November, 2011 Archives
Nov
Sendepause
by Maximilian Buddenbohm in
Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Ich amüsiere mich wieder eine Weile mit orthopädischen Kabinettstückchen, statt etwas zu schreiben. (Oder, wie es die Stimmen in meinem Kopf nennen: FUCK! Aber so etwas ist ja nicht zitierfähig.)
Nov
Voll stolz
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame bildet sich gerade pädagogisch weiter und ich möchte dem Publikum nicht vorenthalten, mit welchen Perlen der Weisheit sie gelegentlich von diesen Veranstaltungen nach Hause kommt. Gestern Abend ging es im Elternkurs zum Beispiel um den Unterschied zwischen Lob und Ermutigung.
Man soll nicht so viel loben, sondern viel mehr ermutigen, übrigens auch die Partner, nicht nur die Kinder. Bei den Ehemännern sagt man dann also nicht mehr „Toll, dass Du gestaubsaugt hast, Du bist doch der Beste!“, sondern man formuliert korrekt: „Ich sehe, Du hast gerade gestaubsaugt. Bestimmt bist Du jetzt sehr stolz auf Dich.“
Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der ehelichen Anwendung.
Nov
Normal
by Maximilian Buddenbohm in
Ich bringe die Söhne ins Bett. Ich sitze auf der Bettkante, ein Kind links von mir, ein Kind rechts von mir. Die Kinder sind weit über der Zeit und quengelig, ich möchte eigentlich dringend meine Ruhe haben. Sohn I möchte aber noch mit mir reden, und Sohn II möchte das auch, zumindest wenn er nicht gerade mit seiner Puppe spricht, der er sehr viel vom Tag erzählen muss. Sie reden also beide auf mich ein, zeitgleich und über verschiedene Themen. Die Sätze der beiden Jungs treffen sich in meinem Kopf und ergeben ein seltsames Ganzes, in dem es um Entchen, Tannenbäume, Rentiere, Bananen und Kuhställe geht. Und um Bärte, die man später mal haben kann. Und um Piraten, man darf um Gottes willen nie die Piraten vergessen. Ich werfe links und rechts gelegentlich ein paar Antworten ein, währenddessen lese ich in der Mitte Kempowski und beantworte nebenbei noch die Fragen der Herzdame, die gerade die Wohnung aufräumt und mich nach dem Verbleib von irgendwelchen Dingen fragt. Dabei streichel ich links ein Bein und rechts einen Bauch, während ich mit den Füssen die abgelegte Wäsche der Kinder vom Bettrand Richtung Tür schiebe, um sie später in die Waschmaschine zu werfen. Da in den endlosen Redeströmen beider Söhne regelmäßig das Wort „Lied“ vorkam, fange ich irgendwann noch an „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen.
Und Ihr glaubt es sei Multitasking, wenn Ihr Powerpoint und den Browser gleichzeitig aufhabt.
Nov
Klare Ansagen
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn II: “Papa, Du Chef?”
Ich: “Ja, mein Sohn, ich bin hier der Chef.”
Sohn II: “Chef raus. Alles alleine.”
