September, 2011 Archives
Sep
Im Jammertal der Jungs
by Maximilian Buddenbohm in
Der folgende Text erschien in leicht anderer Version in der Oktoberausgabe der Schweizer Zeitschrift “Wir Eltern” mit dem Heft-Titel “Junge, Junge”.
Nehmen wir an, ein äußerst dynamischer Junge wird von einer eher milden, alleinerziehenden Frau erzogen. Er kann sich mit ihr nur mühsam auf einige wenige Regeln für den Alltag einigen, das Zusammenleben der beiden ist ein ständiger Kampf um Gesetze, Freiheit und Loslösung. Ein harmonisches Zusammenleben kommt praktisch kaum vor, nicht einmal tageweise. Der Junge geht nur widerstrebend und lustlos zur Schule und stößt dann im Unterricht auf Lehrpersonal, das ihn nicht versteht. Im Grunde nimmt er dort nicht einmal noch so schwache Versuche wahr, verstanden zu werden. Die Schule ist einfach kein Ort für ihn. Er reagiert entsprechend, er kann sich mit den Regeln des Lehrbetriebs nicht arrangieren und scheitert abwechselnd und in schneller Folge an seinem Desinteresse, an Müdigkeit, Langeweile, Hyperaktivität und Aggression – ein wenig aber auch an der Liebe, die er einer schönen Klassenkameradin entgegenbringt. Einer Klassenkameradin, mit der er sich allerdings auch nicht recht verständigen kann, denn die beiden Kinder scheinen einfach keine gemeinsame Sprachebene zu finden. Er ist durch seine Kumpels auf machohaftes Imponiergehabe geprägt, sie aber sucht etwas ganz anders, von dem er gar keinen Begriff hat. Er scheitert also auch noch an der Liebe, er wird zurückgewiesen. Dieser Junge hat wohl ganz ohne Zweifel das tragische Potenzial zu einem Außenseiter, zu einem schulischen Versager, und in der Folge vermutlich zu einer traurigen Karriere im Prekariat der Gesellschaft – das wird einem sofort klar, wenn man nur zwei, drei seiner Schulstunden folgt. Und wenn man ihn ein paar Tage beobachtet, wenn man seine Schlägereien sieht, wenn man seine fehlerhafte Sprache hört, wenn man mitbekommt, wie gnadenlos er versucht, seinen Freundeskreis zu dominieren, wie weit er sich schon vom geregelten Leben entfernt, dann lässt man endgültig alle Hoffnung fahren. Man weiß eben genau, was aus diesen Typen wird. Es ist schrecklich, so etwas mit anzusehen.
Schrecklich lustig. Millionen von Menschen sind genau diesen Schulstunden gerne gefolgt, seit Generationen werden sie weiter erzählt und weiter gereicht, kein auch nur halbwegs belesener Mensch wird erwachsen, ohne Tom Sawyer gelesen zu haben. Ohne seine Liebe zu Becky Thatcher nachgefühlt zu haben, ohne ganz genau verstanden zu haben, warum ein auf der Schulbank herumkrabbelnder Käfer viel, viel spannender ist als der staubige Religionsunterricht, warum es so essentiell wichtig ist, nachts aus dem Fenster zu verschwinden und sich mit Huck Finn zu treffen, ohne dass Tante Polly davon wach wird. Ein kleines Experiment: Versuchen Sie sich zu erinnern, wie Tom Sawyer ausgeht. Wenn Sie auch Huckleberry Finn gelesen haben, wissen Sie natürlich ein wenig mehr, aber was geschah danach? Ging Tom vor die Hunde? War er ein Schulabbrecher, ein Schläger, ein Knastbruder – oder machte er später Karriere, irgendetwas mit Medien, irgendetwas an der Börse? Haben Sie sich darüber je Sorgen gemacht? Wahrscheinlich nicht. Einer wie Tom, der kommt schon durch, werden Sie sich gedacht haben, denn das ist der Tonfall des Buches, in dem übrigens gar nicht erwähnt wird, was aus Tom später wurde. Tom Sawyer erschien 1876. Heute, 135 Jahre später, machen wir uns plötzlich große Sorgen um Typen wie ihn. Warum eigentlich?
