Dezember, 2011 Archives

31
Dez

The same procedure

by Maximilian Buddenbohm in

Merlix: Silvester

In nun schon alter Tradition erscheint hier auch zu diesem Silvester wieder dieses bemerkenswerte Bilddokument, das an einen Abend besonderer norddeutscher Ausgelassenheit erinnert. Deutlich erkennt man die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick. Denn man muss gerade die süddeutschen und rheinländischen Leser gelegentlich daran erinnern: wir hier oben, wir sind gar nicht so. Wir können auch anders.

Wir wünschen  einen guten Rutsch und ein wundervolles 2012! Bis nächstes Jahr.

 

26
Dez

Der Social-Networks-Posting-Planer für das ganze Jahr

by Maximilian Buddenbohm in

Ohmeingott. Ein neues Jahr ist im Anmarsch. Das bedeutet: schon wieder 365 Tage lang die ganzen sozialen Netzwerke füttern müssen. 365 Tage bloggen, twittern, facebooken, flickrn, googleplussen, formspringen, quote-fmen, foursquaren und was dergleichen mehr ist – was soll man da bloß immer überall reinschreiben? Isa und ich haben da etwas für Euch vorbereitet. Wer irgendwann ratlos vor der Tastatur sitzt – ein Blick in diesen Posting-Planer reicht, und es läuft wieder.

Bitte, gern geschehen, gar kein Problem.

Der Social-Networks-Posting-Planer für das ganze Jahr

Januar:
Ausführliches Jammern über den Kater.
Ältere: Darauf hinweisen, was man früher alles vertragen hat. Das waren noch Zeiten!
Gute Vorsätze posten. Dafür gern Coelho-Tonfall benutzen. (“Meiner Seele ihre Flügel zurückgeben”, so die Richtung.)
Witze über gute Vorsätze machen.
Im Fitnessstudio die Leute doof finden, die man vor Januar nie dort gesehen hat.
Winterspeck und Weihnachtsfigur noch einmal ausgiebig thematisieren.
“Wenigstens wird’s schon wieder heller, haha.”
Klagen über die finanzielle Ebbe (Weihnachtsgeschenke, die ganzen jährlichen Abbuchungen).
Noch in der ersten Woche irgendwas mit “Das fängt ja gut an”.
Beschwerden über Heilige Drei Könige als Feiertag in BaWü, Bayern und Sachsen-Anhalt.
Sternsinger doof finden und nichts geben wollen oder aber gut finden und was geben, in diesem Fall dann natürlich doof finden, dass andere nichts geben.
Erzählen, wie man früher selbst gesternsingert hat. Das waren noch Zeiten!
Nichteltern: Fotos von ironisch gemeinten Schneemännern. Ordentlich mit Instagram verfremden! Lustige Filter anwenden! Volles Rohr!
Eltern: Fotos von Kindern mit Schneemännern.
Katzenhalter: Fotos von der Katze im Schnee.
Gemüsekistenabonnenten: Pastinaken doof finden. Über Schwarzen Rettich staunen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Februar:
Witze über den vollkommen nutzlosen Winzmonat.
2012 ganz wichtig: Schaltjahr! Witze über Menschen, die an Schalttagen geboren werden, die Schaltjahre nicht verstehen, die Schaltjahre übersehen. Überhaupt Witze darüber, was man mit dem zusätzlichen Tag alles anfangen kann. Viele!
Karneval doof finden. Sehr wichtig, geht den ganzen Monat! Sehr oft posten!
Valentinstag doof finden. Witze über Schlangen von Männern vor Blumenläden. Über Abzocke der Floristeninnung schimpfen, die ganze Sache als amerikanische Unsitte bezeichnen.
Männer: Fotos von den Blumen posten, die man dennoch gekauft hat.
Frauen: In jedem Fall über das Verhalten der Männer am Valentinstag amüsieren.
Eltern: Karnevalskostümbasteln doof finden. Trotzdem natürlich Ergebnis posten.
Gemüsekistenabonnenten: Nach neuen Kohlrezepten fragen.
Katzenhalter: Fotos von der Katze auf der Heizung.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

