Januar, 2012 Archives

31
Jan

Ein konstruktiver Vorschlag

by Maximilian Buddenbohm in

Die Söhne besitzen ziemlich viele Bücher und sie neigen dazu, abends etliche davon mit ins Bett zu nehmen, um in Ruhe noch ein wenig zu lesen. Sie brauchen allerdings stets eine Weile, bis sie die richtigen Bücher gefunden haben, denn die stehen in keiner erkennbaren Ordnung im Regal. Das brachte Sohn I gestern Abend darauf, mit mir ein ernstes Gespräch über Ordnungssysteme zu führen, und das ist natürlich eines der Themen, über die man mit viereinhalbjährigen Jungs besonders gerne spricht. Der Sohn fragte, wie meine Bücher denn eigentlich sortiert seien und ob ich da jemals etwas finden würde. Er hörte mit Staunen, dass sie nach Ländern und Epochen sortiert sind, bzw. sortiert wären, wenn ich denn jemals Zeit hätte, dieses Projekt zu beenden. Andere Menschen aber, so erklärte ich weiter, etwa die geschätzte Isa, sortieren ihre Bücher gnadenlos nach Alphabet durch, wobei zum Beispiel meine Bücher dann neben denen von Bukowski stehen, was gar keinen Sinn ergibt, aber egal. Es ist ein freies Land, hier kann jeder sortieren, wie er will. Wieder andere, etwa der geschätze Mek, sortieren nach dem schönen Prinzip „von mir geschrieben oder nicht von mir geschrieben“. Extremere Charaktere sortieren angeblich auch nach Farbe oder Größe oder Verlag. Und der Sohn hörte zu und dachte nach und fragte schließlich, ob es denn wirklich so sei, dass jeder in anderen Wohnungen gar nichts finden würde? Und ob das denn nicht total blöd sei?

Ich erklärte ihm, dass man aus dem Büchersortieren sogar eine ganze Wissenschaft gemacht habe, wodurch die Sache übrigens dennoch nicht wesentlich einfacher geworden sei. Seltsame Menschen haben so etwas dann sogar studiert, zum Beispiel sein eigener Vater, der tatsächlich ein Dipl.—Bibl. ist, was der Sohn für einen prima Witz hielt. Ich habe es auch nicht immer einfach mit meinem eigentlich so klangvollen Titel. Und dann hat der Sohn noch etwas weiter nachgedacht, seine Bücher lange angesehen, ein paar probeweise von links nach rechts geräumt und schließlich einen Vorschlag gemacht, von dem er meint, das ihn bitte künftig jeder Mensch anwenden möge:

„Man sortiert die Bücher doch am besten einfach so, dass die Geschichten, die richtig, richtig gruselig sind und besser nicht angefasst werden, wenn es gerade dunkel wird, weil sie nämlich vielleicht Monster anlocken könnten, auf der einen Seite stehen. Dann ist das viel weniger gefährlich, dann nimmt man die nicht aus Versehen mit ins Bett. Und auf der anderen Seite dann eben die ganzen anderen Bücher, die einfach nur schön sind und die man also immer lesen kann, weil da kommen keine Monster oder Gespensters. Das kann man doch leicht verstehen? Und dann müsste man doch gar nicht mehr so lange suchen?“

Wenn Sie dann bitte alle auch bald anfangen, Ihre Bücher zuhause entsprechend umzuräumen. Ich meine, wo er doch Recht hat… Mitlesende Bibliothekare und Buchhändler wenden das im Interesse einer einfacheren Weltordnung bitte ab sofort beruflich an. Danke.


29
Jan

Was tun mit Kindern an grauen Sonntagen

by Maximilian Buddenbohm in

Die Söhne haben Besuch, ein Mädchen wühlt sich mit prüfend durch ihr Spielzeug, bevor es schmollend beschließt, sich zu langweilen. Gelangweilte Kleininder sind wirklich das Letzte, was man an einem Winterregensonntag um sich haben möchte, ich bin höchst alarmiert. Das Mädchen guckt sich um und sieht den Balkon vor dem Wohnzimmer, den ausgemusterten Tannenbaum darauf, das Sandspielzeug in Warteposition, die weggeklappten Sonnenliegen und die toten Topfpflanzen und fragt: „Dürfen wir da draußen spielen?“

Die Söhne schließen sich sofort quengelnd an, während es draußen dunkler wird, der Regen dichter wird und ein paar Schneeflocken darin zu erkennen sind. Der Wind frischt auf, die Nässe kommt in Schwaden quer herangeweht, ein furchtbares Wetter. Wir stecken die Kinder in Wintersachen, ziehen Regensachen drüber und lassen sie auf den Balkon, der gerade vom Regen förmlich geflutet wird. Auf den Balkon geht man nicht im Winter, also ist es großartig, auf den Balkon zu gehen. Logisch. Die Kinder spielen „Aufräumen“, danach spielen sie „Saubermachen“ und dann auch noch „Gärtnern“. Sie spielen mit verrotteten Blumentöpfen, klammen Fingern und besonderer Hingabe. Ich sitze mit heißem Tee gemütlich auf dem Sofa, lege die Beine hoch und sehe zu. Das ist die beste Spielidee, auf die der Nachwuchs jemals gekommen ist. „Noch zehn Minuten“, sage ich, „dann verbieten wir es.“ „Ja“, sagt die Herzdame, „ganz genau. Und im Laufe der Woche, wenn sie oft genug gefragt haben“, geben wir jeden Tag etwas nach und lassen sie ein paar Minuten wieder raus.“

Während wir die wild protestierenden Kinder reinholen, freue ich mich auf das nächste Wochenende. Wir werden den Kindern eine ganze Stunde Balkon erlauben! Und sie werden sehr dankbar sein und natürlich nach zwei Stunden fragen. Zwei Stunden Ruhe und Frieden, zwei Stunden Sofa und Lektüre.

Es kann so einfach sein.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

28
Jan

Entspannt ins Wochenende

by Maximilian Buddenbohm in

Und dann hört man seltsamen Krach aus dem Flur, springt hin und sieht: Kommode umgestürzt, vermutlich weil sich wieder ein Kind an die oberste Schublade gehängt hat. Die Kommode ist groß, voll mit tausend Sachen und entsprechend schwer und darunter guckt eine Kinderhand hervor, ein Gruselbild, wie man es aus Film und Fernsehen kennt. Und eine etwas gepresst klingende Stimme, die unverkennbar nach Sohn II klingt, ruft von unterhalb des Möbels: “Ich war das gar nicht! Ich bin auch nicht hier!”

25
Jan

Die Logik der Suppennudel

by Maximilian Buddenbohm in

In unserer Wohnung wird demnächst die etwas angemoderte Einbauküche im ansprechenden Design der Achtziger Jahre (Farbgebung in Sand, Schlamm- und Kackbraun) gegen eine moderne Variante getauscht. Das hört man als Mieter gern, da freut man sich und träumt von kommenden Zeiten, in denen die Küche womöglich sogar fotogen sein wird, da schmeckt dann alles sicherlich besser, wenn es endlich einen dekorativen Hintergrund hat. „Suchen Sein sich mal was Schönes aus“, hieß es seitens der Verwaltung und die Herzdame ist wahrscheinlich die einzige Frau weltweit, die auf so ein Angebot mit dem denkwürdigen Satz reagiert: „Wenn ich mir die Küchendetails hätte aussuchen wollen, dann wäre ich irgendwo Eigentümerin geworden!“

Ich finde die Auswahl nicht so problematisch, diese Aufgabe übernehme ich also, in der Küche kenne ich mich eh besser aus. Die Herzdame ist bei uns ja auch für den Autokauf zuständig, das hat hier alles seine Logik, das ziehen wir durch. Was ich aber tatsächlich schwierig finde, ist die unfassbare Menge von Zeug, die sich in den Küchenschränken befindet, und die natürlich für die Zeit des Umbaus irgendwo anders hin muss. Nirgendwo sind bei uns so viele Dinge versammelt wie in der Küche, nicht einmal das Kinderzimmer kommt damit, und das will etwas heißen. Wenn man all die Dinge erst einmal aus den Küchenschränken herausholt, dann füllen sie wahrscheinlich wochenlang die ganze restliche Wohnung aus. Das kennt sicherlich jeder von Bücherregalen, deren Inhalt sich entgegen aller physikalischen Gesetzgebung im Volumen verdoppelt, wenn man die Bücher herausnimmt. Bei Küchenschränken ist es noch schlimmer. Viel schlimmer. Seit ungefähr vier Wochen bin ich nun schon damit beschäftigt, nur den Vorratsschrank leer zu kochen, damit die Aktion etwas einfacher wird. Der bisher eingetretene Erfolg besteht darin, dass seine Tür jetzt allmählich normal schließt. Es bleibt eine Herkulesaufgabe, unter anderem wegen meines Nudelkaufknalls.

Altgediente Leser werden sich vielleicht erinnern, ich habe beim letzten Umzug bereits mit Grausen darüber geschrieben, welche Mengen von Suppennudeln sich in unserer damaligen Vorratskammer fanden. Es waren so viele, dass es mich wohl zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe qualifiziert hätte. Das ist ein paar Jahre her, und nun ist die Lage wieder ähnlich, Besserung ist bei diesem seltsamen Thema nicht eingetreten. Aber mittlerweile glaube ich verstanden zu haben, warum ich Suppennudeln kaufe, bis der Schrank voll ist. Es ist eine Berufskrankheit.
Und zwar scheint es mir so zu sein, dass ich mich an einen klassischen Bug in einer beliebigen Software angepasst habe, das ist vielleicht ganz naheliegend, wenn man jahrelang projektleitend mit der Entwicklung von Software, Applikationen und damit verbundener Prozesslogik zu tun hat, so etwas färbt wahrscheinlich unweigerlich irgendwann ab. Warum sollte man noch normal funktionieren, wenn es alles, womit man beruflich jeden Tag zu tun hat, auch nicht tut? Programme machen nun einmal Fehler. Ich habe mir also, genau wie ich es im Büro tun würde, ein Bild vom Prozess gemacht, der beim Suppennudelkauf und seinen Randbedingungen abläuft.

