Januar 1st, 2012 Archives
Jan
Darf es noch etwas anderes sein?
by Maximilian Buddenbohm in
„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen!“ Die Bäckereifachverkäuferin begrüßt mich in jauchzend glücklicher Stimmlage. „Schön, dass Sie so früh schon zu uns gefunden haben!“ Sie legt den Kopf schief und versucht, meinen Blick einzufangen. Sie strahlt mich lieblich an und nickt auffordernd. „Na, was darf es denn sein?“ Sie beugt sich etwas vor, ihre rechte Hand weist wedelnd auf die übervoll mit Brötchen gefüllten Regale hinter ihr, während die andere Hand unauffällig in Hüfthöhe den brötchenbelegenden Verkäuferinnen neben ihr Zeichen gibt, damit sie mich auch alle einmal anstrahlen.
Die Bäckerei ist neu im Stadtteil, sie hat erst vor ein paar Tagen aufgemacht. In unserem heiteren kleinen Bahnhofsviertel gibt es grob geschätzt in jedem zweiten Haus einen Bäcker, aber ab und zu finden doch noch neue Ketten eine Lücke für eine ihrer Filialen. Ich bin ein großer Freund von Bäckereien, also teste ich selbstverständlich jeden neuen Laden, auch wenn es die gefühlte Nummer zwanzig in allernächster Nähe ist. Dieser Bäcker hier hat tatsächlich die wahrscheinlich besten Brötchen weit und breit, ich würde sie wirklich künftig gerne jeden Morgen kaufen, allerdings wird mir das sehr, sehr schwer fallen. Denn die Verkäuferinnen haben, das merkt man innerhalb von Sekunden nach Betreten des Geschäftes, ein intensives Verkaufstraining hinter sich. Sie haben alle dieses Talmigrinsen und die einstudierte Privatradiomoderatorentonlage, so ein gewisses heiterkeitsdurchsonntes Kieksen in der Stimme, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen wie auch bei anderen Zeichen höchster Gefahr.
Ich muss das für die Leser aus dem süddeutschen Raum vielleicht näher erklären. Ich bin norddeutsch. Norddeutsche kommen, etwas vereinfacht ausgedrückt, in zwei Erscheinungsformen vor. Die einen sind die putzigen Friesen, bekannt aus Film und Fernsehen, die sind verschlossen, knurrig und maulfaul, bei näherem Kennenlernen aber sehr herzlich. Alle anderen Norddeutschen sind genau wie Friesen, nur sind sie auch bei näherem Kennenlernen nicht sehr herzlich. Ich komme aus Lübeck, das ist von Friesland ziemlich weit weg, jedenfalls kulturell betrachtet. Als ich Kind war, waren Verkäuferinnen noch vollkommen authentisch. Kein Mensch wäre damals auf den Gedanken gekommen, ihnen beizubringen, wie sie ein Verkaufsgespräch zu führen hatten. Aus meiner Jugend war ich es gewohnt, dass Einkaufen in etwa so ablief: Man betrat ein Geschäft und sah sich etwas um. Die Verkäuferin stand mit unergründlicher Miene vor ihrer Ware und schwieg. An Tagen mit exaltiert guter Laune murmelte man „Moin“, und wenn die Verkäuferin sehr, sehr gut drauf war, dann erwiderte sie sogar den Gruß. Man sah sich weiter schweigend die Ware an. Die Verkäuferin sah sich schweigend den Kunden an. Wenn das zu lange dauerte, fragte die Verkäuferin irgendwann ohne weitere Höflichkeitsfloskeln, aber mit steiler Falte auf der Stirn: „JA WAS JETZT!“ Das war das Einkaufen in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Lübeck. So gehörte das und niemand fand das komisch.
Heute wird Verkäuferinnen genau beigebracht, welche Phrasen im Verkaufsgespräch zu benutzen sind. Es wird ihnen beigebracht, jeden Kunden zu fragen, ob er nicht vielleicht mehr möchte, noch etwas anderes, noch einen Kaffee dazu, noch ein Schokobrötchen vielleicht? Etwas Süßes für den Tag, hm? Nervennahrung, haha? Dem Kunden auch einmal vertraulich zuzwinkern! Nähe schaffen! Und hat er denn schon eine Kundenkarte oder möchte er nicht vielleicht eine haben? Es wird ihnen beigebracht, den Blick des Kunden einzufangen, sie verrenken sich den Hals dabei und flattern unruhig hinter der Verkaufstheke hin und her, wenn man wider Erwarten nicht mitspielt. Sie haben gelernt, jedem Kunden zum Abschied einen besonders schönen Tag zu wünschen und sie geben sich redlich Mühe, es so klingen zu lassen, als wäre er, nur er, ganz persönlich gemeint. Der Freund des Hauses, ihr Lieblingskunde! Es ist furchtbar. Als würde ein abgerichteter Pudel vor einem herumtänzeln, Kunststückchen aufführen und dann hinterher fiepend auf ein Wurststückchen warten. Nur warten die Bäckereifachverkäuferinnen nicht auf ein Wurststückchen, sondern auf eine Zusatzbestellung. Denn dann haben sie gewonnen, man sieht es an ihrem aufleuchtenden Strahlen, wenn man tatsächlich noch ein weiteres Brötchen bestellt, weil es heute im Angebot ist, nur heute, und natürlich nur für mich. Dann haben ihre Trainer recht gehabt, dann war alles richtig, dann macht der Arbeitgeber, der vielleicht, wer weiß, als Kaffeegast getarnt hinten im Raum sitzt, zufrieden grinsend einen Pluspunkt in die Akte. „Möchten Sie noch ein Schokobrötchen? Das sind unsere leckeren Quarkbrötchen mit vielen Schokostückchen. Die sind heute im Angebot! Darf ich Ihnen eines mit einpacken?“ Ich bin ein höflicher Mensch, ich habe mich normalerweise halbwegs im Griff. Aber die Versuchung, den nächsten gezirpten Verkaufssatz mit „Schnauze, Frollein“ zu beantworten, wird in solchen Augenblicken fast übermenschlich groß.