Nov
Vorratshaltung
by Maximilian Buddenbohm in
Man soll Kinder nicht anlügen, das kann man in jedem Erziehungsratgeber nachlesen, so etwas tut man nicht. Wenn die Söhne mich im überaus geschickt vorgetäuschten Zustand der nahenden Entkräftung mit schwacher Stimme fragen, ob irgendwo etwas Süßes im Hause sei, dann empfiehlt es sich nicht, die Schokoladenvorräte zu leugnen, schon gar nicht, wenn die Söhne nur einen Schrank aufmachen müssen, um die ganze Pracht triumphierend selbst zu finden. Dann ist die Glaubwürdigkeit des Vaters erst einmal dahin und es dauert Wochen, wenn nicht sogar Monate, bevor man wieder in Ruhe und erfolgreich flunkern kann. Da man aber gelegentlich nicht umhin kann, gewisse Vorräte für Partys, Adventssonntage oder Weihnachten zu horten, muss das Problem der fragenden Kinder irgendwie anders gelöst werden. Mit etwas Nachdenken kommt man darauf, dass die Lösung zu diesem Problem nur im Verstecken liegen kann. Man stapelt alles an einem sicherem Ort, an den die Kinder nicht ankommen und sagt, wenn sie irgendwann nach Süßigkeiten fragen, nur lächelnd: „Seht doch einfach selber nach.“ Die Kinder öffnen alle ihnen bekannten Schränke, finden nichts und begnügen sich dann erwartungsgemäß leise knurrend mit der vorher raffiniert bereitgestellten Rohkost. Erziehung ist so einfach und macht Spaß. Man kann der Gier, der Zuckersucht und dem Beutehunger so leicht entgegenwirken, mir ist ganz unverständlich, warum nicht alle Eltern meine Methode benutzen. Sie klappt einwandfrei.
Es gibt nur zwei Nachteile bei der Methode. Einer liegt darin, dass ich selbst sehr wohl weiß, wo ich die Schokolade versteckt habe. Der andere Nachteil ist, dass ich noch gieriger als die Kinder bin. Obwohl das irgendwie auch wieder ein Vorteil ist. Denn sollten die Jungs das Versteck doch einmal finden, wird das gar nichts ausmachen – es wird sehr wahrscheinlich sowieso nichts mehr drin sein.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Nov
November
by Maximilian Buddenbohm in
Im nordostwestfälischen Heimatdorf der Herzdame hing der Nebel in den letzten Tagen so wattedick über den Feldern, dass man mit Besuch schon gar nicht mehr gerechnet hat. „Wie seid ihr denn hergekommen“, fragt die Uroma erstaunt, als wir bei ihr in der Küche stehen, wo sie gerade Eintopf kocht. Wir haben von Nebel gar nichts gemerkt. Wir sind durch das Sonnenloch der Woche gefahren, Norddeutschland unter einem altgoldenen Laubteppich, ein unwirklich schönes Licht auf den abgeernteten Äckern, die taufeucht am späten Nachmittag glitzern. Die Sonne hinter dünnen Schleiern, ein ungeheurer roter Ball, der schnell fällt. Sohn II weint im Auto, weil ihm neuerdings schlecht wird beim Fahren. Sohn I weint, weil er krank ist, Fieber und Halsschmerzen. Er weint auch weil es dunkel wird, weil die Sonne weg ist, weil er nicht mehr rauskann, weil er jetzt draußen die Mühlen im Dunkeln nicht sehen kann, die fremden Mühlen nicht und die von Großtante Ilse auch nicht. Er ist jetzt so alt, dass er das Fieber merkt, bisher hatte es ihm nie etwas ausgemacht. Jetzt haut es ihn auf einmal komplett um, das kennt er noch gar nicht. Wir zählen auf, worauf er sich in Nordostwestfalen freuen kann, auf die Großeltern, die Urgroßeltern, den Hund, die Katzen, das Baumhaus, die Kühe bei Bauer Westermann und dass wir alle vier wieder in einem Bett schlafen werden. Er nickt bemüht. Im Dorf kommt uns Oma im Auto entgegen, sie fuhr zum Tierarzt, erfahren wir dann später. Eine der Katzen ist kurz vor unserer Ankunft überfahren worden, da war nichts mehr zu machen. Die tote Katze liegt im Kofferraum. Tote Katzen sind Sondermüll, die Entsorgung kostet extra, es ist billiger, sie im Garten zu vergraben, erzählt sie. Das wusste ich auch nicht. Aber natürlich müssen Katzen sowieso im Garten beerdigt werden, was denn sonst. Sohn I ist farblich von Milch nicht mehr zu unterscheiden, er fragt vorsichtig nach, ob die Katze richtig tot ist, also so ganz richtig. Ja. Er hat 39 Fieber, er gehört ins Bett. Er zählt beim Ausziehen murmelnd auf, wer noch alles gestorben ist, der alte Hund von Oma, der andere Hund der anderen Oma, und Jesus auch, nicht wahr? Ja.