März:
1. März: Fragen, wann denn dieser Schalttag jetzt ist. Irre komisch!
Bei Temperaturen unter 20 Grad das Ausbleiben des Frühlings bemängeln.
Heroische Beschlüsse zum Fasten verkünden. Berichten, wie gut das in den letzten Jahren getan hat. Fortgeschrittene Humoristen verzichten jetzt auf irgendwas vollkommen Sinnloses und posten das stolz. Sieben Wochen ohne Kapern! Sieben Wochen ohne Xing! Wahlweise: Fasten doof finden.
Klagen über Zeitumstellung und Schlafmangel. Mehrmals! Behaupten, die Stunde würde einem bis zum Herbst durchgehend fehlen.
Den Deppen da draußen die Zeitumstellung erklären. Merksätze posten! Nichtversteher veralbern! Dann zur falschen Zeit “Morgen” posten.
Allergiker: Pflanzen doof finden. Sehr viel über Heuschnupfen. Symptome detailliert darstellen.
Ältere: Heitere Berichte mit Cebit-Erlebnissen von damals. Das waren noch Zeiten!
Katzenhalter: Fotos von der Katze auf der Heizung.
Literaten: Leipziger Buchmesse. Alle anderen: Nachfragen, was das schon wieder ist und ob das nicht sonst immer in Frankfurt war.
Gemüsekistenabonnenten: Wurzelgemüse nicht mehr sehen können (gilt auch ganzjährig).
Eltern: Warten, dass es endlich warm wird und man den Kindern nicht mehr so viel anziehen muss.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

April:
Total lustige Aprilscherze (“Ich hör übrigens auf zu bloggen”).
Die Aprilscherze anderer doof finden.
Blasphemische Witze zu Ostern. Wahlweise erklären, warum blasphemische Witze nicht lustig sind.
Beschwerden über die Staus zu Ostern, am besten gleich direkt aus dem Stau heraus senden.
Diesen einen Bilderwitz mit den Schoko-Osterhasen posten.
Erste Erdbeeren melden.
Jammern über Erkältungen kurz vor dem Frühling. Symptome gründlich erläutern!
Familiäre Spargelrezepte fundamentalistisch verteidigen.
Aprilwetter doof finden.
Bei schönem Wetter: Frühling lässt sein blaues Band etc.
Katzenhalter: Bilder von Katzen im Osternest.
Eltern: Ostereierfärben doof finden. Irgendwas über nicht gefundene Ostereier und die Eier vom letzten Jahr.
Ältere: Erzählen, wie das früher auf den Ostermärschen war. Parolen wie “Petting statt Pershing” aus der Mottenkiste holen. Das waren noch Zeiten!
Gemüsekistenabonnenten: Anprangern, dass kein Spargel in der Gemüsekiste ist.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Mai:
Witze darüber, dass man am Tag der Arbeit nicht arbeitet.
Freiberufler: Witze darüber, dass man am Tag der Arbeit arbeitet.
Anprangern, dass die Erdbeeren noch nicht schmecken.
Anprangern, dass es immer noch nicht warm genug ist. Fragen, ob das etwa diese globale Erwärmung sein soll, die man uns seit Jahren verspricht.
Alle paar Stunden zusammenhanglos “Erdbeeren!” posten
Auf den Eurovision Song Contest freuen. Vorbereitungspostings. Live mitbloggen / -twittern. Wahlweise: Song Contest doof finden.
Irgendwas über Muttertag/Vatertag.
Irgendwas mit Wonnemonat.
Ältere: Behaupten, früher wären die Erdbeeren besser gewesen. Das waren noch Zeiten!
Gemüsekistenabonnenten: Erfahrungsaustausch zu Mairübchen suchen
Katzenhalter: Fotos von Katzen auf dem Rücken im Gras.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Juni:
Viel zu frühes Ende der Spargelzeit anprangern.
Spargelsilvester erklären.
Witze über Fronleichnam (Happy Kadaver, haha! Brüller!)
YouTube-Video “Wann wirds mal wieder richtig Sommer” posten.
2012: Fußball-EM. Entweder hysterische Fan-Postings, oder ununterbrochen darauf hinweisen, wie egal einem die EM ist.
Hamburger: Harley-Days doof finden. Brandneue Witze über ältere Zahnarztfrauen in Leder.
Gemüsekistenabonennten: Jetzt die Ehre des unterschätzten Mangolds retten.
Ältere: Jüngeren den 17. Juni erklären. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Mit Kindern draußen spielen müssen, dabei andere Spielplatzeltern unerträglich doof finden.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez

Juli:
Jammern über Hitze/Kälte/Regen/Vogellärm.
Anderen den Urlaub neiden oder selbst von Mallorca aus Postkartenmotive posten.
Sehr viel über das Grillen. Witze über Vegetarier. Angeben mit den Fleischmengen, die man vertilgt hat. Blähungen verschweigen.
Jammern über die Sommergrippe. Symptome ausführlich erläutern!
Tour de France-Fan-Postings. Wahlweise Tour de France doof finden / Fans doof finden. Dopingwitze! Viele!
Fragen, ab wann eigentlich Sommerreifen drauf müssen.
Katzenhalter: Bild von dem toten Rotkehlchen, das die Katze angeschleppt hat. Dann Grundsatzdiskussion mit Vogelschützern.
Sommer doof finden.
Alsterwasser/Radler doof finden.
Beschwerden über zu wenig bekleidete Menschen in Großstädten (“Parmesanhacke”)
Gemüsekistenabonennten: Irgendwas mit Bohnen. Zum Beispiel in die Ohren, haha.
Ältere: Sommer von damals lindgrenmäßig verzerrt beschreiben. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Klagen über das viele Gepäck, das man auf Reisen für Kinder verstauen und tragen muss.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

August:
Jammern über den drohenden Herbst und die Sommerhitze.
Wespen doof finden.
Ausflüge aufs Land machen. Landbevölkerung unerträglich doof finden.
Mehrmals immer gleich über das Meer, das Schwimmen und das Eisessen schreiben.
Ältere: Darauf hinweisen, dass man früher als Kind gar nicht eingecremt wurde. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Irgendwas mit Muscheln basteln, fotografieren und posten.
Eltern: Ende der Sommerferien herbeisehnen.
Autofahrer: Hass auf Mähdrescher thematisieren.
Nicht vergessen, den ersten Pflaumenkuchen zu erwähnen. Familiäre Pflaumenkuchenrezepte fundamentlistisch verteidigen.
Gemüsekistenabonennten: Obstorgien.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

September:
Beschwerden über Lebkuchen in den Supermärkten. Behaupten, das käme auch immer früher.
Angeben mit komplett gekauften Weihnachtsgeschenken.
Angeben mit komplett geplanter Silvesterfeier.
Fotos von buntem Laub. Mehrmals! Alle Instagram-Register!
Eltern: Bilder von Kindern im Herbstlaub.
Katzenhalter: Bilder von der Katze im Herbstlaub.
Jammern über die erste Erkältung.
Oktoberfest doof finden. Auch doof finden, dass es im September stattfindet.
Rilkegedicht posten: Herr, es ist Zeit. etc.  Vollzitat!
Erzählen, wie man den 11.9. erlebt hat.
Eltern: Irgendwas über verbastelte Kastanien.
Männer: Sich freuen, dass Frauen wieder Röcke mit Stiefeln tragen.
Ältere:  Darauf hinweisen, dass man früher die Heizungen erst im November oder bei 10
Zentimetern Schnee angemacht hat. Das waren noch Zeiten!
Frauen: Beschwerden über an Erkältung sterbende Männer.
Gemüsekistenabonnenten: Kürbisrezepte.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Oktober:
Kinder, die an Halloween um Süßes bitten, doof finden.
Halloween überhaupt doof finden.
Witze über sich selbst, weil man nix eingekauft hat und im Dunkeln sitzt und stillhält, wenn Kinder vor der Tür stehen.
Den 3. Oktober lauthals ignorieren. Wahlweise erzählen, wie man selbst den Mauerfall erlebt hat.  Das waren noch Zeiten!
Zeitumstellung doof finden.
Laubpuster doof finden.
Laternenumzüge doof finden.
Literaten: Frankfurter Buchmesse. Deutscher Buchpreis. Literatur-Nobelpreis (“Nie gehört, den Namen!”.
Gemüsekistenabonnenten: Nach Steckrübenrezepten fragen. Über Quitten staunen.
Eltern: Laternenbasteln doof finden. Irgendwas über Pseudo-Krupp.
Katzenhalter: Bilder von Katzen auf Heizungen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

November:
Frühe Dunkelheit doof finden.
Weihnachtsgeschenkesuche doof finden.
Über Leute lustig machen, die jetzt schon Weihnachtsgeschenke kaufen. Sie insgeheim beneiden.
Weihnachten schon mal doof finden.
Nebel doof finden.
Novemberdepression doof finden.
11.11.: Karneval doof finden
Irgendwas mit Abgrillen.
Gemüsekistenabonnenten: Fragen, was eigentlich Topinambur ist. Irgendwas über Rosenkohl/Grünkohl/Rotkohl/Weißkohl/Stängelkohl/Wirsingkohl/Chinakohl.
Eltern: Strohsternebasteln besonders doof finden.
Katzenhalter: Endlich wieder Bilder von Katzen auf Heizungen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Dezember:
Ökotestergebnisse zu Pestiziden in Mandarinen abschreiben.
Weihnachtsmärkte doof finden.
Weihnachtsessen doof finden, trotzdem das komplette Menü posten.
Foto vom Adventskranz / sonstiger Weihnachtsdeko verbreiten. Instagram jetzt endlich ganz ausreizen!
Firmenweihnachtsfeiern doof finden.
Freiberufler: doof finden, dass man keine Weihnachtsfeiern hat.
Eltern: Irgendwas Sarkastisches über abgefertigte Kinder.
Nicht-Eltern: Irgendwas Sarkastisches über abgefertigte eigene Eltern.
Fragen, wann man eigentlich Winterreifen draufmacht.
Bemerkungen über weiße Weihnacht / keine weiße Weihnacht.
Jahresrückblickfragebogen ausfüllen, “same procedure” drüberschreiben und auf die Jahresrückblickfragebögen der letzten X Jahre verlinken.
Sofort posten, wenn man zum ersten mal gewhamt wurde.
Dinner for one-Witze machen.
Nase rümpfen über Menschen, die Silvester mit Y schreiben.
Katzenhalter: Bilder von Katzen in Geschenkboxen.
Ältere: Darauf hinweisen, wie groß die Schneeflocken früher waren. Kommentatoren: Mit “Ja, früher war mehr Lametta” drauf antworten. Das waren noch Zeiten!
Silvester doof finden, um Mitternacht irgendwas schreiben statt zu feiern.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.

Immer:
Total doof finden, dass alle so vorhersehbar schreiben.
Anke Gröner: Irgendwas mit Opern.


25
Dez

Von Kindern lernen

by Maximilian Buddenbohm in

Weihnachten ist natürlich ein Fest des Glaubens. Wie man in einer Kirche entspannt abhängt, demonstriert hier sehr anschaulich Sohn I. Nachahmung unbedingt empfohlen.

24
Dez

Fröhliche Weihnachten

by Maximilian Buddenbohm in

Gucken Sie mal hier. Eine der letzten Aufnahmen, oder sogar die letzte Aufnahme von Bing Crosby, im Duett mit David Bowie, zwei Menschen von zwei verschiedenen Planeten. Ein irgendwie surreales, aber ganz und gar wunderbares Stück Musikgeschichte. Sehr, sehr schön.

Wir wünschen ein gelungenes Fest. Machen Sie es den Kindern schön!

23
Dez

Und vorbei

by Maximilian Buddenbohm in

Wie die meisten mittlerweile mitbekommen haben, endet nach vier Jahren meine kleine Wochenhoroskopreihe im Portal DerWesten heute. Das Abschiedswochenhoroskop finden Sie hier. Viel Spaß.

22
Dez

Weihnachten auf 54 Grad 16 Minuten Nord und 7 Grad 48 Minuten Ost

by Maximilian Buddenbohm in

(Ich war gestern in der Hamburger Innenstadt, weil die Jungs natürlich einmal auf die Weihnachtsmärkte wollten. Mit mir waren da etwa 2 Millionen anderer Leute, und da weiß man dann doch wieder sehr genau, warum man nicht so gerne in die Innenstadt geht, zumindest nicht an den Tagen, an denen die Geschäfte aufhaben. Wenn die Geschäfte nicht aufhaben, will mir allerdings auch kein Grund einfallen, mich da herumzutreiben, aber egal. Nach solchen Besuchen habe ich dann plötzlich doch Lust, am Meer zu sein, oder wenigstens in Nordfriesland oder Angeln, irgendwo, wo man auf einem hundert Meter langen Weg nicht tausend Menschen trifft. Oder auf einem Boot irgendwo auf dem Meer, wo man ringsum nichts als Sicht hat, aber keine glühweintrunkenen Tagestouristen. Ein Freund von mir, der Helgoländer Hotelier Detlev Rickmers hat mir am Abend einen Text vorgelesen, mit dem man ein paar Minuten herauskommt aus der Stadt, den habe ich gleich für dieses Blog gekapert. Der Mann ist ein Neffe von James Krüss, das sagt dem einen oder anderen sicher noch etwas, und so etwas wie Schreiben liegt dann vielleicht doch in Familien.)  Read the rest of this entry »

21
Dez

Neues vom Weihnachtsmann

by Maximilian Buddenbohm in

Vor dem Hamburger Hauptbahnhof steht ein heruntergekommener alter Mann, offensichtlich mehr als nur ein wenig betrunken. Stämmiger Körperbau, weißlockiger Vollbart, lumpige Kleidung. Er hat eine schmuddelige Weihnachtsmannmütze sehr schief auf dem Kopf, lehnt an einem der Pfeiler des Vordachs und schwankt trotz des stabilen Halts hin und her. Sein linker Arm hängt wie leblos herab, der rechte Arm ist erhoben. Der ausgestreckte Zeigefinger wedelt scheinbar ziellos vor dem schier unendlichen Menschenstrom herum, der an ihm vorbei zu den Zügen zieht. Seine glasigen Augen sind halb geschlossen und schielen nicht unerheblich, aber ab und zu reißt er sie plötzlich weit auf, fokussiert angestrengt jemanden und stößt mit dem Finger heftig gestikulierend in Richtung eines Passanten. Er richtet sich auf, drückt die Brust raus und stellt sich tänzelnd wie ein Boxer auf die Zehenspitzen. „DU“, brüllt er in wütender Erregung, „DU DA!“ Er wird ganz rot im Gesicht, so laut brüllt er. Er ballt die Fäuste und legt seine ganze Kraft in den gellenden Ausruf: „DU DA! DU KRIEGST DIESMAL NICHTS ZU WEIHNACHTEN!“ Und wenn der angesprochene Mensch kurz irritiert innehält und sich fragend nach ihm umsieht, dann zischt er noch ein verächtliches „Ja, Du! Du hast mich schon verstanden!“ hinterher, bevor er wieder in sich zusammensackt und unverständlich leise vor sich hin in den Bart brabbelt. Vor seinen Füßen stehen etliche leere Bierflaschen und Flachmänner.

Einige Passanten bleiben stehen und sehen ihm eine Weile amüsiert oder entsetzt zu. Wahrscheinlich treibt sie gleiche Frage um, die auch mich nicht mehr loslässt: Können wir wirklich sicher sein, dass dies nicht der echte Weihnachtsmann ist? Und ist man eigentlich sicher, wenn man sich hinter ihm zu seiner S-Bahn schleicht?

18
Dez

Nur zur Klarstellung

by Maximilian Buddenbohm in

Ich fasse es noch einmal zusammen, damit wir es auch richtig verstanden haben. Wir nehmen also einen Monat und beschließen, dass alle Firmen darin nahezu zeitgleich riesige Feste mit allen Mitarbeitern veranstalten müssen, auch dann, wenn es sich um gigantische Konzerne handelt. Wir beschließen ferner, dass wir alle, wirklich alle Verwandten in diesem Monat mindestens einmal sehen müssen, besser aber gleich zweimal. Gleiches gilt für den gesamten Freundeskreis und natürlich auch für ausgewählte Bekannte. Das macht etwa 120 Termine für jeden, die wir locker gestreut auf 31 Tage verteilen. Damit wir uns zwischendurch nicht langweilen, entscheiden wir uns noch dazu, unfassbare Mengen an Geld auszugeben, um vielen Menschen viele Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. Damit das geselliger ist, gehen wir am besten alle gleichzeitig einkaufen. Dabei betrinken wir uns vor den Geschäften planmäßig mit heißgemachter Billigplörre, die wir nicht anfassen würden, wenn wir noch bei Verstand wären. Damit aber garantiert keine Unterforderung aufkommt, nehmen wir uns ferner vor, an einem bestimmten Tag des Monats ein unglaublich kompliziertes Menü zu kochen, das nach Möglichkeit knapp oberhalb unserer Kochkünste angesiedelt ist und uns daher nervlich und fachlich überfordert. Dazu brauchen wir irrsinnig viele Zutaten, die wir am besten wieder alle am gleichen Tag kaufen gehen. Dabei pfeifen und singen wir unentwegt kindische Ohrwürmer und einen debilen Popsong, in dem es um ein Fest im Vorjahresmonat geht, beschweren uns aber über kleine Terroristen mit Blockflöten, die uns in den Fußgängerzonen dieselben Lieder vorspielen.

Und dann, nachdem wir dieses richtig komplizierte Menü endlich abgefeiert haben, dann beschließen wir, ein paar Tage später eine noch viel größere Party zu schmeißen. Währenddessen faseln wir dauernd was von „besinnlich“. Okay? Gut. Weitermachen.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

12
Dez

Jesus vs. Spiderman

by Maximilian Buddenbohm in

Währenddessen macht sich Sohn I tiefschürfende Gedanken über Religion. Das ist nicht weiter erstaunlich, immerhin wird das Bombardement mit entsprechenden Botschaften zu dieser Jahreszeit nicht unerheblich verstärkt. Er liest abends in seiner Kinderbibel, er möchte, dass ich ihm wieder und wieder die Geschichte von David und Grobian vorlese, denn das mit der Steinschleuder, das fasziniert ihn sehr. Er hat nach wie vor sehr eigene Vorstellungen von biblischen Namen. Ich kann noch so oft Goliath lesen, es kommt bei ihm einfach nicht an. Immerhin aber ist der Jussuf der Vorjahre jetzt auch für ihn zum Jesus geworden, als den man ihn allgemein kennt. Eine schwierige Figur, über die er sich viele Gedanken macht. Er konnte über Wasser laufen, das ist natürlich bemerkenswert, das geht ja glatt als Superkraft durch. Wie gut das ist, will er von mir wissen. Was antwortet man darauf, wenn man ernst bleiben möchte? Egal, denn bevor ich überhaupt antworten kann, ist mir das Kind schon gedanklich vorausgeeilt und stellt heikle Vergleiche zwischen Spiderman und Jesus an. Der eine geht über Wassser, der andere geht die Wände hoch, was ist da nun erstrebenswerter? Der eine hat Gott als Vater, über den Vater des anderen weiß man nichts, oder Papa? Der eine hat eine roten Umhang, zumindest in der Kinderbibel, der andere ein deutlich schickeres Kostüm, da gibt es nichts. Aber er hat wiederum keinen Bart und lange Haare, was wegen der Piratenähnlichkeit aber klarerweise erstrebenswert ist. Doch Vorteil Jesus? Wie kommt man da je zum Schluss? Und warum gibt es bei H&M eigentlich alles mit Spiderman drauf, aber nichts mit Jesus? Was heißt denn das? Mit vier Jahren fängt man also an, sich die Welt selbst zu erklären, denke ich und höre seinen Ausführungen fasziniert zu.