Autoren wie Frank Beuster (Die Jungen-Katastrophe), Dieter Schnack & Rainer Neutzling (Kleine Helden in Not) oder Reinhard Winter (Jungen – eine Gebrauchsanweisung) und viele andere mehr verkaufen Bücher – und gar nicht wenige – zu einem Trendthema, das angeblich seit den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr übersehen werden kann: Das langsame gesellschaftliche Verlieren der Jungs. Die Jungs kommen nicht mehr mit. Nicht mehr in der Schule und in logischer Konsequenz auch nicht mehr im Beruf. Jungs werden heute reihenweise nur noch von alleinerziehenden Frauen erzogen, haben im Kindergarten nur Erzieherinnen und in der Schule nur Lehrerinnen. Jungs haben keine männlichen Vorbilder mehr und suchen sich zunehmend zweifelhaften Ersatz. Jungs können sich nicht benehmen, sich nicht disziplinieren, nicht kommunizieren, sie verstehen ihre Emotionen nicht, schon gar nicht die der anderen und sie werden an ihrer eigenen Kraft bekloppt. Die Autoren zitieren Studienergebnisse ohne Ende, werfen mit Zahlen und Statistiken um sich und zitieren Heerscharen von Experten. Sie zeichnen ein krasses Zerrbild der Wirklichkeit, in dem das Glas in aller Entschiedenheit immer halb leer ist. Sie zeigen auf die leere Hälfte und rufen „Beweis! Beweis!“, dabei beweisen Sie eigentlich gar nichts, außer dass sie über ein sehr schwieriges Thema reden und dabei lauter Spezialfälle aufzählen. Frank Beuster schreibt: „Es ist inzwischen beinahe so, dass die Geburt eines Jungen mehr Sorgenfalten auf das Gesicht wirft, als Freudentränen fließen.“ Vergleichen Sie das einmal mit den Erfahrungen Ihres Freundeskreises, denken Sie an die Reaktionen der Mütter und Väter, die dummerweise einen Jungen bekommen haben – seltsam, oder? Sehr seltsam sogar.
Der letzte Krieg in unserem Sprachgebiet ist 66 Jahre her, wir leben in historisch bisher ungeahntem Saus und Braus. Wir leben in Rechtsstaaten, in denen Frauen gleichberechtigt sind, so gleichberechtigt wie wohl nie zuvor. Sie haben endlich fast alle Chancen dieser Welt, sie können sich in nahezu jedem Bereich mit Jungen und Männern messen und was stellen die ehemaligen Herren der Schöpfung entsetzt fest? Die Damen, auch die ganz kleinen, gewinnen in gar nicht so wenigen Bereichen! Sie benehmen sich besser, sie sind besser in Deutsch, in Kunst, in Mathe und womöglich sogar in Physik. Sie vernetzen sich besser, sie verstehen schneller und die Sache mit dem Einparken wollen wir lieber gar nicht noch einmal testen. Und wenn man den Damen noch die letzten Hürden aus dem Weg räumt, wenn man wirklich faire Bedingungen schafft, dann hat es die jetzige Generation von Jungs vielleicht tatsächlich etwas schwerer zum Zug zu kommen, als es ihre Vorfahren hatten. Vorfahren wohlgemerkt, die aber vielleicht schon deswegen auch nicht zum Zug kamen, weil sie ihre Aggressionen noch vor Verdun austoben mussten und nicht in einer Basketball-AG am Sonnabendnachmittag, aber das nur am Rande. Klaus Hurrelmann, einer jener Experten, die schneller zu einem Trend interviewt werden, als dieser im Boulevard thematisiert werden kann, sagt im Spiegel: „Wir müssen [in der Schule, MB] die gleiche kompensatorische Strategie fahren, die bei den Mädchen in den letzten 30 Jahren erfolgreich war.“ Wir müssen also die Schulpolitik, die den Mädchen endlich, endlich einen kleinen Vorteil verschaffte, neu justieren, damit die Jungs wieder aufholen können. Darüber kann man ruhig mal einen Augenblick verblüfft nachdenken.
Das Thema ist ein wenig verwirrend, denn sicherlich ist man sich allgemein einig, dass wir heute die beste Schule aller Zeiten haben. Das klingt vielleicht komisch, bei all der Empörungsbereitschaft ringsum, aber vor uns, was war denn da bitte? Die selbstgerechten 68er mit den antiautoritären Experimenten, die verklemmten Altnazis der stockkonservativen Nachkriegszeit, Kriegsjahre mit Notabitur, die strammen Dreißiger Jahre, die Rohrstockzeit des anbrechenden zwanzigsten Jahrhunderts – das, bitte sehr, war vor uns. Wir leben im pädagogischen Paradies, wir leben überhaupt in einem Sahnehäubchen der Geschichte, was unsere Alltagskultur und –soziologie angeht. Und mitten in diesem fetten Wohlleben regen wir uns darüber auf, dass die modernen Rabauken von heute im Schulsystem frühzeitig scheitern, dass man mit Aggressionen allmählich keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, und dass die Gesellschaft, die zusehends durch Frauen geprägt wird, verstärkt ganz andere Qualitäten nachfragt. Qualitäten, die man tendenziell eher den Frauen zuschreibt. Tendenziell, nicht kategorisch, die Unterscheidung ist wichtig. Denn, eine der erhellendsten Stellen bei Beuster und auch bei den anderen: die Bandbreite für Verhaltensweisen innerhalb eines Geschlechts ist bei jedem (!) Aspekt größer als der durchschnittliche Unterschied zum anderen Geschlecht. Der Mensch, auch der männliche, fällt nämlich ziemlich verschieden aus, aber über diesen Punkt gehen die Autoren gerne schnell hinweg, er dient ihrer Sache so gar nicht.
Und wenn heute ein Tom aus Basel, Hamburg oder Wien den Unterricht stört, weil er einen Käfer in einer Schachtel zu fangen versucht, mutmaßlich um ihn später langsam und genüsslich umzubringen, und wenn seine Angebetete währenddessen die Fragen der Lehrerin eloquent und kompetent wie stets beantwortet, weil sie ihre Schulaufgaben natürlich gemacht hat, dann ist es heute eben nicht mehr so, dass sie zwanzig Jahre später irgendwo am Herd steht und ein Kind an jeder Brust hat, während er dann doch noch Generaldirektor geworden ist, weil er in der Burschenschaft oder im Schützengraben ordentlich hingelangt hat. Heute ist es wohl eher so, dass sie die Vorstandschefin der Deutschen Bank wird, während er als schlecht bezahlter, aber hoffentlich wenigstens engagierter Kindergärtner irgendwo in einem netten Vorort ihre Kinder entertaint. Und wenn man dies mit etwas geschichtlichem Abstand betrachtet und nicht nur aus dem äußerst engen Blickwinkel der letzten zwanzig, dreißig Jahre, dann kann man, ob man nun Mann ist oder Frau, vielleicht doch einmal tief Luft holen, sich zurücklehnen und aus ganzem Herzen sagen: „Na und?“
Ich habe zwei kleine Söhne. Ich werde ihnen rechtzeitig Tom Sawyer schenken.
Sep
Fünf Bücher
by Maximilian Buddenbohm in
Ich habe etwas zu dem sehr lobenswerten Blog “Fünf Bücher” beigetragen. Hier.
Sep
Sep
Kühlungsborn II
by Maximilian Buddenbohm in
Sep
Der Nebel steigt, es fällt das Laub
by Maximilian Buddenbohm in
Es ist Herbst geworden, daran kann es keine Zweifel mehr geben. Wenn es schon keinen Sommer gab, auf den Herbst ist Verlass, der ist wie ein guter Freund, der kommt immer wieder vorbei und verändert sich nicht. Der norddeutsche Mensch trägt endlich wieder Mode, die ihm auch tatsächlich steht und die nicht den Einwohnern von Südseeinseln vorbehalten sein sollte. Das ist sehr angenehm, die Jahreszeit hat also auch Vorteile. Es wird früher dunkel, die Menschen wenden sich trostreichen Eintopfrezepten zu und rücken enger zusammen. Jedenfalls wenn sie jemanden haben, zu dem sie rücken können. Ich z.B., ich habe. Und wenn man so rückt und im Überschwang des goldenen Herbstlichtes scherzhaft anmerkt, dass man aus einem urmännlichen herbstlichen Gefühlsüberschwang heraus gerade in eine besondere Stimmung gerät und am liebsten röhrend durch die Wälder ziehen möchte, wie die brünftigen Hirsche auf weiter Flur – dann sollte man sehr gut aufpassen, dass der Nachwuchs gerade nicht zuhört. Denn Vierjährige verstehen zwar vieles, können aber mit der Kategorie „Das war ein Scherz“ noch nicht umgehen. Der Sohn diskutiert seit einer halben Stunde mit seinem besten Kumpel, was genau seinen Vater wohl röhrend in den Wald treibt, ob das alle Väter so machen und wie man sich das genau vorzustellen hat. Schon am Montagmorgen wird er das Thema sicherlich mit den nächstwichtigen Bezugspersonen erörtern, also den Kindergärtnerinnen und all seinen weiteren Spielkameraden aus der Gruppe. Ich freue mich jetzt schon auf die Blicke, wenn ich den Kleinen wieder abhole.