Wir bringen die Kinder ins Bett, das ist nicht ganz einfach. Sohn II will weiterspielen und ist bester Laune, Sohn I ist wehleidig und wirft in der Phantasie alles zusammen, was elend und traurig ist, in seinen heiser geflüsterten Monologen geht es um Tod und Unglück. Endlich haben wir die beiden Söhne durch gemeinsames Absingen von „Der Mond ist aufgegangen“ ausreichend sediert, vier Augen fallen allmählich zu. Da schreckt Sohn I noch einmal hoch und will wissen, wieso wir „eitel arme Sünder“ sind, wie es in dem Lied heißt. Ich versuche zu erklären. Menschen machen alle einmal Fehler, es gibt keine perfekten Menschen. Im Grunde ist es eine beruhigende Erkenntnis, wir taugen alle nichts. Ich drücke es natürlich freundlicher und kindgemäß aus. Sohn I sagt, dass er das jetzt verstanden hat und endlich schlafen will. Ja.
Am nächsten Morgen ist das Fieber noch höher, Sohn I kämpft sich dennoch in seine Jacke und will kurz raus, um zuzusehen, wie Oma das Loch für die Katze gräbt. Das ist gar nicht so einfach, hier ein Loch zu graben. Tonschichten im Boden, Wurzeln im Boden, Steine im Boden. Oma gräbt verbissen. Sohn I hängt kraftlos wie eine Lumpenpuppe über dem Zaun neben dem Loch und sieht zu. Ich hole die tote Katze aus der Garage, Sohn I möchte sie noch einmal sehen. „Blut“, sagt er beeindruckt. Es ist nur ein kleiner Tropfen auf dem Fell, wir halten das Tier so, dass er die eigentlichen Verletzungen gar nicht sieht. Wir legen sie ins Loch, sie sieht aus, als würde sie schlafen. Sohn I sieht aus wie durchsichtig. Sohn II singt fröhlich „Alle meine Entchen.“ Ich frage Sohn I, ob er nicht lieber wieder ins Bett möchte? Ja.
Am Nachmittag fahre ich mit ihm einkaufen, mit vier Jahren kann man noch nicht den ganzen Tag im Bett liegenbleiben, das ist dann doch zu langweilig. Einkaufen muntert auf, denke ich, Einkaufen macht Spaß. Ich mache kurz das Autoradio an, wir wollen Musik hören. Ein Sprecher sagt gerade „…die Häuser wurden im Krieg zerstört…“ Ich schalte weiter, aber zu spät. Sohn I will jetzt sofort Krieg erklärt haben, warum man das macht und wer das macht und wann hier zuletzt einer war und wo genau und ob ich dabei war oder Oma vielleicht und wer alles dabei gestorben ist. Und wo genau die Bomben auf die Häuser gefallen sind, denn davon hat er auch schon einmal gehört, weiß der Kuckuck, wo das war. Ich hole tief Luft. „Kannst du mir das erklären?“ fragt der Sohn. Ja.
Über den Feldern zieht sich der Nebel zusammen, grauschwarz kommt uns der Abend auf der Landstraße entgegen. Es ist November. „Es wird immer früher dunkel“, sagt der Sohn. Das hat er im Kindergarten gelernt, im Winter ist nur ganz wenig vom Tag übrig. „Und irgendwann wird es dann aber wieder heller, oder? Papa? Stimmt doch?“
Ja.
(Der November-Eintrag im letzten Jahr war auch nicht viel lustiger. Siehe hier.)