Die Situation ist so: Der Zeitplan dieser Familie hier ist seit vier Jahren von der einfachen Devise „Wir kommen zu nix“ geprägt, das gilt selbstverständlich auch für das Essen. Ich koche prinzipiell gern und habe dauernd vor, großartige Dinge auf den Tisch zu bringen, scheitere aber meist am Timing. Wenn ich nun ein Essen im Sinn habe, für das ich z.B. Suppennudeln brauche, dann kaufe ich welche, das ist soweit noch im grünen Bereich und vollkommen in Ordnung, bis dahin ein sauberes Programm. Wenn ich zu dem geplanten Essen aber nicht komme, dann kaufe ich am nächsten Tag wieder Suppennudeln. Der Task „Suppennudeln kaufen“ wird nämlich nur gelöscht, wenn ich sie zubereite, nicht aber, wenn ich sie kaufe, denn dann ist der Prozess ja noch nicht fertig. Nur der fertige Eintopf löscht die Aufgabe des Kaufs. Es ist eine Suppennudelendlosschleife, ein durchgeknalltes Programmteilchen, das man einfach mal abklemmen muss, keine große Sache. So etwas erkennt ein alter Hase wie ich doch sofort, da muss ich gar nicht erst mit dem Programmierer verhandeln. Solche Fehler werden normalerweise in Minuten behoben.

Ich weiß nur noch nicht recht, bei welchem Support ich mich jetzt deswegen melden muss.


21
Jan

Ich komme, um zu singen

by Maximilian Buddenbohm in

Sohn I fragt, wo ich hingehen möchte, ich erkläre ihm, dass ich ins Theater gehe, zu einem Konzert von Esther Ofarim. Er fragt, wer das sei und ich zeige ihm alte Videos von ihr auf dem iPad. Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren, genauer gesagt vom zweiten Tag, an dem in Deutschland Farbfernsehen ausgestrahlt wurde, und wenn man das weiß, dann wirkt es gleich noch viel bunter, was die sehr junge Esther da als Kleid trägt. Sohn I wippt mit und nickt, die Musik gefällt ihm. „It’s the morning of my life“, wie passend für einen vierjährigen Jungen. Dann zeige ich einen Clip von heute, und die Frau, die da singt, ist immer noch schön, singt immer noch wie damals, ist aber viel älter und hat keinen Mann mehr dabei. Der Sohn fragt, wo denn der Mann sei, der Abi, weil der hat ihm auch gut gefallen, mit der Gitarre. Ich erkläre ihm, dass er Esther irgendwann nicht mehr gefallen hat, oder umgekehrt, was weiß ich, so etwas kommt eben vor, der Sohn kennt ja genug Beispiele im näheren Freundeskreis und in der Verwandtschaft. Ja, sagt er, das weiß er, aber gut ist das deswegen noch lange nicht. Und zusammen fand er die besser. Und er will jetzt lieber wieder die alten Sachen sehen. So.

20 Uhr im Sankt Pauli Theater auf der Reeperbahn. Das Licht geht aus und Esther Ofarim tritt in rauschendem Applaus auf, geht ans Mikro und sagt verlegen: „Ich komme, um zu singen.“ Das Publikum klatscht schon nach diesem Satz so, als müsse man sich die Zugaben jetzt schon hart erkämpfen und nach den ersten Klängen von „My Fishermann, my laddie-o“ hört man ein hundertfaches Seufzen im Saal.

Ich bin ein Kind aus den sechziger Jahren, es sind viele in meinem Alter da, noch mehr aber, die zur Generation meiner Eltern gehören. Menschen, die wie ich die Schallplatten von Esther Ofarim tausendfach gehört haben, Menschen, die mit ihrer Musik groß und alt geworden sind. Menschen, die hebräische Lieder mitsingen können, ohne ein Wort hebräisch zu sprechen, man hört es leise aus den Reihen, als Esther „Laila laila“ anstimmt. Das war auch auf der Platte, die in meiner Kindheit lief, und ich weiß heute noch jeden Ton, jede Silbe und jeden Kratzer. Das Publikum klatscht und klatscht nach jedem Song als könnte es ihr letzter sein. Esther hebt nach jedem Lied sachte die Schultern und schüttelt den Kopf, als wollte sie sagen: „besser kann ich es nun einmal nicht“, dabei ist hier jeder ganz sicher, dass sie eine der weltbesten Sängerinnen ist. Schüchtern wirkt sie, kleiner und schmaler denn je, vorsichtig tritt sie ins Rampenlicht, als wäre sie vielleicht gar nicht willkommen, dabei gibt es wohl wenig Künstlerinnen, denen so viel Liebe entgegengebracht wird. Alte Liebe, in Jahrzehnten gereift, in Sekunden neu entfacht, einfach durch den ersten Ton eines großen Liedes. Sie singt Stücke von Brecht und Leonard Cohen, von den Beatles, aus Musicals und hebräische Lieder. Den bittersten aller vorstellbaren Surabaya-Johnnys, das hoffnungsvollste „Somewhere over the rainbow“, das verständnisinnigste „Wednesday morning at five o’clock“. In den Zugaben auch das unverwüstliche „It’s the morning of my life“ und ganz zum Schluß Heine/Mendelssohn „Leise zieht durch mein Gemüt“ – und man möchte jeden Ton festhalten, damit es bloß nicht aufhört. Dann winkt sie im Gehen über die Schulter und ist weg. Die Menschen strömen hastig zu den Ausgängen, schnell in die Bahn, schnell nach Hause, die alten Platten auflegen. In Stimmen kann man zuhause sein.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie die Chance haben, eines ihrer wenigen Konzerte zu besuchen – gehen Sie bloß hin.

 

15
Jan

Die Geschichte vom Mantelmännchen gibt es nicht

by Maximilian Buddenbohm in

Das Travemündebuch „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ ist längst erschienen, die Jugend ist damit sozusagen durcherzählt und literarisch abgefertigt. Die Geschichten in dem Buch ergeben zusammen Sinn, sie bilden einen Bogen, der sich beim Lesen für mich gut und richtig anfühlt. Ja, so war es, so ging das damals, so hat es sich angefühlt. Es gibt natürlich eine Handvoll Szenen, die nicht in dem Buch vorkommen, weil sie zwar in meiner Erinnerung noch bestens präsent waren, sich aber nicht recht in einen Kontext fügen lassen wollten. Das macht auch nichts, ein wenig Schwund ist immer, wie die Handwerker sagen. Und Schreiben ist auch nur ein Handwerk. Das Kürzen von fertigen Texten gehört überhaupt zu den besten Momenten beim Schreiben. Man wirft etwas weg und der Rest wird dadurch besser, das ist jedes Mal wieder eine Erfahrung, die begeistert. Vollständige Geschichten fehlen in dem Buch dennoch nicht, der Platz hat für alle gereicht, es kam mit der Seitenvorgabe des Verlages genau hin. Es fehlt keine einzige wichtige Figur, keine wirklich wichtige Szene.
Es gab allerdings von Anfang an eine Geschichte in meinem Kopf, von der ich wusste, dass ich sie nicht erzählen konnte, denn die Geschichte hätte nur die richtige Wirkung gehabt, wenn sie mit einem Bild geendet hätte. Einem Bild von Sarah, der weiblichen Hauptfigur, dem angebeteten Mädchen, und mir. Übrigens das einzige Bild, dass ich überhaupt von ihr habe. Bilder waren in dem Buch allerdings nicht vorgesehen und ich hätte es auch bedenklich gefunden, ein Bild von Sarah zu veröffentlichen, ohne sie vorher gefragt zu haben. Das verbot sich also von selbst, obwohl ich es immer schade fand. Es ist dann doch etwas anderes, eine Geschichte über eine Person auszumalen, selbst wenn man alles gut trifft und sich gar keine oder wenig Mühe gibt, die wahre Figur zu tarnen, als ein echtes Foto abzubilden. Ich hätte es schön gefunden, das Buch mit dem Bild enden zu lassen, aber das war einfach nicht denkbar. Deswegen fehlt die Geschichte vom Mantelmännchen in dem Buch. Es ist auch keine Geschichte, die der Handlung eine entscheidende Wendung gegeben hätte, es wäre einfach nur noch eine Geschichte von Kinderliebe und Meer gewesen, mit einer weiteren seltsamen Figur in einem Buch, in dem schon etliche seltsame Figuren vorkamen. Wahrscheinlich hätte mir die Geschichte viel Spaß gemacht, aber unentbehrlich war sie auch nicht.

Nun hat vor kurzer Zeit jemand Sarah das Buch geschickt. Sie hat es gelesen und Gott sei Dank gut gefunden. Sie hat mich angeschrieben und wir haben ein paar Mails getauscht. Ich weiß jetzt, wie sie heute aussieht, ich weiß, dass aus ihr eine schöne Frau geworden ist. Ich weiß, wie sie heute heißt, in welche Stadt es sie verschlagen hat, dass sie zwei Söhne hat. Wir werden uns sicher bald wiedersehen. Ich könnte die Geschichte jetzt tatsächlich schreiben, ich könnte das Bild veröffentlichen, sie hat gar nichts dagegen, im Gegenteil. Allerdings bin ich aus dem Thema Travemünde natürlich vollkommen raus. Ich habe mittlerweile längst ein anderes Buch geschrieben, es erscheint in Kürze. Ein Buch über die zehn Jahre nach meiner Jugend an der Ostsee. Jahre, in denen das Meer keine Rolle mehr spielte, und Sarah auch nicht. Ich habe mich in eine Großstadt hinein und wieder hinausgeschrieben, ich habe im Leben und in Geschichten andere Frauen geliebt, Berufe erlernt und viele Menschen kennengelernt, die Travemünde nicht einmal kannten. Ein weiteres Buch von mir ist noch neu erschienen, das „Rosinenbrötchen“, da war ich beim Schreiben schon fast in der Gegenwart. Die Jugend ist darüber noch etwas weiter weggerückt in Richtung damals, irgendwann, in grauer Vorzeit. Andere Inhalte wurden in das Filmstudio der Erinnerung geladen, neu koloriert und nachgedreht. Travemünde ist irgendwo da draußen. Aber das Bild von Sarah und mir, es steht immer noch neben meinem Schreibtisch, da wo es die ganze Zeit stand, als ich „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ geschrieben habe. Wenn ich beim Tippen zwischendurch einmal hochsehe, dann fällt mein Blick immer wieder darauf und ich denke hin und wieder an die Geschichte vom Mantelmännchen, die mit dem Bild zusammenhängt und manchmal überlege ich, wie ich sie geschrieben hätte, wenn die Umstände sich früher günstig gefügt hätten. Die Geschichte hätte ganz vorne in das Buch eingefügt werden müssen, gleich hinter „Ein Herrengedeck für Canaris“ vermutlich, da hätte sie gepasst.