Wie schrieb Theodor Storm? „Schenk ein den Wein, den holden, wir wollen uns den grauen Herbst vergolden, ja vergolden.“ Ganz genau, manchmal geht es nur noch so. Prost, meine Herren.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Sep
Sep
Sep
Piraten
by Maximilian Buddenbohm in
Zufällig erfuhr ich gestern vom Erfolg der Berliner Piraten, als ich wieder einmal auf einer Piratenparty eines Freundes von Sohn I stand. Ich sah die Nachrichten aus der Hauptstadt auf meinem Handy, und dann sah ich wieder die tobenden Kleinen um mich herum. Piratenparty und Piratenpartei, das war an sich schon völlig absurd. Immerhin gab es aber einen gemeinsamen Nenner, der überhaupt nicht zu übersehen war. Hier wie dort ging es in der Hauptsache um seltsam angezogene Jungs, die sehr gut gelaunt waren und fast keine Mädchen dabei hatten. Ich stand kopfschüttelnd in der Kinderschar, denn ich halte die Piraten aufgrund ihrer Position in Fragen des Urheberrechts für ganz und gar unwählbar, aber das führt hier zu weit. Sohn I fragte mich, was ich da auf dem Handy lesen würde. „In Berlin feiern die Piraten“, sagte ich. „Ja, aber hier doch auch“, sagte Sohn I erstaunt. Ich sagte ihm, dass das etwas anderes sei und dass die Piraten in Berlin viel grösser seien, woraufhin er mir souverän erklärte, dass die Piraten hier, also in Hamburg, schon auch noch grösser werden würden, und zwar jedes Jahr. Recht hat er, Geschichte kann so einfach erklärt werden, mehr muss man gar nicht wissen. Egal, wie man es findet.
Und bei der nächsten Bundestagswahl stehen dann vielleicht in ganz Deutschland Mütter und Väter von Vierjährigen vor den Wahlplakaten und versuchen verzweifelt ihrem Nachwuchs zu erklären, warum sie die Piratenpartei nicht wählen werden und dass es, warum auch immer, gar keine Indianerpartei als Ersatz gibt. Na, vielen Dank auch.
Sep
Lesen lernen
by Maximilian Buddenbohm in
Sohn I: “Kannst du mir vorlesen, was an dem Haus da steht?”
Ich: “Ja, gerne. Da steht: “Lobet den Herrn alle Völker.”
Sohn I: “Das ist ja schön.”
Ich: “Ja, findest du?”
Sohn I: “Ja, da sind zwei N drin, das mag ich.”
Sep
Freundliche Variationen
by Maximilian Buddenbohm in
Im “Hamburger Kopftuchstreit” wurde einer muslimischen Lehrerin jetzt verordnet, dass sie im Unterricht hellere Kopftücher als bisher tragen muss und diese des öfteren farblich zu variieren hat. Dabei handelt es sich tatsächlich keineswegs um einen Scherz. Man hat die Gelegenheit aber nicht genutzt, gleichzeitig sämtliche Hamburger Oberstudienräte anzuweisen, mindestens einmal jährlich das Tweedsakko zu wechseln. Seltsam.
Sep
Kinderspiele
by Maximilian Buddenbohm in
Da die Kindergeburtstage bei uns im Doppelschlag stattfinden, haben wir zum Herbst hin eine ungewöhnliche Häufung neuen Spielzeugs im Haushalt. Nicht ganz überraschend, dass die Söhne in leichter Überforderung die neuen Freuden erst einmal ignorieren und verstärkt mit den alten Sachen spielen. Da freut sich manch altes Schiebeauto, das es noch einmal zum Einsatz kommt und endlich richtig Strecke machen kann, während die frischen Geschenke noch ein paar Wochen im Regal warten müssen. Währenddessen spricht Sohn II jeden Tag mehr, die beiden Söhne können sich also allmählich auch immer besser unterhalten und abstimmen. Die Zeiten, in denen die beiden im Kinderzimmer verschwinden und sich alleine amüsieren, sie werden länger und länger. Erwachsene sind dabei nicht unbedingt erwünscht und wenn man wissen will, was die beiden treiben, muss man sich anschleichen wie die Indianer bei Karl May. Dann allerdings kann man faszinierende Szenen beobachten, denn selbstverständlich spiegeln die Kinderspiele die Gesellschaft, siehe hierzu übrigens auch Heinrich Heine, in dem wundervollen Gedicht „An meine Schwester (Charlotte)“, geschrieben etwa 1822:
Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen ins Hühnerhäuschen,
Versteckten uns unter das Stroh.
Wir krähten wie die Hähne,
Und kamen Leute vorbei -
“Kikereküh!” sie glaubten,
Es wäre Hahnengeschrei.
Die Kisten auf unserem Hofe,
Die tapezierten wir aus,
Und wohnten drin beisammen,
Und machten ein vornehmes Haus.