Nov
Zum Liebesleben der Vierjährigen
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I hat seine Freundin im Kindergarten schon ein Jahr lang, und er ist bemerkenswert treu. Er hat sie auch schon geküsst und das war „ganz gut“, sagt er, und man könne das bei Gelegenheit auch einmal wiederholen, doch, doch. Vielleicht. Mal sehen. Sein Kumpel hat jetzt neuerdings auch eine Freundin und sieht sich seitdem leider nicht mehr in der Lage, mit der Mutter zu kuscheln, wenn er an dieses Mädchen denkt. Das müsse sie verstehen, sagt er, das ginge nun einmal nicht. So reift das Thema Liebe heran, in verblüffender Geschwindigkeit sogar. Die beiden Jungs reden auf dem Heimweg vom Kindergarten kenntnisreich über ihre Angebeteten. Ein weiterer Freund, der neben ihnen geht, schweigt dabei eisern vor sich hin.
Ich: „Na, und du? Hast du eigentlich auch eine Freundin?“
Kumpel von Sohn I: „Nö.“
Ich: „Gefällt dir denn da keine?“
Kumpel von Sohn I: „Nö alle nicht.“
Ich: „Willst du denn auch eine haben?“
Kumpel von Sohn I: „Ja, klar doch.“
Ich: „Und wie muss die sein, wenn dir sämtliche Mädchen da nicht gefallen?“
Kumpel von Sohn I: „Ich weiß gar nicht. Aber auf jeden Fall frischer. Die sind da doch schon alle nicht mehr ganz neu.“
Nov
Für Leser, die eine Lesungsnachlese lesen wollen
by Maximilian Buddenbohm in
… habe ich leider gerade keinen Text parat und heute dummerweise auch keine Zeit, einen zu verfassen. So ein Pech! Aber man findet ein wenig bei Isa, bei Kiki, bei Jawl. Und unser unermüdlicher Tonmann Lars, den man gar nicht genug preisen kann, hat die Mitschnitte der Textbeiträge auch schon online gestellt. Kann man sich anhören: Isa mit „Wacken“, Kid37 mit „Wir sind alle ramponierte Sterne“ und ich mit „Sie sagte, sie sei ein wenig verliebt“. Viel Spaß!
Großen Dank auch noch einmal an Dragana für die Songs, an Miriam für die Moderation und an Axel für das Kassieren und Mikro/Verstärker. Ihr seid alle sowas von super.
Nov
Hallamati 2011
by Maximilian Buddenbohm in
Die Kinder sitzen mit glühenden Wangen im Kindergarten, schneiden, falten, malen und kleben und gestalten mit großer Mühe und Hingabe die eigene Laterne. Die Zunge zwischen den Zähnen, alle Finger voller Klebstoff, Glitzer im Gesicht und Farbflecken überall, so arbeiten sie für den großen Tag. Den Tag des heiligen Martins, der den Lesern hier vielleicht noch als Hallamati bekannt ist, wie Sohn I ihn früher zu nennen pflegte. Diese Vorfreude auf den Lauf durch das abendliche Dunkel! Die freudige Erwartung, die eigene, unter großen Mühen verfertigte Laterne endlich neben den hundert anderen leuchten zu sehen! Soweit die Theorie. Die Praxis entnehme man bitte meinem morgendlichen Dialog mit Sohn I:
Ich: „Na, habt ihr denn auch schon eure Laternen fertig gebastelt? Morgen ist es ja soweit!“
Sohn I: „Weiß nicht.“
Ich: „Wie, weiß nicht? Ich denk ihr baut seit Tagen dauernd an den Funzeln rum?“
Sohn I: „Weiß nicht. Da wird so viel gebastelt, im Kindergarten, da hab ich ganz den Überblick verloren. Man klebt ja dauernd irgendwas zusammen.“
Hier übrigens die Hallamati-Einträge 2009 und 2010.