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14
Jan

Die Entschleunigung der Menschheit

by Maximilian Buddenbohm in

Die von der EU erzwungene Einführung der Energiesparlampen wird Folgen haben, auf die bisher nur wenige gekommen sind. Abgesehen von ein paar Menschen, die mir ähnlich sind, die also auch unter den Sammelbegriff Hektiker fallen. Wir selbst nennen uns natürlich lieber Dynamiker, Macher oder Effizienzsuperhelden, aber wir können auch mit der beleidigenden Bezeichnung Hektiker leben, da stehen wir in der Tat drüber. Wir haben nämlich gar keine Zeit, uns über so etwas aufzuregen, es gibt einfach überall und immer zu viel zu tun. Noch. Bald wird es nämlich gar nichts mehr für uns zu tun geben. Wir werden leider in Kürze aussterben und die weitere Evolution des Menschen den langsamen Typen mit der gedrosselten Reaktionszeit überlassen. Also Euch, der Mehrheit. Und das liegt an der Vorheizphase.

Das wird bekannt sein: wenn man so eine Energiesparlampe anmacht, dann dauert es einen Moment bis sie geruht, endlich Licht abzugeben. Ein paar Sekunden. Das sind leider ein paar Sekunden zu viel für uns Hektiker. Denn bis die Lampe Licht gibt, sind wir schon gegen Schränke gerannt, Treppen heruntergefallen, über Kartons gestolpert oder auf Bobbycars ausgerutscht. Der normale Mensch steht noch schafbrav am Schalter und wartet auf die Erleuchtung, wir dagegen haben uns bereits Knochen und Köpfe demoliert und können im kalten Licht des Energiesparens, wenn es denn endlich irgendwann hell genug geworden ist, unsere Wunden zählen. Die meisten Unfälle passierten immer schon im Haushalt, bei uns Hektikern wird die Quote jetzt unfassbar ansteigen. Vor einigen Tagen wurde bei uns im Treppenhaus die Beleuchtung modernisiert. Wenn ich auf den Schalter drücke, geht das Licht jetzt erst an, wenn ich schon zwei Stockwerke tiefer gerannt bin. Bis dahin ist Blindflug, und das kann man wörtlich nehmen, wenn z.B. etwas im Weg steht.

Macht es Euch schon einmal gemütlich,  Ihr lieben langsamen Mitbürger – Ihr seid die schnelle Truppe bald endgültig los.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

 

14
Jan

Dienstreise II

by Maximilian Buddenbohm in

Ich: „Nächste Woche fliege ich nach München. Soll ich Dir etwas mitbringen? Etwas Typisches aus Bayern vielleicht?“

Sohn I: „Kommen iPads aus Bayern?“

 

11
Jan

Dienstreise

by Maximilian Buddenbohm in

Sohn I: “Papa, warst Du in Frankreich?”

Ich: “Nein, ich war in Frankfurt.”

Sohn I: “Wer soll denn das unterscheiden können?”

9
Jan

Nebenwirkungen

by Maximilian Buddenbohm in

Seltsame Begleiterscheinung nach ein paar Tagen mit drastisch reduziertem Fleisch- und auch Zuckerkonsum: mir schmeckt plötzlich kein Bier mehr.  Gleich mal an der Alster versuchen, ob ich auch schon über Wasser gehen kann!

 

9
Jan

Last order

by Maximilian Buddenbohm in

Da die Suchanfragen nach “Wochenhoroskop – Merlix” bzw. “Horoskop – Buddenbohm” etc. einfach nicht aufhören oder im Moment sogar wieder mehr werden, noch ein paar Worte zu der kleinen Reihe, die es auf DerWesten nun endgültig nicht mehr gibt. Anscheinend gibt es weiterhin ein sehr reges Interesse an dem Format, was mich natürlich freut. Ich habe jedoch im Moment überhaupt keine Zeit, mich um einen neuen Kunden zu kümmern, also um eine Zeitungsseite, einen Sponsor, um was auch immer, da kann man sich ja verschiedene Lösungen vorstellen. Wahrscheinlich würde sich etwas finden lassen, nehme ich an, aber ich kann mich da einfach nicht stundenlang dransetzen. Vielleicht hilft da ja dieses praktische Blogdings hier weiter?