Des Nachbars alte Katze
Kam öfters zum Besuch;
Wir machten ihr Bückling’ und Knickse
Und Komplimente genug.
Wir haben nach ihrem Befinden
Besorglich und freundlich gefragt;
Wir haben seitdem dasselbe
Mancher alten Katze gesagt.
Wir saßen auch oft und sprachen
Vernünftig, wie alte Leut’,
Und klagten, wie alles besser
Gewesen zu unserer Zeit;
Wie Lieb’ und Treu’ und Glauben
Verschwunden aus der Welt,
Und wie so teuer der Kaffee,
Und wie so rar das Geld! —
Vorbei sind die Kinderspiele,
Und alles rollt vorbei -
Das Geld und die Welt und die Zeiten,
Und Glauben und Lieb’ und Treu’.
Das Gedicht wurde von Erich Ferstl sehr schön vertont und es gibt auf Youtube eine hörenswerte alte Aufnahme von Esther Ofarim mit diesem Lied – hier – , in der bizarren Mode meiner Kindheit. Besonders die letzten Zeilen des Gedichtes gewinnen ungemein in der gesungenen Version.
Die Söhne spielen natürlich nicht Hühnerstall, ihnen würde auch das Beispiel dafür fehlen. Die Söhne spielen Einkaufserlebnisse nach. Gestern etwa konnte ich folgende Szene beobachten:
Sohn I: „Wollen wir Laden spielen?“
Sohn II: „Nein, Bioladen!“
Sohn I: „Na gut.“
Und dann spielten sie Bioladen, was man sich so vorzustellen hat, dass Sohn I entschlossen die Kasse plündert und Sohn II laut dazu „Bio! Bio!“ brüllt. Es bleibt natürlich vollkommen rätselhaft, was das mit der Wirklichkeit zu tun haben soll.
Sep
Lebe wild und gefährlich
by Maximilian Buddenbohm in
Als ich etwa achtzehn Jahre alt war, trug ich eine Weile grün gefärbte Haare, um besonders revolutionär, nonkonformistisch und wild auszusehen. Bloß nicht in der Masse untergehen, um Himmel willen nicht wie andere sein. Ich ließ mir Ohrlöcher stechen und trank im Bus Bier aus Dosen. Ich hörte laute Musik aus Cassettenrekordern, die ich auf der Schulter herumtrug. Ich lungerte in Fußgängerzonen herum, zusammen mit den ganzen anderen jungen wilden Individualisten, die alle genau so aussahen, wie ich und die gleiche Musik hörten. Ich erkläre meinen staunenden Lehrern die Vorzüge der Anarchie, ich hing nächtelang auf Partys herum und ernährte mich von Tiefkühlpizza. Das war alles in allem recht anstrengend, aber das musste so sein, viele werden das kennen. Was hat man damals alles veranstaltet, nur um irgendwie aufzufallen! In der Rückschau hat man ein wenig Mitleid mit sich selbst, wenn man etwa ein Foto aus der Jugendzeit sieht. Dieser provokant sein sollende Blick, der heute nach simplem Kinderschmollen aussieht. Diese wilde Pose, die heute einfach albern wirkt. Schlimm.
Ich hatte gerade Geburtstag. Die Kollegen in meinem Alter haben alle grau melierte Schläfen. Wir tragen alle recht ähnliche Anzüge, wir kaufen die Hemden im gleichen Laden. Wir haben Frau und Kinder, demnächst brauchen wir eine Lesebrille. Wir machen ähnliche Arbeit. Und doch bin ich immer noch der wilde Abweichler, der Revoluzzer vom Dienst. Ich muss beim Smalltalk vor einem Meeting nur gelassen auf eine Kleinigkeit hinweisen, die mich aus der Masse heraushebt: „Nein, Kollegen, ich golfe immer noch nicht.“ Und ihre staunend erhobenen Augenbrauen bestätigen mich in dem schönen Gedanken: Ich bin immer noch eine coole Sau. Es war nie leichter als heute.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Sep
Kleine Pause
by Maximilian Buddenbohm in
Aus ganz tollen orthopädischen Gründen findet hier etwa eine Woche nichts statt.
Sep
Fashion-Update
by Maximilian Buddenbohm in
Man merkt, dass man in einem Szenestadtteil lebt, wenn man dem Kind bei Regen schnell mal ein große Plastiktüte mit eingerissenen Löchern für Kopf und Arme überzieht, weil man dummerweise nichts anderes dabei hat, und auf der Straße einen dann alle begeistert ansprechen, weil sie das für eine total hippe Idee halten.
Sep


