Vor vier Jahren gab es so ein Verkaufstraining beim Personal meiner Bank. Es hingen damals sogar Plakate in der Filiale, in denen angekündigt wurde, dass bald alles viel freundlicher werden würde. Als ich irgendwann Bargeld einzahlen ging, fragte mich der Mann an der Kasse ekstatisch grinsend, ob er mir nicht vielleicht auch einen Termin mit einem Berater machen solle, da wäre gerade einer frei, nein? Mal kurz über die Rente reden, hm? Und er erhob sich halb, als hätte ich bereits ja gesagt, und er bemühte sich sehr, meinen Blick dabei nicht zu verlieren. In dem Drogeriemarkt um die Ecke, in dem die Kassiererinnen jeden Kunden unerbittlich wieder und wieder nach der verdammten Kundenkarte fragen müssen, gibt es Kunden, die ruhig in der Kassenschlange stehen und dann, wenn sie endlich dran sind, unversehens tourettemässig laut „Nein!“ brüllen, sobald die Kassiererin sie nur ansieht, noch bevor sie überhaupt etwas sagen kann. „Und sie wollen auch keine haben?“ fragen die Kassiererinnen dann vollkommen unbeeindruckt.
Ich habe die Bank jetzt seit vier Jahren nicht mehr betreten. Ich lasse die Herzdame Drogerieartikel kaufen. Und morgens reicht ja vielleicht auch ein Toastbrot.
Jan
Alles ganz anders
by Maximilian Buddenbohm in
Es ist ein zeitlicher Zufall und hat eigentlich gar nichts mit dem Neuen Jahr zu tun. Es ist kein guter Vorsatz, keine hehre Absicht, eher ein reiner Vernunftbeschluss und eine medizinische Notwendigkeit. Ich werde in diesem Jahr fast oder ganz vegetarisch leben, das ist bei gewissen Gelenkkrankheiten manchmal eben angeraten, es könnte zumindest helfen. Vieles spricht dafür. Da sitzt man dann plötzlich als leidenschaftlicher Normal-, Fett- und Kantinenesser etwas ratlos vor den Ernährungsempfehlungen der einschlägigen Foren und Expertenseiten und staunt. Jenes Lebensmittel weglassen, dieses meiden, viel mehr von dem. All die Dinge, die man als Jugendlicher auf den Einkaufszettel für eine wilde Party geschrieben hat, die schreibt man dann als etwas ausgereifterer Mensch seufzend auf eine Liste mit dem Titel „Nicht mehr“. Na super! Immerhin gibt es das Internet, man kann also alles, was man jetzt wissen muss, mal eben schnell nachschlagen ohne einen ganzen Stapel Bücher kaufen zu müssen oder Stunden in der Bibliothek zu verbringen. Einfach losgegoogelt und schon hat man hunderte Treffer zu dem, was künftig noch in den Topf kommen sollte, das ist heute wirklich sehr einfach. Ich sitze vor dem Computer und lese eine Seite nach der anderen. Manches klingt ganz vernünftig und einleuchtend, nachvollziehbar erklärt und biochemisch untermauert. Manches klingt etwas wirr, manches klingt seltsam und einige Seiten – also wirklich. Ich sitze, lese und staune. Das kann doch irgendwie nicht ernst gemeint sein? Das soll dann noch Ernährung sein? Die Ratschläge lesen sich wirklich mehr als befremdlich und ich brauche verblüffend lange, bis ich merke, dass ich auf einer Seite für Veterinärmedizin gelandet bin, Abteilung Erkrankungen am Bewegungsapparat des Hundes.
Vielleicht beginne ich die Umstellung der Ernährung doch erst einmal mit ein paar Leckerlis zur Motivation?
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung




