Der folgende Text erschien in leicht anderer Version in der Oktoberausgabe der Schweizer Zeitschrift „Wir Eltern“ mit dem Heft-Titel „Junge, Junge“.

Nehmen wir an, ein äußerst dynamischer Junge wird von einer eher milden, alleinerziehenden Frau erzogen. Er kann sich mit ihr nur mühsam auf einige wenige Regeln für den Alltag einigen, das Zusammenleben der beiden ist ein ständiger Kampf um Gesetze, Freiheit und Loslösung. Ein harmonisches Zusammenleben kommt praktisch kaum vor, nicht einmal tageweise. Der Junge geht nur widerstrebend und lustlos zur Schule und  stößt dann im Unterricht auf Lehrpersonal, das ihn nicht versteht. Im Grunde nimmt er dort nicht einmal noch so schwache Versuche wahr, verstanden zu werden. Die Schule ist einfach kein Ort für ihn. Er reagiert entsprechend, er kann sich mit den Regeln des Lehrbetriebs nicht arrangieren und  scheitert abwechselnd und in schneller Folge an seinem Desinteresse, an Müdigkeit, Langeweile, Hyperaktivität und Aggression – ein wenig aber auch an der Liebe, die er einer schönen Klassenkameradin entgegenbringt. Einer Klassenkameradin, mit der er sich allerdings auch nicht recht verständigen kann, denn die beiden Kinder scheinen einfach keine gemeinsame Sprachebene zu finden.  Er ist durch seine Kumpels auf machohaftes Imponiergehabe geprägt, sie aber sucht etwas ganz anders, von dem er gar keinen Begriff hat. Er scheitert also auch noch an der Liebe, er wird zurückgewiesen. Dieser Junge hat wohl ganz ohne Zweifel das tragische Potenzial zu einem Außenseiter, zu einem schulischen Versager, und in der Folge vermutlich zu einer traurigen Karriere im Prekariat der Gesellschaft – das wird einem sofort klar, wenn man nur zwei, drei seiner Schulstunden folgt. Und wenn man ihn ein paar Tage beobachtet, wenn man seine Schlägereien sieht, wenn man seine fehlerhafte Sprache hört, wenn man mitbekommt, wie gnadenlos er versucht, seinen Freundeskreis zu dominieren, wie weit er sich schon vom geregelten Leben entfernt, dann lässt man endgültig alle Hoffnung fahren. Man weiß eben genau, was aus diesen Typen wird. Es ist schrecklich, so etwas mit anzusehen.

Schrecklich lustig. Millionen von Menschen sind genau diesen Schulstunden gerne gefolgt, seit Generationen werden sie weiter erzählt und weiter gereicht, kein auch nur halbwegs belesener Mensch wird erwachsen, ohne Tom Sawyer gelesen zu haben. Ohne seine Liebe zu Becky Thatcher nachgefühlt zu haben, ohne ganz genau verstanden zu haben, warum ein auf der Schulbank herumkrabbelnder Käfer viel, viel spannender ist als der staubige Religionsunterricht, warum es so essentiell wichtig ist, nachts aus dem Fenster zu verschwinden und sich mit Huck Finn zu treffen, ohne dass Tante Polly davon wach wird. Ein kleines Experiment: Versuchen Sie sich zu erinnern, wie Tom Sawyer ausgeht. Wenn Sie auch Huckleberry Finn gelesen haben, wissen Sie natürlich ein wenig mehr, aber was geschah danach?  Ging Tom vor die Hunde? War er ein Schulabbrecher, ein Schläger, ein Knastbruder – oder machte er später Karriere, irgendetwas mit Medien, irgendetwas an der Börse? Haben Sie sich darüber je Sorgen gemacht? Wahrscheinlich nicht. Einer wie Tom, der kommt schon durch, werden Sie sich gedacht haben, denn das ist der Tonfall des Buches, in dem übrigens gar nicht erwähnt wird, was aus Tom später wurde. Tom Sawyer erschien 1876. Heute, 135 Jahre später, machen wir uns plötzlich große Sorgen um Typen wie ihn. Warum eigentlich?

Autoren wie Frank Beuster (Die Jungen-Katastrophe), Dieter Schnack & Rainer Neutzling (Kleine Helden in Not) oder Reinhard Winter (Jungen – eine Gebrauchsanweisung) und viele andere mehr verkaufen Bücher – und gar nicht wenige – zu einem Trendthema, das angeblich seit den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr übersehen werden kann: Das langsame gesellschaftliche Verlieren der Jungs. Die  Jungs kommen nicht mehr mit. Nicht mehr in der Schule und in logischer Konsequenz auch nicht mehr im Beruf. Jungs werden heute reihenweise nur noch von alleinerziehenden Frauen erzogen, haben im Kindergarten nur Erzieherinnen und in der Schule nur Lehrerinnen. Jungs haben keine männlichen Vorbilder mehr und suchen sich zunehmend zweifelhaften Ersatz. Jungs können sich nicht benehmen, sich nicht disziplinieren, nicht kommunizieren, sie verstehen ihre Emotionen nicht, schon gar nicht die der anderen und sie werden an ihrer eigenen Kraft bekloppt. Die Autoren zitieren Studienergebnisse ohne Ende, werfen mit Zahlen und Statistiken um sich und zitieren Heerscharen von Experten.  Sie zeichnen ein krasses Zerrbild der Wirklichkeit, in dem das Glas in aller Entschiedenheit immer halb leer ist. Sie zeigen auf die leere Hälfte und rufen „Beweis! Beweis!“, dabei beweisen Sie eigentlich gar nichts, außer dass sie über ein sehr schwieriges Thema reden und dabei lauter Spezialfälle aufzählen. Frank Beuster schreibt: „Es ist inzwischen beinahe so, dass die Geburt eines Jungen mehr Sorgenfalten auf das Gesicht wirft, als Freudentränen fließen.“ Vergleichen Sie das einmal mit den Erfahrungen Ihres Freundeskreises, denken Sie an die Reaktionen der Mütter und Väter, die dummerweise einen Jungen bekommen haben – seltsam, oder? Sehr seltsam sogar.

Der letzte Krieg in unserem Sprachgebiet ist 66 Jahre her, wir leben in historisch bisher ungeahntem Saus und Braus. Wir leben in Rechtsstaaten, in denen Frauen gleichberechtigt sind, so gleichberechtigt wie wohl nie zuvor. Sie haben endlich fast alle Chancen dieser Welt, sie können sich in nahezu jedem Bereich mit Jungen und Männern messen und was stellen die ehemaligen Herren der Schöpfung entsetzt fest? Die Damen, auch die ganz kleinen, gewinnen in gar nicht so wenigen Bereichen! Sie benehmen sich besser, sie sind besser in Deutsch, in Kunst, in Mathe und womöglich sogar in Physik. Sie vernetzen sich besser, sie verstehen schneller und die Sache mit dem Einparken wollen wir lieber gar nicht noch einmal testen. Und wenn man den Damen noch die letzten Hürden aus dem Weg räumt, wenn man wirklich faire Bedingungen schafft, dann hat es die jetzige Generation von Jungs vielleicht tatsächlich etwas schwerer zum Zug zu kommen, als es ihre Vorfahren hatten. Vorfahren wohlgemerkt, die aber vielleicht schon deswegen auch nicht zum Zug kamen, weil sie ihre Aggressionen noch vor Verdun austoben mussten und nicht in einer Basketball-AG am Sonnabendnachmittag, aber das nur am Rande.  Klaus Hurrelmann, einer jener Experten, die schneller zu einem Trend interviewt werden, als dieser im Boulevard thematisiert werden kann, sagt im Spiegel: „Wir müssen [in der Schule, MB] die gleiche kompensatorische Strategie fahren, die bei den Mädchen in den letzten 30 Jahren erfolgreich war.“ Wir müssen also die Schulpolitik, die den Mädchen endlich, endlich einen kleinen Vorteil verschaffte,  neu justieren, damit die Jungs wieder aufholen können. Darüber kann man ruhig mal einen Augenblick verblüfft nachdenken.

Das Thema ist ein wenig verwirrend, denn sicherlich ist man sich allgemein einig, dass wir heute die beste Schule aller Zeiten haben. Das klingt vielleicht komisch, bei all der Empörungsbereitschaft ringsum, aber vor uns, was war denn da bitte? Die selbstgerechten 68er mit den antiautoritären Experimenten, die verklemmten Altnazis der stockkonservativen Nachkriegszeit, Kriegsjahre mit Notabitur, die strammen Dreißiger Jahre, die Rohrstockzeit des anbrechenden zwanzigsten Jahrhunderts – das, bitte sehr, war vor uns. Wir leben im pädagogischen Paradies, wir leben überhaupt in einem Sahnehäubchen der Geschichte, was unsere Alltagskultur und –soziologie angeht. Und mitten in diesem fetten Wohlleben regen wir uns darüber auf, dass die modernen Rabauken von heute im Schulsystem frühzeitig scheitern, dass man mit Aggressionen allmählich keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, und dass die Gesellschaft, die zusehends durch Frauen geprägt wird,  verstärkt ganz andere Qualitäten nachfragt. Qualitäten, die man tendenziell eher den Frauen zuschreibt. Tendenziell, nicht kategorisch, die Unterscheidung ist wichtig. Denn, eine der erhellendsten Stellen bei Beuster und auch bei den anderen: die Bandbreite für Verhaltensweisen innerhalb eines Geschlechts ist bei jedem (!) Aspekt größer als der durchschnittliche Unterschied zum anderen Geschlecht. Der Mensch, auch der männliche, fällt nämlich ziemlich verschieden aus, aber über diesen Punkt gehen die Autoren gerne schnell hinweg, er dient ihrer Sache so gar nicht.

Und wenn heute ein Tom aus Basel, Hamburg oder Wien den Unterricht stört, weil er einen Käfer in einer Schachtel zu fangen versucht, mutmaßlich um ihn später langsam und genüsslich umzubringen, und wenn seine Angebetete währenddessen die Fragen der Lehrerin eloquent und kompetent wie stets beantwortet, weil sie ihre Schulaufgaben natürlich gemacht hat, dann ist es heute eben nicht mehr so, dass sie zwanzig Jahre später irgendwo am Herd steht und ein Kind an jeder Brust hat, während er dann doch noch Generaldirektor geworden ist, weil er in der Burschenschaft oder im Schützengraben ordentlich hingelangt hat.  Heute ist es wohl eher so, dass sie die Vorstandschefin der Deutschen Bank wird, während er als schlecht bezahlter, aber hoffentlich wenigstens engagierter Kindergärtner irgendwo in einem netten Vorort ihre Kinder entertaint. Und wenn man dies mit etwas geschichtlichem Abstand betrachtet und nicht nur aus dem äußerst engen Blickwinkel der letzten zwanzig, dreißig Jahre, dann kann man, ob man nun Mann ist oder Frau, vielleicht doch einmal tief Luft holen, sich zurücklehnen und  aus ganzem Herzen sagen: „Na und?“

Ich habe zwei kleine Söhne. Ich werde ihnen rechtzeitig Tom Sawyer schenken.


 


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