Nov
Anmerkungen zum Pinguin
by Maximilian Buddenbohm in
Eltern entwickeln sprachliche Besonderheiten, teils familiär, teils auch in größeren Rudeln. Was man etwa zu dem sagt, was in der Windel landet und nicht gut riecht, das variiert stark zwischen Klein- und Großgruppen, zwischen Landesteilen und Städten. Ist „Kacka“ hier in Hamburg zum Beispiel ein ganz normaler Begriff, so kann es anderswo durchaus ein Wort sein, dem man in der Öffentlichkeit nur stirnrunzelnd begegnet und sich fragt, was für ordinäre Eltern da denn herumlaufen. Sprachliche Besonderheiten hängen aber auch an regionalen Besonderheiten, so wird hier etwa ein Drogeriemarkt oft pauschal als „Budni“ bezeichnet, weil diese lokale Kette die stärkste in der Stadt ist. Entsprechend wissen unsere Kinder gar nicht, wie andere Drogeriemärkte heißen, sie kennen nur Budni, zumal es nur bei Budni an der Kasse Lollis und Aufkleber gibt, und andere Märkte daher für den Einkauf gar nicht in Betracht kommen. In Österreich würden sie auf der Suche nach einem Budni aber vermutlich nicht weit kommen. Noch spezieller wird die Sprache, wenn es um lokale und zeitliche Eingrenzungen geht, ein Effekt, der etwa auftritt, wenn Budni einen Artikel im Sonderangebot hat, den dann alle Eltern in einem bestimmten Jahr kaufen, weil ihn alle brauchen. Zum Beispiel Kühlpads. Man braucht Kühlpads, um sie Kindern, die sich gestoßen haben, auf die lädierte Stelle zu legen. Kühlpads verhindern einerseits natürlich Schwellungen, sind andererseits aber auch einfach die moderne Antwort auf schlichtes Pusten. Pusten war damals, war Steinzeit, heute wird der Schmerz mit Tools behandelt, das passt viel besser in die hochtechnische Moderne, das merken auch Kinder. Man kann trotzdem noch pusten, aber die meisten Kinder schätzen mittlerweile Kühlpads mehr.
Wenn man mehrere Kinder hat, die womöglich auch noch mehrere Freunde haben und wild durch die Wohnung toben, wie es bei uns regelmäßig der Fall ist, steht man bei dem erstbesten Rumms-Geräusch, dem kurz darauf ein wildes Geheul folgt, ganz reflexmässig auf, geht zum Kühlschrank und holt ein Kühlpad, um dann erst zu eruieren, worum es eigentlich geht. Man wird es ja doch in jedem Fall brauchen. Kinder, die Kühlpads kennen, also alle, bestehen in aller Regel bei jedem Wehwehchen auf feierlichem Kühlen, selbst dann, wenn sie das gar nicht aus den Fußballberichten am Wochenende von den Aufnahmen am Spielfeldrand kennen. Denn auch in Kindergärten wird stets jede noch so kleine Schramme hingebungsvoll gekühlt, als wäre dies das wichtigste Erste-Hilfe-Gebot aller Zeiten.
Man geht nun aber nicht zum Kühlschrank und holt ein Kühlpad, das auch so heißen würde, nein. Man holt einen Pinguin. Oder einen Eisbären. Oder eine Schneeflocke. Denn Kühlpads haben sinnige Formen und die Kinder bestehen natürlich auf dem gewohnten Muster. Die Formen der Kühlpads unterliegen gewissen Moden. Märkte wie Budni oder auch Tchibo bringen jedes Jahr andere Modelle auf den Markt. Wir haben drei Pinguine im Kühlschrank, denn als wir Bedarf hatten, gab es gerade nur Pinguine. Das sieht bei unseren Freunden im Stadtteil nicht anders aus, zwischen den Eiern und der Butter liegen überall die Pinguine, man kann in jeder Wohnung von Eltern vertrauensvoll zum Kühlschrank gehen und danach suchen. Man wird immer fündig. Der Pinguin, Dein Freund in der Not. Bei den Eltern, die jetzt gerade ihr erstes Kind bekommen, ist es dann vielleicht wieder der Eisbär.
