Ein konstruktiver Vorschlag

Die Söhne besitzen ziemlich viele Bücher und sie neigen dazu, abends etliche davon mit ins Bett zu nehmen, um in Ruhe noch ein wenig zu lesen. Sie brauchen allerdings stets eine Weile, bis sie die richtigen Bücher gefunden haben, denn die stehen in keiner erkennbaren Ordnung im Regal. Das brachte Sohn I gestern Abend darauf, mit mir ein ernstes Gespräch über Ordnungssysteme zu führen, und das ist natürlich eines der Themen, über die man mit viereinhalbjährigen Jungs besonders gerne spricht. Der Sohn fragte, wie meine Bücher denn eigentlich sortiert seien und ob ich da jemals etwas finden würde. Er hörte mit Staunen, dass sie nach Ländern und Epochen sortiert sind, bzw. sortiert wären, wenn ich denn jemals Zeit hätte, dieses Projekt zu beenden. Andere Menschen aber, so erklärte ich weiter, etwa die geschätzte Isa, sortieren ihre Bücher gnadenlos nach Alphabet durch, wobei zum Beispiel meine Bücher dann neben denen von Bukowski stehen, was gar keinen Sinn ergibt, aber egal. Es ist ein freies Land, hier kann jeder sortieren, wie er will. Wieder andere, etwa der geschätze Mek, sortieren nach dem schönen Prinzip „von mir geschrieben oder nicht von mir geschrieben“. Extremere Charaktere sortieren angeblich auch nach Farbe oder Größe oder Verlag. Und der Sohn hörte zu und dachte nach und fragte schließlich, ob es denn wirklich so sei, dass jeder in anderen Wohnungen gar nichts finden würde? Und ob das denn nicht total blöd sei?

Ich erklärte ihm, dass man aus dem Büchersortieren sogar eine ganze Wissenschaft gemacht habe, wodurch die Sache übrigens dennoch nicht wesentlich einfacher geworden sei. Seltsame Menschen haben so etwas dann sogar studiert, zum Beispiel sein eigener Vater, der tatsächlich ein Dipl.—Bibl. ist, was der Sohn für einen prima Witz hielt. Ich habe es auch nicht immer einfach mit meinem eigentlich so klangvollen Titel. Und dann hat der Sohn noch etwas weiter nachgedacht, seine Bücher lange angesehen, ein paar probeweise von links nach rechts geräumt und schließlich einen Vorschlag gemacht, von dem er meint, das ihn bitte künftig jeder Mensch anwenden möge:

„Man sortiert die Bücher doch am besten einfach so, dass die Geschichten, die richtig, richtig gruselig sind und besser nicht angefasst werden, wenn es gerade dunkel wird, weil sie nämlich vielleicht Monster anlocken könnten, auf der einen Seite stehen. Dann ist das viel weniger gefährlich, dann nimmt man die nicht aus Versehen mit ins Bett. Und auf der anderen Seite dann eben die ganzen anderen Bücher, die einfach nur schön sind und die man also immer lesen kann, weil da kommen keine Monster oder Gespensters. Das kann man doch leicht verstehen? Und dann müsste man doch gar nicht mehr so lange suchen?“

Wenn Sie dann bitte alle auch bald anfangen, Ihre Bücher zuhause entsprechend umzuräumen. Ich meine, wo er doch Recht hat… Mitlesende Bibliothekare und Buchhändler wenden das im Interesse einer einfacheren Weltordnung bitte ab sofort beruflich an. Danke.


41 comments

  1. Sebastian

    Ganz großartig: „und fragte schließlich, ob es denn wirklich so sei, dass jeder in anderen Wohnungen gar nichts finden würde? Und ob das denn nicht total blöd sei?“
    das ist wirklich sehr blöd. Ich bin inzwischen auch schon häufiger an der Farbsortierung gescheitert, das hilft bei der Wiederfindung insbesondere frisch geschenkter Bücher deren Farbe man sich nicht eingeprägt hat überhaupt nicht.
    Aber Hauptsache die Jungfrau hat alles mal ausprobiert.

  2. Yewa

    Ist denn die eine Seite nun links oder rechts?

    Wenn ich mir vorstelle, ich sortiere meine Gruselbücher nun nach links, und jemand, der diese Bücher bei sich rechts sortiert hat, übernachtet nun bei mir und holt sich ein Buch von links zum Lesen: Der holt sich ja Monster und Gespenster ins Bett! ö.Ö Das geht doch nun auch wieder nicht!