Sollte sich also jemand aus dem Publikum hier angesprochen fühlen und denken, dass das einzig wahre Wochenhoroskop zu ihm oder zu seiner Firma, seiner Seite, seiner Redaktion passen würde, schreiben Sie mich gerne an und machen Sie mir einen Vorschlag.  Ich arbeite allerdings nicht umsonst, und auch nicht nur für ein symbolisches Taschengeld, immerhin muss ich jetzt sehr viel Gemüse kaufen, um die Familie zu ernähren. Ich arbeite ebenfalls nicht für Naturalien, Ruhm oder Ehre und natürlich auch nicht für Jungfrauen oder Fische, haha, kleiner Scherz.  Bei Verwendung des Wortes Honorar reagiere ich aber meist sehr aufgeschlossen und zutraulich auf alle möglichen Vorschläge.

Die Mailadresse finden Sie bei Bedarf im Impressum.
Und nun weiter im normalen Programm, vielen Dank für Ihr Interesse.

 

7
Jan

Taktisches Essen

by Maximilian Buddenbohm in

In den meisten vegetarischen Kochbüchern und Rezeptsammlungen, erst recht in den veganen, findet man seitenlange Hinweise und Regelsammlungen, die einem verdeutlichen sollen, wie man mit der Auswahl der Zutaten zu bestmöglichen Ergebnis nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die Gesundheit kommt. Kombinationsmodelle von Nährstoffgruppen, die an Lehrtafeln zur Mengenlehre erinnern, Auflistungen von  Vitaminen und Spurenelementen, die an das Biobuch aus der Oberstufe damals erinnern. Nach einmaliger Lektüre hat man von all den Hinweisen nichts behalten, täglich nachlesen kommt natürlich nicht in Frage, die Theorie bleibt also erst einmal Theorie.  Aber wenn man dann selber loskocht, dann kommt man doch sehr schnell darauf, wie man mit der geschickten Auswahl von Zutaten wirklich unglaubliche Ergebnisse erreicht.

Ich habe zum Beispiel gestern Rosenkohl mit Knoblauch im Ofen gemacht, eine Idee, auf die ich noch nie vorher gekommen war. Sohn I hat bei Erwähnung der Zutaten sofort beschlossen, sich bei den benachbarten Eltern nach dem dortigen Speiseplan für den Abend zu erkundigen und die Wohnung fluchtartig zu verlassen, Sohn II folgte ihm kopfschüttelnd. Die Herzdame verkündete, den Kindern dringend nachgehen zu müssen, während der Knoblauchduft aus dem Ofen schon balkanmässig schwer durch die ganze Wohnung waberte. So hatte ich ein hervorragendes Abendessen, eine vollkommen ungewohnt ruhige Wohnung und ganz unerwartet entspannte Zeit, um mich stundenlang in die Arbeit zu vertiefen. Kein Kind zog an mir, keine Herzdame wollte etwas besprechen. Keine nervtötende Kindermusik mit debilen Refrains plärrte aus der Anlage, keine ferngesteuerten Autos fuhren gegen meinen Schreibtisch.  Die Familie kam erst spät zurück, nachdem man allgemein annahm, der Duft müsse wieder verflogen sein.

Es ist wirklich wahr, was in den Büchern steht! Wenn man nur alles richtig kombiniert, hat man von der vegetarischen Ernährung lauter Vorteile, mit denen man vorher gar nicht gerechnet hat. Ich bin begeistert.

(Rezept hier)

 

6
Jan

So

by Maximilian Buddenbohm in

So, ich bin vorbereitet. Obwohl man ja als nahezu immer online lebender Mensch eigentlich gar keine Kochbücher mehr braucht. Zum einen sind Apps viel praktischer, zum anderen reicht es auch vollkommen aus, wenn man auf Twitter, Facebook, Google Plus oder wo auch immer leise etwas wie „Okra, nanu?“  oder „was ist das denn“ murmelt und ein Handyfoto dazu hochlädt – schon kommen rudelweise Foodblogger herangeschossen, deren Existenz man vorher gar nicht wahrgenommen hat, und überhäufen einen mit Texten zur Warenkunde, Rezepttipps, Fotos von zufällig bei ihnen gerade zubereiteten Gerichten mit dem Zeug und kampflustig vorgetragenen Grundsatzaussagen zum  jeweiligen Kraut à la „Stängelkohl gehört auf den Kompost, nicht auf den Tisch!“ Und während man sich als tendenziell ratloser und überforderter Nichtprofikoch noch amüsiert durch die Rezepte klickt, welche die Foodblogger als pappeinfach bezeichnet haben, obwohl man cirka 20 Zutaten dafür braucht, für die man in vier Läden gehen müsste, um dann daran zu scheitern, dass man gar keinen Schnellkochtopf hat, oder keinen Bunsenbrenner oder was auch immer, wo war ich, ach ja, währenddessen fangen die Foodblogger an, sich im gewählten Medium über korrekte Zubereitungsmethoden zu befehden, dass die Fetzen fliegen. Es sind seltsame, aber liebenswerte Menschen, die Foodblogger.  Sie erinnern ein wenig an Fische in Aquarien, die werden auch immer so aufgeregt, wenn man mit Futter kommt.

