Der Fall der Mauer ist so lange her, dass man gar nicht mehr weiß, wie viele Jahre es eigentlich sind. Mehr als zwanzig, hätten Sie das gedacht? Im Büro arbeiten neben mir Menschen aus Mecklenburg, wir haben nie über die Herkunft gesprochen, das ist gar nicht mehr so interessant. Die deutsche Teilung ist längst kein Alltagsthema mehr für die Menschen meiner Generation. Aber wie mag es den Jüngeren gehen? Den Menschen, die keine innerdeutsche Grenze mitbekommen haben? Welches Deutschlandbild haben die eigentlich im Kopf? Praktischerweise kann ich Sohn I fragen, der ist fast 4 Jahre alt und sehr, sehr auskunftsfreudig. Ich habe ihn also nach Deutschland gefragt, und er hat sofort zurückgefragt: „Welches?“ Oh, habe ich gedacht, jetzt wird es aber sehr erstaunlich. Dann haben wir lange geredet. Jetzt weiß ich, dass er tatsächlich zwei deutsche Länder im Kopf hat. Eines entspricht etwa der Gegend um Lübeck und Hamburg, es ist das Land, in dem er aufwächst. Das zweite deutsche Land ist ganz anders, schon baulich. Die Leute reden dort anders, die Landschaft sieht anders aus, es ist begrenzter und viel kleiner. Er findet dieses andere Deutschland aber ganz sympathisch, er war auch schon ein paar Mal da. Das eine, Sie werden es gleich ganz logisch finden, ist Festlanddeutschland, das andere ist Helgoland. Beide sind deutsch, aber doch getrennt und irgendwie ganz anders. Man kann nur mit Schwierigkeiten von dem einen in den anderen Teil reisen und schon wegen der Robben auf der Insel wäre es wirklich schön, wenn endlich zusammen finden würde, was doch zusammen gehört, und Helgoland wieder mit dem Festland verbunden wäre, so dass man schneller da wäre.

Die Überwindung dieser Teilung könnte zwar baulich etwas herausfordernd werden, aber egal – jede Generation braucht ihre Aufgabe! Wir haben unseren Teil erfüllt, jetzt sind die Nächsten dran. Sollen sie mal machen.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

 

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