  3. Klaus

    Bitte mal nachfragen wie das denn ist, wenn man keine richtig, richtig gruseligen Geschichten mehr hat? Sondern nur die, die keine Monster anlocken. Wie werden die sortiert?

  4. midnightmidge

    Meine Bücher habe ich seit drei Jahren nach den Farben der Buchrücken sortiert. Ich fühle mich endlich im richtigen Ordnungssystem angekommen. Ich bin Jungfrau.
    Sehr schön ist das Fach für die gelben Reclamheftchen und nicht zu verachten das Sonderfach für Agatha Christie, die steht farblich gemischt. „Viva Polonia“ steht übrigens neben „Kuchen backen in Kigali“.
    Richtig gruselige Geschichten habe ich aussortiert, die sind für mich nichts, weder tags, noch nachts…

  5. su

    Ich finde Sohnes Vorschlag sehr vernünftig. Meine Anordnung ist in etwa die eines Buchladens und somit in die Richtung gehend, die Sohn I bevorzugt: Schön nach Themen. Bei mir stehen die ganz gruseligen oder die weniger guten oder die für Kinder streng verbotenen Bücher hinter den nicht so gruseligen/guten/harmlosen Büchern.

  6. Sue

    Meine Reclamhefte sind alphabetisch sortiert; die restlichen Bücher stehen so zusammen, dass sie thematisch gut zusammenpassen.
    Wenn ich mal viel Zeit habe, sortiere ich sie so, dass die Bücher nebeneinander stehen, deren Protagonisten miteinander befreundet sein könnten.

  7. Ping: Gut sortiert « Lars Reineke
  8. Clara Himmelhoch

    Hallo – muss der Parallelzweig im Studium – die Dipl.-Dokumentare oder auch Dokumentaristen jetzt zu Haus eben ein Grusel-Sortier-System = GSS anwenden.
    Das wird den Herrn Valentiner aber gar nicht freuen, dass Sie nicht neben ihm stehen und verstauben wollen.
    „Dienstliche“ Grüße von Berlin nach Hamburg von
    C.H.

  9. Sunni

    Danke an SohnI! Habe ihm folgend die rechts-links Kategorien in „Nicht noch einmal lesen“ und „Bestimmt oder vielleicht noch einmal lesen“ verändert, Melde mich 2013, wenn ich mit dem Umräumen und Sortieren fertig bin. Bis dahin bitte wichtige Vorschläge und Änderungtheorien des Sohnes I. per SMS!Kann nicht so lange von den Stapeln weg, die brechen um….

  10. Emilie Lisette Hellmann

    Hierorts sind Bücher nach dem Grusel- und Nichtgruselsystem sortiert. Das Problem der Unterscheidbarkeit der Regalabschnitte wurde mithilfe des Hundes gelöst: Der hat seinen Futterplatz am Boden vor dem Gruselbuchregal. Und weil Herr Hund, wie wir auch, seine Hauptmahlzeit abends einnimmt, und weil er, wie wir auch, ein Fan von Mitternachtssnacks ist, und weil er, im Unterschied zu uns, alle Tage wieder damit rechnet, es könnte schon vor Mitternacht Mitternacht werden, verbringt er die Abende mehr oder minder durchgehend am Futterplatz, essend oder auf Essen wartend. Und weil der Hund kein ganz kleiner ist, der übersehen oder einfach mit dem Fuß beiseite geschoben werden könnte, kommt abends niemand ans Gruselbuchregal. Oder nur, wenn er oder sie Herrn Hund aufzustehen und beiseite zu treten bitten und sich mit einer Scheibe Schinken dafür bedanken würde – das wäre dann aber eine gezielte Aktion und kein versehentliches Ins-Gruselbuchregal-Greifen. :-)

  11. walküre

    Herzerwärmend, schlichtweg herzerwärmend.

    (Bitte nehmen Sie Ihre Jungs in die Arme und knuddeln Sie sie einmal unbekannterweise von mir.)