Und während man als verwirrter Vater noch gedanklich an der ersten Frage festhängt, blättert der Sohn schon wieder in der Bibel zurück und zeigt auf die zwei Männer, die sich streiten. „Kain und Gabel“, sagt er und ich habe gar keine Lust mehr, seine falschen Namen zu korrigieren, er hört sowieso nicht zu. Soll er sie doch alle nennen, wie er will. Er fragt, welcher noch einmal der Böse war, und bevor ich etwas sagen kann, hat er es sich schon selbst beantwortet, der böse Bruder war natürlich Gabel, denn Kinder dürfen ja bis heute nicht mit Besteck spielen, daher!

Mit vier Jahren kann man sich die Welt schon ziemlich gut selbst erklären.

9
Dez

Qualitätsjournalismus

by Maximilian Buddenbohm in

Mehr als die Schlagzeile “E-Books erobern die Regale” muss man wohl über das Hamburger Abendblatt gar nicht wissen.

7
Dez

Empathie

by Maximilian Buddenbohm in

Herzdame: „Ist es okay, wenn ich gleich ausgehe?“
Ich: „Ja, klar.“
Herzdame: „Du sollst ja nicht das Gefühl haben, ich würde jeden Abend ausgehen und Du immer nur zuhause sitzen und den ganzen Abend arbeiten.“
Ich: „Das ist kein Gefühl. Das ist eine Tatsache.“
Herzdame: „Ja, schon. Aber das Gefühl solltest Du trotzdem nicht haben.“

6
Dez

Hinweis an die Planlosen

by Maximilian Buddenbohm in

Da jeden Tag mehr Leute via Google und anderen Seiten danach suchen, ein kurzer Hinweis zum Jahreshoroskop: Nein, es wird für 2012 keines von mir geben. Sie können also aufhören, danach zu fahnden. Und nun gehet hin und kauft Glückskekse. Oder so.

5
Dez

Wir schreiben das Jahr 2200

by Maximilian Buddenbohm in

Sohn I hat eine kleine Rakete im Adventskalender gehabt, ein Modell des Space Shuttles. Etwas unschlüssig dreht er es in den Händen hin und her und weiß nicht recht. Er fragt mich, was das denn wohl sei? So etwas für den Weltraum vielleicht? „Ja“, sage ich, „das ist eine Rakete.“