Nichteltern wundern sich natürlich, wenn sie bei uns zu Besuch sind, Sohn II vielleicht vom Tisch auf den Boden knallt, mit blutender Lippe brüllend und kreischend liegenbleibt und die Herzdame und ich gelassen zum Besuch sagen: „Moment, wir holen mal eben einen Pinguin.“ Denn wir wissen, was sie nicht wissen können: Ohne Pinguin kommen wir in solchen Fällen sowieso nicht weiter. Oder wenn ein Kind auf dem Spielplatz von der Schaukel purzelt, diese dann an den Hinterkopf bekommt und weinend Richtung Mama robbt, dann staunt keiner der herbeieilenden Elternteile, wenn die Mama laut fragt, ob jemand zufällig einen Pinguin dabei hat. Wir verstehen uns schon, wir Eltern. Nur die Passanten, die zufällig gerade am Zaun des Spielplatzes vorbeigehen, sie stellen vielleicht kopfschüttelnd fest, dass Eltern wirklich ein sehr spezielles Völkchen sind. Aber egal, damit kann man leben. Solange man diesen besonderen Sprachcode nur auf dem Spielplatz und in der eigenen Wohnung auslebt, und nicht gerade im Großraumbüro, solange sehe ich das nicht als Problem. Die Schauplätze dürfen sich nur nicht vermischen.
Ich habe die seltsame Wahnvorstellung, dass ich eines Tages an einem Unfall vorbeikommen werde. Sehr viele Schaulustige werden Rücken an Rücken stehen und mir die Sicht versperren, irgendein Gemetzel von Blech und menschlichen Opfern wird zu bestaunen sein. Blaulichtgeflacker und schreiende Menschen, rennende Polizisten, umherhastende Feuerwehrmänner mit schwerem Gerät, die in Funkgeräte brüllen. Eine Szene wie in einem der Katastrophenfilme aus meiner Kindheit. Und ich sehe mich die Menge mit starken Armen teilen., wie es damals die männlichen Hauptdarsteller taten, die zufällig ihren Arztkoffer dabei hatten und dann etliche Menschenleben retteten, ich sehe, wie ich mich nach vorne dränge und höre mich mit lauter, souveräner Stimme durch den Auflauf der Gaffer rufen: „Lassen sie mich durch, ich habe einen Pinguin.“
Nov
Update Noah Klieger/Jörg Erb
by Maximilian Buddenbohm in
Achtung bitte: Die hier beschriebene Veranstaltung verschiebt sich wegen Krankheit.
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Nov
Spieltheorie für Vierjährige
by Maximilian Buddenbohm in
„Schere, Stein, Papier“, das ist eines dieser Spiele, ohne die eine Kindheit in Deutschland wohl gar nicht denkbar ist. Man kann es jederzeit spielen, überall, mit jedem, um alles oder um nichts. Über das Spiel kann man einiges nachlesen, und tatsächlich lohnt es sich, das auch zu tun, etwa hier in der Wikipedia, das Thema ist abgründiger, als man vielleicht denkt. Da geht es unter anderem auch um die Erweiterung des Spiels um die Figur des Brunnens, eine Variante, die mir auch aus meiner Kindheit bekannt ist. Der Brunnen unterscheidet sich von den ersten drei Figuren dadurch, dass er gegen zwei andere gewinnt, nämlich gegen Schere und Stein, die beide hineinfallen. Schere, Stein und Papier gewinnen jeweils nur gegen eine der anderen Figuren, erreichen ein Unentschieden gegen sich selbst und verlieren auch nur gegen eine, bzw. gegen zwei, wenn der Brunnen mitspielt. Soweit dürfte das klar sein, nehme ich an. Wie man bei der Wikipedia sehr schön und mit Begründung nachlesen kann, ist es spieltheoretisch daher zum Beispiel niemals sinnvoll, den Stein zu wählen, wenn der Brunnen mitspielt. Hefte raus, erläutern Sie diese Theorie mit einer tabellarischen Darstellung. Ja, da werden Erinnerungen wach, Mathematik im 12. Jahrgang.