Und ich geh jetzt erst einmal lesen. Meinetwegen müssten dieses Jahr keine neuen Kochbücher mehr erscheinen, glaube ich.

 

4
Jan

Neues Thema, neue Nachrichten

by Maximilian Buddenbohm in

Was macht man als online-affiner Mensch, wenn man seine Nahrung umstellt, man kauft sich natürlich nicht nur ein paar neue Kochbücher, nein, man kauft auch entsprechende Apps mit Rezepten, man abonniert die Feeds von spezialisierten Foodblogs und bookmarkt ein paar bisher unbekannte Seiten mit Bezug zum neuen Thema. Und dann stellt man noch Google-News so um, dass es eine eigene Rubrik mit Meldungen zur vegetarischen Ernährung auswirft, das ist ja kinderleicht und in wenigen Klicks fertig. Wenn ich mich mit einem neuen Thema beschäftige, dann will ich auch möglichst viel dazu wissen, und das kann man heutzutage sehr effizient gestalten. Wenn es jetzt Schlagzeilen zum Thema „Vegetarische Ernährung“ gibt, dann bekomme ich sie garantiert auch mit. Es ist immerhin beruhigend und schön, wenn man im brandaktuellen Newsstream in seinen Vorhaben bestätigt wird und hier und da noch einmal lesen kann, wie wahnsinnig gesund es ist, auf möglichst viel Fleisch zu verzichten, wie hilfreich das bei Arthrose oder anderen Gebrechen ist oder weiß der Kuckuck, was da noch alles an erfreulichen Randbedingungen stehen kann. Fitness! Gewichtsreduktion! 20 Jahre jünger! Das will ich alles, alles wissen, versteht sich.

Das dachte ich mir heute Morgen jedenfalls so, als ich am Computer saß und mir das neue Thema überall einbaute. Und nach dem finalen Refresh sah ich gespannt auf die Google-News-Seite mit der frischen Rubrik „Vegetarisch“. Und dann las ich interessiert die allererste Meldung, die mir auf diese Art präsentiert wurde. Eine Nachricht mit der schönen Schlagzeile: „Blowjob: Vegetarier bevorzugt.“ Eine Meldung, in der es darum ging, dass Vegetarier beiderlei Geschlechts angeblich deutlich mehr Gefallen an oralem Sex finden als Fleischesser, so lautete jedenfalls das Ergebnis der Onlineumfrage einer Partnervermittlung.

Und ich dachte, während ich genüsslich in die Banane biss, die mir jetzt morgens regelmäßig mein gewohntes Wurstbrot ersetzt, dass es doch wirklich unerfindlich ist, was für ein Unsinn den Weg in die Nachrichten findet. Wirklich seltsam.

1
Jan

Darf es noch etwas anderes sein?

by Maximilian Buddenbohm in

„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen!“ Die Bäckereifachverkäuferin begrüßt mich in jauchzend glücklicher Stimmlage. „Schön, dass Sie so früh schon zu uns gefunden haben!“ Sie legt den Kopf schief und versucht, meinen Blick einzufangen. Sie strahlt mich lieblich an und nickt auffordernd. „Na, was darf es denn sein?“ Sie beugt sich etwas vor, ihre rechte Hand weist wedelnd auf die übervoll mit Brötchen gefüllten Regale hinter ihr, während die andere Hand unauffällig in Hüfthöhe den brötchenbelegenden Verkäuferinnen neben ihr Zeichen gibt, damit sie mich auch alle einmal anstrahlen.

Die Bäckerei ist neu im Stadtteil, sie hat erst vor ein paar Tagen aufgemacht. In unserem heiteren kleinen Bahnhofsviertel gibt es grob geschätzt in jedem zweiten Haus einen Bäcker, aber ab und zu finden doch noch neue Ketten eine Lücke für eine ihrer Filialen. Ich bin ein großer Freund von Bäckereien, also teste ich selbstverständlich jeden neuen Laden, auch wenn es die gefühlte Nummer zwanzig in allernächster Nähe ist. Dieser Bäcker hier hat tatsächlich die wahrscheinlich besten Brötchen weit und breit, ich würde sie wirklich künftig gerne jeden Morgen kaufen, allerdings wird mir das sehr, sehr schwer fallen. Denn die Verkäuferinnen haben, das merkt man innerhalb von Sekunden nach Betreten des Geschäftes, ein intensives Verkaufstraining hinter sich. Sie haben alle dieses Talmigrinsen und die einstudierte Privatradiomoderatorentonlage, so ein gewisses heiterkeitsdurchsonntes Kieksen in der Stimme, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen wie auch bei anderen Zeichen höchster Gefahr.

