule in Lübeck, die Fahrten hin und her mit dem Doppeldeckerbus. Ich erzähle von Sarah und wie ich ihr nachgelaufen bin, die große Kinderliebe. Der Sohn nickt ernst und flüstert einen Namen, den ich nur verstehe, weil ich weiß, worum es geht. Seine Kindergartenfreundin. Und dann? Dann schließlich mein Abitur, das Wort kennt er nicht, also das Ende der Schule, auch Schule hört wieder auf, dann Hamburg. Na, und dann ein paar Jahre auf dem Dorf, viel gearbeitet, dann doch lieber wieder Hamburg, dann seine Mutter kennengelernt, ich kürze etwas ab, die Müdigkeit des Kindes wird sichtbar größer und größer.

Der Sohn hört mit schweren Lidern zu, fragt nach, denkt und grübelt. Zählt Schuljahre an den Händen ab, stellt sich Häuser vor, in denen seit Jahren keiner aus der Familie mehr wohnt. Nimmt mit offenem Mund staunend zur Kenntnis, dass ich einmal ein eigenes Pony hatte und versteht nicht, dass ich gar nicht weiß, wo das nun begraben ist. Fragt, ob das Meer in Travemünde salzig gewesen sei und was ich denn bei Ebbe gemacht habe? Und, nach meiner Erklärung, wieso es denn bitte Meere mit und Meere ohne Ebbe gäbe? Und ob die Wellen mich nicht sehr oft umgeworfen hätten?

Ich komme aus einer seltsam geschichtslosen Familie, da geht es mir wie vielen Menschen meiner Generation, deren Eltern und Großeltern das Dritte Reich, den Krieg, die Flucht erlebt haben. Abgebrochene Lebensläufe, verlorene Kindheitsländer. Zeiten und Taten und Erlebnisse, über die keiner sprach. Ich weiß wenig, fast gar nichts über meine Großväter, die ich nie kennengelernt habe. Ich weiß wenig, außer dem Ort in Polen, wo der eine von ihnen drei Tage vor Kriegsende erschossen wurde. Ein zusammenhangsloser Ortsname, oft wiederholt. Ich weiß wenig über das Leben meiner Großmütter, die doch auch irgendwo herkamen, die auch irgendwelche Eltern hatten, die wiederum irgendwelche Berufe hatten. Keine Ahnung, das war alles nie Thema. Meine Großmütter waren immer nur Gegenwart, meine Eltern erst recht. Sie waren nie Kinder gewesen, sie hatten nie gespielt, sie hatten nie in einem anderen Umfeld gelebt. Einige wenige Szenen wurden erzählt, alle berichteten von Härte, Kälte oder Hunger. Mecklenburg, Russland, Polen, das spielte alles einmal eine Rolle, alles weg, vergangen, vorbei, verdrängt. Wenn ich den Spuren lange genug folge, führen alle in den Osten, aber ich habe gar keinen Bezug dazu. Die Mutter aus Düsseldorf, der Vater aus Lübeck, weiter reicht es nicht. Es gab bei uns keine Tradition der familiären Erzählung, ich kenne sehr wenig Geschichten aus der Familienvergangenheit. Ich habe ziemlich spät erst verstanden, dass Lübeck nicht seit Jahrhunderten die Heimat meiner Sippe ist. Ganz und gar nicht.

Sohn I fragt und fragt, und ich antworte, ich erzähle und erzähle. Ich glaube, es ist schön, wenn die Kinder Familiengeschichten kennen, ich glaube, es tut ihnen gut. Keine Ahnung, ob es stimmt. Aber Sohn I fragt so interessiert nach, er sortiert Figuren und legt Szenen zurecht. Bilder im Kopf, die jetzt zu ihm und mir gehören, Familienmythen. Er zählt noch einmal die Orte auf: Lübeck, Travemünde, Hamburg. Soll er es doch wissen was es alles an Geschichten gab, bevor es ihn gab. Was sich alles fügte, bis zum heutigen Tag, und wer alles mitgespielt hat. Man sieht ihm förmlich an, wie angestrengt er versucht, den ganzen Ablauf meiner Erzählung zu fassen. Das muss sehr schwer sein, wenn man sich Zeit noch gar nicht recht vorstellen kann.

„Und dann“, sagt er schließlich mit schon fast geschlossenen Augen, „und dann bist Du unser Vater geworden. Ist das nicht super?“

Doch. Ich glaube, es ist schön, wenn Kinder sich unter der Familiengeschichte etwas vorstellen können. Sehr schön sogar.


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