  12. Justina

    Ich sage dauernd laut vor mich hin: „Herr Dippel-Bippel Buddenbohm“. So schöööne Alliterationen! Das wir das noch erfahren durften!
    PS: Ihre Eltern hätten Sie vielleicht zur Krönung Balduin nennen sollen ^^ oder Benjamin…

  13. Kat

    Ich hatte in der alten Wohnung mal kurzzeitig einen Regenbogen. Dieser hat das verräumen von neu erworbenen Lieblingen allerdings massiv behindert. Jetzt steht alles mehr oder weniger nach „den Karton habe ich zu erst ausgeräumt“. *seufz*

  14. jule

    Die Gruselprophylaxe mittels verfressenem Buchregalwachhund ist raffiniert.

    Dippelbibbel ist doch ein höchst klangvoller Vorname.

    In meinem Bürojob gab es mal eine Schreibkraft, deren Fähigkeit mitzudenken nur bedingt ausgeprägt war.

    Da stand dann im Adressfeld tatsächlich: „Herrn Dippelfüß Fritz Feuer“.

  15. nik

    Als allererstes sortiert man die Bücher erstmal nach „lese ich noch/wieder“ und „fass ich die nächsten 5 Jahre eh nicht an“ (Karton, Keller/Dachboden). Dann erübrigt sich schon vieles.

  16. Papagena

    Hm, die Sache hat wirklich Logik!

    Bei mir hat die Ordnung im Bücherregal allerdings andere „Schwerpunkte“:

    Die schweren Wälzer und großen Bildbände stehen in den untersten Regalfächern (damit sie nicht so weit fallen, falls die Regalböden das Gewicht nicht halten), sämtliche „normal-formatigen“ Bücher in der Mitte,
    und ganz oben, geschützt vor neugierigen Kinderhänden die Fotoalben.
    Ist das gut oder ist das gut?

    Liebe Grüße,
    Papagena

  17. Stadtneurotiker

    Aber jahrelang über Jungfrauen gespottet haben…

    Was soll’s? Man ist ja Kummer gewöhnt.

  18. Laura

    Macht Sinn, was ihr Sohn sagt. Ich habe ja auch immer geguckt, ob da Geister unterm Bett sind – ein grusliges Buch wäre mir in dem Alter auch nicht in die Nähe gekommen!
    Ich bin übrigens auch so ein Farbsortierer, also erstmal grob nach Genre (Fantasy, Lyrik, Kinder, Klassiker, Unizeug und Rest) und dann jeweils nach Farbe. Es wirkt ingesamt trotzdem noch zu bunt…

  19. Filinchen

    Bei mir wird nach 4 Kategorien sortiert: Sachbuch, Biografien, Belletristik und Krimis. Erstere nach Themen, der Rest alphabetisch.

    Buddenbohm steht bei mir zwischen de Bruyn und Bulwer-Lytton bei Belletristik. Wobei ich mir immer noch unsicher bin, ob es nicht zu den Biografien (Auto) gehört. Solange ich dieses Problem nicht gelöst habe, stelle ich den Kauf von „Marmelade im Zonenrandgebiet“ zurück. Biografie oder Sachbuch, Sparte Zeitgeschichte?

    Ach, Herr Buddenbohm…..
    (eigentlich möchte ich Sie ja so gerne neben ein gewisses Buch von Thomas Mann stellen.)

  20. Ping: Bücher sortieren « Draußen nur Kännchen
  21. syvi25

    Das mit dem „sich in anderen Wohnungen nicht zurechtfinden“ lässt sich ganz einfach dadurch lösen, dass man zumindest für die überaus wichtige Arbeit des Buchregaleinsortierens eine Jungfrau engagiert.

    Mich beruhigt das auch ungemein, dass auch in der Wohnung der besten Freundin die Bücher nach dem einzig wahren (meinem) System sortiert sind.

    (süß auch, dass die als so verkopft abgestempelten Jungfrauen scheinbar doch Gefühle haben)

  22. Sven

    Hallo Maximilian & Söhne,

    tja, das Buchsortieren. Ich war immer ein Fan von der Farbsortierung. Aber – don’t choose a book by its cover – daher schnell wieder gelassen. Die Einteilung in „mit und ohne Gespenster(s)“ 😉 finde ich optimal, da unsere bei jedem neuen Buch derzeit fragen – „ist der böse? ist da (ge)spenst drin“. Daher wird es im Kinderzimmer wohl auf diese Sortierung hinauslaufen.