Und nun für Nichtmathematiker wie mich: Sohn I spielt Schere, Stein, Papier gerne gegen beliebige Erwachsene, und zwar in der Variante ohne Brunnen. Entgegen aller Logik nimmt er dabei als Figur aber stets nur den Stein, obwohl doch gerade bei dieser Spielart der Reiz im Wechsel der Figur liegen müsste. Gleiche Chancen bei allen Figuren, Spannung entsteht hier doch erst im wilden, unkalkulierbaren Wechsel. Aber nein, Stein. Jedes Mal Stein. Ist das Kind doof? Nein, im Gegenteil, das Kind ist ein Fuchs. Denn jeder Erwachsene, der mit dem Kleinen spielt, denkt sich nach dem dritten Stein, den Sohn I fröhlich mit gereckter Faust darstellt, dass dieses Kind wohl tatsächlich immer Stein nehmen wird. Bis zu dieser Erkenntnis hat der Erwachsene einmal gewonnen, einmal verloren und einmal unentschieden gespielt. Denn man nimmt natürlich immer eine andere Figur und nahezu jeder Erwachsene wird alle nacheinander abspulen, man spielt eben genau so, wie man es von früher kennt und sich erinnert. Erwachsener und Sohn haben also beide einmal gewonnen und einmal verloren, einmal war es unentschieden. Beim vierten Mal nimmt der Erwachsene aber die Schere, denn er weiß ja, dass das Kind den Stein nimmt und würde sich komisch vorkommen, dieses Wissen schamlos auszunutzen. Danach hat der Erwachsene keine Lust mehr, da der Sohn anscheinend gar nicht richtig mitspielt. Aber das Kind hat die Gesamtwertung gewonnen und geht als Sieger davon, die Faust triumphierend über den Kopf gereckt. Immer.
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Holunderbirnen
by Maximilian Buddenbohm in
„Holunderbirnen“, so hieß ein Rezept, das ich neulich gefunden hatte. Das klang super, es klang nach Herbst und Heimat, ich bin gleich losgegangen, um mir die Zutaten zu kaufen. Im Laden gab es Litschidrink, Kokosmilch, Cranberrysirup und Passionsfruchtnektar, aber keinen Holundersaft. Holunder wächst hier an jeder Ecke, der Saft ist gesund wie eine halbe Apotheke und schmeckt sogar, aber den Saft kann man, wie man mir im Supermarkt erklärte, nur in Bioläden kaufen. Der sei dann doch zu regional und zu speziell.
Ich kann Bioläden nicht ausstehen. Aufgrund eines nicht erforschten Gesetzes bewegen sich Angestellte in Bioläden grundsätzlich langsamer als der Rest der Menschheit. Ich bin bekennender Hektiker, ich werde in Bioläden wahnsinnig. Ich versuchte es erst noch in zwei anderen Supermärkten, nein, es gab keinen Holundersaft. Es gab Eistee mit Papaya oder Granatapfel, na toll. Der globale Handel, schon klar, alles ist überall verfügbar, nur nicht mehr da, wo es hingehört. Ich schickte die Herzdame in den Bioladen, sie kaufte den Saft. Ich kochte Holunderbirnen, eine wirklich großartige Angelegenheit. Man sollte überhaupt viel mehr regionale Sachen zubereiten, das hört man immer wieder. Ich suchte mir gleich weitere Rezepte raus. Grünkohl mit Bregenwurst, sehr witzig, da muss ich im Laden gar nicht erst fragen, die Gesichter kann ich mir schon vorstellen, bei Bregenwurst. Aber egal, ich habe einen Kollegen, der demnächst beruflich nach China muss. Da wird es natürlich Bregenwurst von hier geben, wir haben ja auch die Litschis der Chinesen im Regal, alles tauscht sich jetzt aus. Ich lasse mir einfach Wurst aus einem Supermarkt in Hongkong mitbringen, das geht bestimmt schneller, als sie lange in Hamburg zu suchen. Doch, es großartig, so eine zusammengewachsene Welt. Alles ist viel einfacher geworden.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.