Eine richtige Rakete. Eine, mit der man zum Mond fliegen kann, zum Mars, zum Jupiter oder weiter, denn im kindlichen Spiel ist ja alles egal. Mit dieser Rakete kommt man, warum nicht, auch zu neuen Welten, neuem Leben und neuen Zivilisationen. Man kann in Galaxien vordringen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, gar keine Frage. Man hat vielleicht 400 Mann Besatzung dabei, darunter solche mit größeren Ohren als Sohn II, und man kommt hinter den fernen Pluto und immer noch weiter, in ganz ungeahnte Sonnensysteme. In Wahrheit flog das Ding bekanntlich zwar nur bis zur Raumstation im Orbit der Erde, aber welche Grenzen sollten die morgenfrische Phantasie meines vierjährigen Sohnes aufhalten? Was wäre anregender für seltsame Ideen als der Weltraum, in dem alles anders und seltsam sein kann? Ich lasse das Miniraumschiff über den Teppich gleiten, zur Startrampe, für die mal eben eine Fernsteuerung der Stereoanlage herhalten muss. Leise grollend starten die Motoren, senkrecht geht die Nase plötzlich nach oben und schneller und immer schneller werdend jagt die Maschine zur Zimmerdecke, die es gleich durchschlagen wird um auf Nimmerwiedersehen aufzubrechen in ein gänzlich anderes Morgen. Ich beschreibe, wie wir dem Raumschiff nachsehen wie einem Stern, einem Kometen, der in einem Moment am Himmel aufleuchtet und im nächsten schon wieder verschwindet. Gebannt sieht der Sohn mir zu, seine Augen folgen dem kleinen weißen Spielzeug, er nickt und er folgt der Bahn des Geschosses mit dem Finger. Es ist so einfach, die Phantasie von Kleinkindern ein wenig auf Trab zu bringen.

„Und“, frage ich, „was meinst du denn, wo die Reise jetzt hingeht? Wir könnten an Bord sein, wir beide! Was für Außerirdische wir wohl treffen werden? Auf welchen Planeten wir ankommen werden? Nichts ist unmöglich. Was meinst Du, wo wir landen wollen?“

„Beim Bäcker“, sagt Sohn I ernst, „ich habe Hunger.“

4
Dez

Die stille Zeit

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist noch sehr früh am Morgen. Der Regen klatscht an die Balkontür, die kahlen Äste der Bäume auf dem Spielplatz unten rasseln im Sturm schaurig gegeneinander. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite, die Herzdame schläft noch. Die Söhne kommen gähnend aus dem Kinderzimmer und fragen, ob heute vielleicht schon Weihnachten sei. Nein, sage ich, noch nicht. Aber Adventssonntag immerhin, jetzt kommt also wieder die Kerzennummer, wie in den letzten Tagen hinlänglich erklärt. Und später am Tag dann noch Kekse backen. Die Augen der Kinder leuchten. Sohn I geht zur Stereoanlage und legt eine Weihnachts-CD ein. Er schleift seinen Bruder ins Kinderzimmer, gemeinsam schleppen sie die Musikkiste ins Wohnzimmer. Stellen sie vor sich hin und stimmen sich flüsternd ab: „O Tannebaum, ja?“ Doppeltes Nicken, dann rufen sie mich. Die ersten Takte von O Tannebaum hallen durch den Raum, die Kinder neigen bei Musik zu einer gut wahrnehmbaren Lautstärke, damit sich auch die Nachbarn freuen können. Ich sehe mir gerührt die kleinen Engelchen an, die da im Schlafanzug mit wirren Haaren vor den Musikinstrumenten stehen, im Takt der Musik dezent schunkeln und mich erwartungsfroh angrinsen. Was für ein friedliches Bild, was für ein Klassiker. „Jetzt“, sagt Sohn I, stößt seinen Bruder an und die beiden greifen schön abgestimmt nach den Instrumenten. Dann prügeln sie sich nach Herzenslust um die gelbe und die blaue Flöte. Sohn I ist stärker, aber Sohn II kratzt und beißt, man kann kaum erkennen, wer gerade oben und wer unten liegt. Wenn Sohn II gerade kein Bein im Mund hat, dann brüllt er aus Leibeskräften „Tannebaum! Blätter!“

Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Ein Windstoß pfeift im Fensterspalt, vor mir dampft der Kaffee. Sohn I humpelt vorbei und holt schimpfend bessere Waffen aus dem Kinderzimmer. Es ist eine wunderbare Zeit, in der man viel mehr von der Familie hat.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.