Oktober, 2011 Archives

5
Okt

Verkaufsgespräch

by Maximilian Buddenbohm in

Bäckereifachverkäufer: „Ja, bitte?“

Sohn I: „Ich möchte bitte einen Mohnzopf. Und weißt Du, da haben Bauarbeiter heute Morgen Löcher in unser Badezimmer gebohrt, also von hinten, an der Wand da, von auf dem Gerüst, also draußen, nicht drinnen, das ist neu, da hingebaut, so ans Haus ran, da waren die drauf, mit den Maschinen, und dann gebohrt, das war sehr laut, auf der großen Baustelle, wo das Haus war, das sie weggebaggert haben, weißt du, mit dem Riesenbagger, und da ist mein Bruder wachgeworden, der ist kleiner als ich, ich bin nämlich schon vier und ein Großer und er ist erst zwei und klein und war dann wach und das hat sehr gestört, der Lärm, da hat er Angst bekommen und ich bin wütend geworden weil, die sollen meinem Bruder keine Angst machen der ist nämlich auch krank gerade und ich war auch gerade krank aber ich bin schon wieder gesund und er noch nicht, nämlich Bindehautverzündung, mit den Augen so und er kriegt auch was von dem Brötchen ab, und wenn die das wieder mit dem Lärm machen und noch Löcher in die Wand hauen, dann kann man da durchgucken, dann wird mein Papa aber auch wütend werden, bestimmt wird er das, und Mama auch, sagt sie, und ich verkleide mich dann als Pirat und nehme ein Messer mit ins Badezimmer und Papa auch und dann machen wir denen mal Angst und brüllen rum, durch die Löcher, weil ich denke, die dürfen das gar nicht, da einfach Lärm machen und ich will das auch nicht, und Papa auch nicht, und Mama auch nicht, obwohl die das ja müssen, weil es sind ja Bauarbeiter, richtig mit Helm, die müssen ja auch bauen, aber unser Badezimmer ist da nicht so toll für, finde ich, weißt du, der ganze Lärm und jeden Tag und immer bohren, bohren, das ist eigentlich toll, aber nicht so dicht und wo bleibt eigentlich mein Brötchen?“

Bäckereifachverkäufer: „Äh, was?“

Sohn I: „Also die Bauarbeiter…“


2
Okt

Zum 3. Oktober

by Maximilian Buddenbohm in

Wir feiern morgen den 3. Oktober. An diesem Tag ist, wie der kultivierte Bildungsbürger sicherlich weiß, der Hochzeitstag von Effi Briest, einer der bedeutendsten deutschen Romanfiguren. Es war nur bei unserem Volk der Dichter und Denker überhaupt vorstellbar, daraus einen Nationalfeiertag zu machen, eine ebenso erstaunliche wie lobenswerte nationale Leistung, auf die man zurecht stolz sein kann. Nur die Iren und Schotten haben, soweit ich weiß, vergleichbare Feiertage, den Dichtern Joyce und Burns gewidmet. Nebenbei und von der Bevölkerung eher nicht sehr stark beachtet wird hierzulande allerdings auch noch etwas gefeiert, das „Deutsche Einheit“ heißt. Die Fußgängerzonen sind aus diesem Anlass traditionell schon seit Tagen gesteckt voll mit jungen Menschen, die gerade bei drittklassigen Radiosendern Praktika machen und unschuldigen Passanten Mikrophone ins Gesicht halten, damit sie etwas zur deutschen Einheit sagen. Jeder muss dazu etwas sagen, ob er will oder nicht, und die meisten wollen nicht. Die Medien zelebrieren den Tag dennoch, ob das Publikum nun mitspielt oder nicht. Das gilt für Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender und Onlinemagazine, alle leitartikeln ellenlang zur Einheit, es handelt sich mutmaßlich um die allerungelesensten und überhörtesten Druck- und Sendestrecken des Jahres. Am Ende wird es sogar Bloggern nicht anders gehen, wer weiß, die staatstragenden Pamphlete lagern vielleicht schon jetzt in den Entwurfsordnern. Und auch das wird dann niemand lesen wollen.

Ich schlage daher vor, sich kollektiv wieder mehr auf den eigentlichen und ursprünglichen Grund des Feiertages zu besinnen und alle Fragen zur deutschen Einheit ein für allemal abschließend mit dem berühmtesten Zitat des Vaters von Effi Briest zu beantworten: „Das ist ein zu weites Feld.“ Damit wäre das endlich geklärt, und niemand müsste dazu mehr etwas fragen, etwas sagen oder uns mit seiner Meinung, seinen Erinnerungen oder seinen Forderungen an die Zukunft auf den Geist gehen. Danke.