Ich muss das für die Leser aus dem süddeutschen Raum vielleicht näher erklären. Ich bin norddeutsch. Norddeutsche kommen, etwas vereinfacht ausgedrückt, in zwei Erscheinungsformen vor. Die einen sind die putzigen Friesen, bekannt aus Film und Fernsehen, die sind verschlossen, knurrig und maulfaul, bei näherem Kennenlernen aber sehr herzlich. Alle anderen Norddeutschen sind genau wie Friesen, nur sind sie auch bei näherem Kennenlernen nicht sehr herzlich. Ich komme aus Lübeck, das ist von Friesland ziemlich weit weg, jedenfalls kulturell betrachtet. Als ich Kind war, waren Verkäuferinnen noch vollkommen authentisch. Kein Mensch wäre damals auf den Gedanken gekommen, ihnen beizubringen, wie sie ein Verkaufsgespräch zu führen hatten. Aus meiner Jugend war ich es gewohnt, dass Einkaufen in etwa so ablief: Man betrat ein Geschäft und sah sich etwas um. Die Verkäuferin stand mit unergründlicher Miene  vor ihrer Ware und schwieg.  An Tagen mit exaltiert guter Laune murmelte man „Moin“, und wenn die Verkäuferin sehr, sehr gut drauf war, dann erwiderte sie sogar den Gruß.  Man sah sich weiter schweigend die Ware an. Die Verkäuferin sah sich schweigend den Kunden an. Wenn das zu lange dauerte, fragte die Verkäuferin irgendwann ohne weitere Höflichkeitsfloskeln, aber mit steiler Falte auf der Stirn: „JA WAS JETZT!“  Das war das Einkaufen in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Lübeck. So gehörte das und niemand fand das komisch.

Heute wird Verkäuferinnen genau beigebracht, welche Phrasen im Verkaufsgespräch zu benutzen sind. Es wird ihnen beigebracht, jeden Kunden zu fragen, ob er nicht vielleicht mehr möchte, noch etwas anderes, noch einen Kaffee dazu, noch ein Schokobrötchen vielleicht? Etwas Süßes für den Tag, hm? Nervennahrung, haha? Dem Kunden auch einmal vertraulich zuzwinkern! Nähe schaffen! Und hat er denn schon eine Kundenkarte oder möchte er nicht vielleicht eine haben? Es wird ihnen beigebracht, den Blick des Kunden einzufangen, sie verrenken sich den Hals dabei und flattern unruhig hinter der Verkaufstheke hin und her, wenn man wider Erwarten nicht mitspielt. Sie haben gelernt, jedem Kunden zum Abschied einen besonders schönen Tag zu wünschen und sie geben sich redlich Mühe, es so klingen zu lassen, als wäre er, nur er, ganz persönlich gemeint.  Der Freund des Hauses, ihr Lieblingskunde! Es ist furchtbar. Als würde ein abgerichteter Pudel vor einem herumtänzeln,  Kunststückchen aufführen und dann hinterher fiepend auf ein Wurststückchen warten. Nur warten die Bäckereifachverkäuferinnen nicht auf ein Wurststückchen, sondern auf eine Zusatzbestellung. Denn dann haben sie gewonnen, man sieht es an ihrem aufleuchtenden Strahlen, wenn man tatsächlich noch ein weiteres Brötchen bestellt, weil es heute im Angebot ist, nur heute, und natürlich nur für mich. Dann haben ihre Trainer recht gehabt, dann war alles richtig, dann macht der Arbeitgeber, der vielleicht, wer weiß,  als Kaffeegast getarnt hinten im Raum sitzt, zufrieden grinsend einen Pluspunkt in die Akte. „Möchten Sie noch ein Schokobrötchen? Das sind unsere leckeren Quarkbrötchen mit vielen Schokostückchen. Die sind heute im Angebot! Darf ich Ihnen eines mit einpacken?“ Ich bin ein höflicher Mensch, ich habe mich normalerweise halbwegs im Griff.  Aber die Versuchung, den nächsten gezirpten Verkaufssatz mit „Schnauze, Frollein“ zu beantworten, wird in solchen Augenblicken fast übermenschlich groß.

Vor vier Jahren gab es so ein Verkaufstraining beim Personal meiner Bank. Es hingen damals sogar Plakate in der Filiale, in denen angekündigt wurde, dass bald alles viel freundlicher werden würde. Als ich irgendwann Bargeld einzahlen ging, fragte mich der Mann an der Kasse ekstatisch grinsend, ob er mir nicht vielleicht auch einen Termin mit einem Berater machen solle, da wäre gerade einer frei, nein? Mal kurz über die Rente reden, hm? Und er erhob sich halb, als hätte ich bereits ja gesagt, und er bemühte sich sehr, meinen Blick dabei nicht zu verlieren. In dem Drogeriemarkt um die Ecke, in dem die Kassiererinnen jeden Kunden unerbittlich wieder und wieder nach der verdammten Kundenkarte fragen müssen, gibt es Kunden, die ruhig in der Kassenschlange stehen und dann, wenn sie endlich dran sind, unversehens tourettemässig laut „Nein!“ brüllen, sobald die Kassiererin sie nur ansieht, noch bevor sie überhaupt etwas sagen kann.  „Und sie wollen auch keine haben?“ fragen die Kassiererinnen dann vollkommen unbeeindruckt.

Ich habe die Bank jetzt seit vier Jahren nicht mehr betreten. Ich lasse die Herzdame Drogerieartikel kaufen. Und morgens reicht ja vielleicht auch ein Toastbrot.