  23. Ping: Kinderbücher sortieren » zwillingswelten - Das Blog für Zwillingseltern
  24. Kiki

    Echte Jungfrauen brauchen keine Monsterbuchecke, um zu wissen, wo die Monsterbücher sind. Sie wissen exakt, wo diese Bücher liegen und welche darüber gestapelt sind, damit man das Monsterbuch nicht sieht und haben immer ein wachsames Auge auf den Stapel.

    Als ich das erste Mal Stephen Kings „IT“ las, so etwa Mitte/Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, war ich deutlich älter als Sohn I. Ich bin so ängs… nein, vorsichtig um das Buch herumgeschlichen, daß der Autor vermutlich begeistert jauchzen würde, wüßte er davon (immerhin war es angeblich einmal sein Traum, einer seiner Leser möge beim Lesen eines seiner Werke einen Herzinfarkt erleiden). Im Alter von Sohn I habe ich hauptsächlich bei der Geschichte, wie der kleine Wasserman durch das Mühlrad sauste und vom Neunauge träumte, die Seiten schneller umgeblättert. Ins Bett wäre mir das auch keinesfalls gekommen, aber es stand neben seinen beiden Verwandten, der kleinen Hexe und dem kleinen Gespenst. Bei letzterem habe ich mich insgeheim für den unheimlichen Nachbarn entschuldigt. – Aber jetzt entschuldigt, es klingelt an der Tür …

  25. Dietmar

    Vielleicht war der Sohn in einem früheren Leben Bibliothekar in Würzburg. Dort beherzigte man schon vor 200 Jahren ähnliche Ordnungsprinzipien, wie uns Kleist berichtet:

    „Nirgends kann man den Grad der Kultur einer Stadt und überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller und doch zugleich richtiger kennen lernen, als – in den Lesebibliotheken.

    Höre was ich darin fand, und ich werde Dir ferner nichts mehr über den Ton von Würzburg zu sagen brauchen.

    »Wir wünschen ein paar gute Bücher zu haben.« – Hier steht die Sammlung zu Befehl. – »Etwa von Wieland.« – Ich zweifle fast. -»Oder von Schiller, Goethe.« – Die möchten hier schwerlich zu finden sein. – »Wie? Sind alle diese Bücher vergriffen? Wird hier so stark gelesen?« – Das eben nicht. – »Wer liest denn hier eigentlich am meisten?« – Juristen, Kaufleute und verheiratete Damen. – »Und die unverheirateten?« – Sie dürfen keine fordern. – »Und die Studenten?« – Wir haben Befehl ihnen keine zu geben. – »Aber sagen Sie uns, wenn so wenig gelesen wird, wo in aller Welt sind denn die Schriften Wielands, Goethes, Schillers?« – Halten zu Gnaden, diese Schriften werden hier gar nicht gelesen. – »Also Sie haben sie gar nicht in der Bibliothek?« – Wir dürfen nicht. – »Was stehn denn also eigentlich für Bücher hier an diesen Wänden?» – Rittergeschichten, lauter Rittergeschichten, rechts die Rittergeschichten m i t Gespenstern, links o h n e Gespenster, nach Belieben. – »So, so.» – -“

    Liebe Grüße von einem Dipl.-Bibl. aus Bayern

  26. Ping: Bücherregalordnung « *hidden in plain view*
  27. uschi

    ich finde es ja sehr interessant dass viele leute ihre bücher nach farben sortieren ? das entzieht sich mir irgendeiner logik ehrlich gesagt..

    meine bücher sind nach thmen sortiert – und fachbereiche – wobei die gruselbücher viel platz einnehmen – und meine tochter die beim essen vis-a-vis vom bücherregal sitzt immer auf interessante titel stösst :-)( da sie 18 ist kann sie aber gut damit umgehen )
    als ich mal aus platzgründen auf ihrem platz sass und die titel gelesen hab war ich selbst etwas befremdet.

    und finde es auch sehr persönlich in andren wohnungen die bücherregale zu durchstöbern

    aber wie immer ein sehr netter artikel – danke

  28. Sanníe

    Ich stand noch nie vor einem farbsortierten Regal! Aber wahrscheinlich sieht es aus wie auf einem Bild von Ikea und schlechter wiederfinden als jetzt ist ja auch nicht möglich.

  29. Ping: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf
  30. schiachesuse

    eine sehr schöne Geschichte, danke!!!und gut nachvollziehbar…
    meine Reisebücher sind übrigens geordnet von „kalt“ nach „warm“.

  31. Ping: Zum Weiterlesen, Teil 13 « Besser lesen

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